Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Der alte Oberkommandierende, der in Hofdingen ebenso erfahren war wie im Krieg, jener Kutusow, der im August desselben Jahres gegen den Willen des Kaisers an die Spitze des gesamten Heeres gestellt worden war, der den Großfürsten und Thronfolger aus der Armee entfernt und auf Grund seiner Macht die Preisgabe Moskaus gegen den Willen des Kaisers angeordnet hatte – dieser Kutusow begriff jetzt sogleich, daß seine Zeit vorbei, seine Rolle ausgespielt war, und daß er die vermeintliche Macht bereits nicht mehr in Händen hatte. Und nicht nur aus seinen Beziehungen zum Hof wurde ihm dies klar. Er sah einerseits, daß die Kriegsoperationen, bei denen er eine Rolle gespielt hatte, zu Ende waren, und fühlte, daß er seinen Ruf erfüllt hatte. Andrerseits machte sich aber auch zur gleichen Zeit in seinem alten Körper eine physische Müdigkeit bemerkbar, so daß eine längere Erholung für ihn zur Notwendigkeit wurde.
11
Am 29. November zog Kutusow in Wilna ein, in seinem lieben Wilna, wie er sagte. Zweimal während seiner Dienstjahre war er in dieser Stadt Gouverneur gewesen. In dem reichen, unversehrten Wilna fand er außer allen Bequemlichkeiten des Lebens, deren er nun schon so lange beraubt war, noch viele alte Freunde und Erinnerungen vor. Und gleich wandte er sich von allen Kriegs und Staatssorgen ab und versenkte sich in ein gleichmäßiges, gewohntes Leben, soweit ihn die Leidenschaften, die rings um ihn im Sieden waren, in Ruhe ließen, als ginge ihn all das, was sich in der Weltgeschichte soeben vollzogen hatte und noch vollzog, nicht das geringste an.
Tschitschagow, einer der leidenschaftlichen Anhänger aller Abschneidungs- und Zurückwerfungspläne, Tschitschagow, der anfänglich eine Diversion nach Griechenland und dann nach Warschau unternehmen, aber niemals dahin gehen wollte, wohin es ihm befohlen war, Tschitschagow, bekannt durch seine kühnen Reden dem Kaiser gegenüber, Tschitschagow, der sich für Kutusows Gönner hielt, weil er, als er 1811 nach der Türkei gesandt worden war, um dort ohne Wissen Kutusows Frieden zu schließen, und sich davon überzeugte, daß der Friede bereits geschlossen war, dem Kaiser eingestand, das Verdienst des Friedensschlusses gebühre Kutusow – dieser selbe Tchitschagow war der erste, der Kutusow vor dem Schloß in Wilna, wo dieser absteigen sollte, entgegenkam. Tschitschagow in Marineinterimsuniform mit kurzem Degen, die Mütze unter dem Arm, überreichte Kutusow den Frontrapport und die Stadtschlüssel. Jene ehrerbietige Geringschätzung der jüngeren Offiziere gegen den angeblich kindisch gewordenen Alten kam im höchsten Grad in dem ganzen Benehmen Tschitschagows zum Ausdruck, der von den Beschuldigungen, die man gegen Kutusow erhob, bereits gehört hatte.
In der Unterhaltung mit Tschitschagow erwähnte Kutusow unter anderem, die Tschitschagow bei Borisow abgenommenen Wagen mit Geschirr seien unversehrt und würden ihm wieder ausgeliefert werden.
»C’est pour me dire que je n’ai pas sur quoi manger … Je puis au contraire vous fournir de tout dans le cas même où vous voudriez donner des dîners«, erwiderte auffahrend Tschitschagow, der mit jedem Wort seine Tüchtigkeit zu beweisen suchte und deshalb bei Kutusow dasselbe Bestreben voraussetzte.
Kutusow lächelte sein feines, scharfes Lächeln und antwortete achselzuckend: »Ce n’est que pour vous dire ce que je vous dis.«
Gegen den Willen des Kaisers ließ Kutusow in Wilna einen großen Teil der Truppen haltmachen. Er selber führte nach den Aussagen seiner nächsten Umgebung während seines Aufenthaltes in Wilna ein rechtes Lotterleben, das seine körperlichen Kräfte außerordentlich schwächte. Nur ungern beschäftigte er sich mit Heeresangelegenheiten, überließ alles seinen Generälen und gab sich, während er auf den Kaiser wartete, den Zerstreuungen des Lebens hin.
Der Kaiser reiste mit seiner Suite, dem Grafen Tolstoi, dem Fürsten Wolkonskij, Araktschejew und anderen, am 7. Dezember von Petersburg ab, kam am 11. in Wilna an und fuhr in seinem Reiseschlitten gleich nach dem Schloß. Trotz der starken Kälte standen vor dem Schloß gegen hundert Generäle und Stabsoffiziere in voller Paradeuniform und eine Ehrenwache des Semjonower Regimentes.
Ein Kurier kam mit schweißbedecktem Dreigespann vor dem Kaiser am Schloß an und rief: »Er kommt!« Konownizyn stürzte über den Flur, um Kutusow, der im kleinen Portierzimmer wartete, die Ankunft des Kaisers zu melden.
Einen Augenblick später trat die große, dicke Gestalt des alten Mannes in voller Paradeuniform mit allen Orden, die seine ganze Brust bedeckten, den Leib von einer Schärpe umspannt, schwankenden Schrittes auf die Freitreppe hinaus. Er trug die breite Seite des Hutes nach vorn, hatte die Handschuhe in der Hand, schritt mühsam die Stufen seitlich hinab, trat hinunter und nahm den Rapport für den Kaiser entgegen, den man für ihn zum Überreichen bereitgehalten hatte.
Ein Rennen, ein Flüstern, noch eine mit rasender Geschwindigkeit vorüberfliegende Troika – und alle Augen richteten sich auf den heranbrausenden Schlitten, in dem die Gestalten des Kaisers und Wolkonskijs zu unterscheiden waren.
Dies alles wirkte einer fünfzigjährigen Gewohnheit gemäß auf den alten General physisch erregend. Hastig und besorgt betastete er sich, rückte den Hut zurecht, und auf einmal, gerade als der Kaiser, aus dem Schlitten steigend, ihn anblickte, richtete er sich straff und gerade auf, überreichte den Rapport und fing mit seiner gemessenen, einschmeichelnden Stimme zu reden an.
Der Kaiser musterte Kutusow mit einem schnellen Blick vom Kopf bis zu den Füßen, ein Schatten flog für einen Augenblick über sein Gesicht, aber sogleich beherrschte er sich, trat auf den alten General zu, streckte ihm beide Hände entgegen und umarmte ihn. Wieder machte diese Umarmung auf Kutusow den gewohnten Eindruck, und wohl auch deshalb, weil er sich seine eignen Gedanken dabei machte, übte sie auf ihn die alte Wirkung aus: er fing an zu schluchzen.
Der Kaiser dankte den Offizieren und der Semjonower Ehrenwache, drückte dem Alten noch einmal die Hand und ging mit ihm ins Schloß.
Nachdem der Kaiser mit dem Feldmarschall allein geblieben war, sprach er ihm seine Unzufriedenheit über die langsame Verfolgung und die Fehler bei Krasnoje und an der Beresina aus und teilte ihm seine Ansichten über den nun kommenden Feldzug jenseits der Grenze mit. Kutusow hatte weder etwas zu bemerken noch einzuwenden. Derselbe gehorsame, verständnislose Ausdruck, mit dem er vor sieben Jahren des Kaisers Befehle bei Austerlitz angehört hatte, lag auch jetzt wieder auf seinem Gesicht.
Als Kutusow mit seinem schwerfälligen, schwankenden Gang gesenkten Hauptes aus dem Kabinett trat und durch den Saal ging, hielt ihn eine Stimme an.
»Euer Durchlaucht«, sagte jemand.
Kutusow hob den Kopf und blickte lange dem Grafen Tolstoi ins Auge, der mit einem kleinen Gegenstand auf einer silbernen Platte vor ihm stand. Kutusow schien nicht zu begreifen, was er von ihm wollte.
Plötzlich schien er sich klar zu werden, ein kaum merkliches Lächeln huschte über sein aufgeschwemmtes Gesicht, tief und ehrerbietig verbeugte er sich und nahm den Gegenstand, der auf der Platte lag. Es war das Georgskreuz erster Klasse.
12
Am folgenden Tag fand beim Feldmarschall ein Festessen mit Ball statt, das der Kaiser mit seiner Anwesenheit beehrte. Kutusow hatte das Georgskreuz erster Klasse erhalten, der Kaiser erwies ihm die höchsten Ehren, und doch wußten alle, daß man an höchster Stelle mit ihm unzufrieden war. Aber der Anstand wurde gewahrt, und der Kaiser war der erste, der darin mit gutem Beispiel voranging, wenn auch alle wußten, daß sich der alte Mann manches hatte zuschulden kommen lassen und zu nichts mehr taugte. Als Kutusow beim Eintritt des Kaisers in den Ballsaal nach einem alten Brauch aus der Zeit Katharinas die erbeuteten Fahnen zu Füßen Alexanders ausbreiten ließ, zog der Kaiser, unangenehm berührt, die Stirn kraus und murmelte etwas vor sich hin, woraus einige die Worte: »Alter Komödiant!« herausgehört zu haben behaupteten.
Die Unzufriedenheit Alexanders mit Kutusow wurde in Wilna immer größer, vor allem, weil Kutusow die Bedeutung des bevorstehenden Feldzugs sichtlich nicht begreifen konnte.