Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Nun, wie geht es mit deiner Gesundheit?« fragte er.
»Was kommt auf die Gesundheit an? Macht dir auch ‘ne Krankheit Not, Gott schickt nicht sogleich den Tod«, erwiderte Karatajew und kehrte sofort wieder zu der begonnenen Erzählung zurück.
»Also, lieber Bruder«, fuhr Platon mit einem Lächeln auf dem mageren, blassen Gesicht und einem besonders freudigen Glanz in den Augen fort. »Also, lieber Bruder …«
Pierre kannte diese Geschichte schon lange; Karatajew hatte sie ihm allein schon etwa sechsmal erzählt, und immer mit einem besonderen Gefühl der Freude. Aber so gut er sie auch kannte, so hörte er jetzt doch zu, als wäre es etwas ganz Neues, und das stille Entzücken, das offenbar die Seele des erzählenden Karatajew erfüllte, ging auch auf Pierre über. Die Geschichte handelte von einem alten Kaufmann, der ehrbar und gottesfürchtig mit seiner Familie lebte und einmal mit einem Bekannten, einem reichen Kaufmann, nach dem Makarijew-Kloster zur Messe fuhr.
Die beiden Kaufleute kehrten in einer Herberge ein und legten sich schlafen, und am andern Tag wurde der Bekannte des Kaufmanns ermordet und beraubt aufgefunden. Ein blutiges Messer fand man unter dem Kopfkissen des alten Kaufmanns. Der Kaufmann wurde vor Gericht gestellt, mit Knutenhieben gezüchtigt und, nachdem ihm die Nasenlöcher aufgerissen waren (»wie es sich gehört, alles nach der Ordnung«, sagte Karatajew), zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt.
An dieser Stelle von Karatajews Erzählung war Pierre jetzt dazugekommen, und Karatajew fuhr fort: »Also, lieber Bruder, nach diesem Ereignis waren nun zehn Jahre oder noch mehr vergangen. Der alte Mann lebte als Sträfling. Wie es sich gehört, fügte er sich in alles und tat nichts Übles. Nur um seinen Tod betete er zu Gott. Also gut. Da waren sie einmal in einer Nacht zusammen, die Sträflinge, geradeso wie wir jetzt; und der alte Mann war auch dabei. Und da kam das Gespräch darauf, wofür ein jeder seine Strafe leide, womit er sich gegen Gott versündigt habe. Sie fingen an zu erzählen: der hatte einen Menschen ermordet, der zwei, der hatte Feuer angelegt, der war so mir nichts dir nichts desertiert. Da fragten sie nun auch den alten Mann: ›Wofür leidest du denn deine Strafe, Großväterchen?‹ ›Ich, meine lieben Brüder‹, sagte er, ›leide Strafe für meine Sünden und für die Sünden der Menschheit. Ich habe keinen Menschen gemordet und habe kein fremdes Gut genommen; ich habe immer meinen bedürftigen Mitmenschen von dem Meinigen gegeben. Ich war Kaufmann, meine lieben Brüder, und besaß großen Reichtum.‹ So und so, und er erzählte ihnen, wie alles hergegangen war, alles der Reihe nach. ›Ich beklage mich nicht über mein Schicksal‹, sagte er. ›Gott hat mich heimgesucht. Nur um meine Frau und die Kinder tut es mir leid‹, sagte er. Und da brach der alte Mann in Tränen aus. Nun traf es sich zufällig, daß unter den Anwesenden auch eben jener Mensch war, der den Kaufmann ermordet hatte. ›Wo ist das gewesen, Großväterchen?‹ sagte er. ›Wann, in welchem Monat?‹ So fragte er ihn über alles aus. Und da wurde ihm weh ums Herz. Er ging so auf den alten Mann zu, und auf einmal, baff, warf er sich ihm zu Füßen. ›Um meinetwillen bist du ins Unglück geraten, lieber Alter‹, sagte er. ›Ich sage die reine Wahrheit, Kinder‹, sagte er, ›dieser Mann leidet völlig unschuldig. Ich selbst‹, sagte er, ›habe jene Tat begangen und dir, während du schliefst, das Messer unter den Kopf geschoben. Verzeih mir, Großväterchen‹, sagte er, ›um Christi willen.‹«
Karatajew schwieg, blickte mit freudigem Lächeln ins Feuer und schob die Holzscheite zurecht.
»Und da sagte der alte Mann: ›Gott wird dir verzeihen; wir sind alle vor Gott Sünder‹, sagte er. ›Ich leide für meine Sünden.‹ Und er weinte bitterlich. Und denke dir, mein lieber Falke«, sagte Karatajew, und das entzückte Lächeln auf seinem Gesicht strahlte immer heller und heller, wie wenn in dem, was er jetzt erzählen wollte, der Hauptreiz und der eigentliche Wert der Erzählung läge, »und denke dir, mein lieber Falke: dieser Mörder zeigte sich selbst bei der Obrigkeit an. ›Ich habe‹, sagte er, ›sechs Menschen gemordet‹ (er war ein großer Bösewicht), ›aber am meisten bereue ich das, was ich diesem alten Mann angetan habe. Er soll nicht mehr um meinetwillen weinen.‹ Er legte ihnen alles dar; sie schrieben ein Papier und schickten es an den gehörigen Ort. Das war weit weg, und es dauerte lange, bis Prozeß und Gericht stattgefunden hatten und bis sie alle Papiere geschrieben hatten, wie es bei den Behörden sein muß. Die Sache ging bis zum Zaren. Endlich kam ein Befehl vom Zaren: der Kaufmann solle freigelassen werden, und es solle ihm eine Entschädigung gegeben werden, so hoch, wie sie ihm das Gericht zuerkannt habe. Also dieses Papier war gekommen, und nun fing man an, den alten Mann zu suchen: ›Wo ist der alte Mann, der unschuldig bestraft worden ist? Es ist ein Papier vom Zaren gekommen!‹ Da suchten sie nun.« Karatajews Unterkiefer zitterte. »Aber Gott hatte ihn schon erlöst; er war gestorben. Ja, so war das, mein lieber Falke«, schloß Karatajew seine Erzählung und blickte lange, schweigend und lächelnd, vor sich hin.
Nicht diese Erzählung selbst, sondern ihr verborgener Sinn und die schwärmerische Freude, in der Karatajews Gesicht bei dieser Erzählung erglänzte, und die verborgene Bedeutung dieser Freude, das war’s, was jetzt Pierres Seele mit einer starken, wenn auch unklaren Freudenempfindung erfüllte.
XIV
»An die Plätze!« rief plötzlich eine Stimme. Unter den Gefangenen und den eskortierenden Soldaten entstand eine freudige Erregung, eine Erwartung von etwas Beglückendem, Feierlichem. Von allen Seiten erschollen Kommandorufe, und zur Linken erschienen, im Trab an den Gefangenen vorbeireitend, Kavalleristen in guter Montur auf guten Pferden. Auf allen Gesichtern lag jener Ausdruck von Spannung, wie ihn die Menschen beim Herannahen hoher Machthaber zu zeigen pflegen. Die Gefangenen drängten sich in einen Haufen zusammen; man stieß sie vom Weg herunter; die Soldaten stellten sich in Reih und Glied.
»Der Kaiser! Der Kaiser! Der Marschall! Der Herzog!« wurde bei den Franzosen gerufen.
Und kaum war die wohlgenährte Eskorte vorbeigesprengt, als rasselnd eine mit vier Grauschimmeln bespannte Kutsche vorbeifuhr. Pierre sah einen Augenblick lang das ruhige, schöne, dicke weiße Gesicht eines Mannes mit dreieckigem Hut. Es war einer der Marschälle. Der Blick des Marschalls fiel auf Pierres große, auffällige Gestalt, und den Ausdruck, mit dem der Marschall die Brauen zusammenzog und das Gesicht wegwandte, deutete sich Pierre als Mitleid und als den Wunsch, dieses Mitleid zu verbergen.
Der General, der das Depot führte, trieb sein mageres Pferd an und sprengte mit rotem, erschrockenem Gesicht der Kutsche nach. Einige Offiziere traten zusammen, und viele Soldaten umringten diese Gruppe. Alle Gesichter hatten einen erregten, gespannten Ausdruck.
»Was hat er gesagt? Was hat er gesagt?« hörte Pierre sie fragen.
Während der Marschall vorbeifuhr, hatten sich die Gefangenen in einen Haufen zusammengedrängt, und Pierre hatte Karatajew erblickt, den er an diesem Vormittag noch nicht gesehen hatte. Karatajew saß, in seinen Mantel gehüllt, auf der Erde und lehnte sich an eine Birke. Auf seinem Gesicht leuchtete außer jenem Ausdruck freudiger Rührung, den es gestern bei der Erzählung von dem unschuldigen Leiden des Kaufmanns gezeigt hatte, noch ein Ausdruck stiller Feierlichkeit.
Karatajew blickte Pierre mit seinen guten, runden Augen an, die jetzt von Tränen verschleiert waren, und wollte ihn augenscheinlich mit diesem Blick zu sich rufen, um ihm etwas zu sagen. Aber Pierre fürchtete zu sehr für sich selbst. Er tat, als hätte er Karatajews Blick nicht gesehen, und ging eilig weg.