Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Wirklich, der kann’s! Ha-ha-ha-ha-ha!« Von allen Seiten ertönte rauhes, lustiges Gelächter.
Morel zog ein schiefes Gesicht, lachte aber ebenfalls.
»Jetzt weiter, weiter!«
»Das war aber fein. Nun du, Saletajew!«
»Kü…« wiederholte Saletajew mühsam. »Kü-ü-ü …« brachte er gedehnt heraus und zog emsig die Lippen breit, »letriptala de bu de ba detrawagala«, sang er nach.
»Famos! Der reine Franzose! Ha-ha-ha! Na und du, willst du noch essen?«
»Gib ihm nur noch Grütze. Bei dem Hunger ist der noch lange nicht satt.«
Wieder gaben sie Morel Grütze, und dieser machte sich lachend über den dritten Kessel her. Auf den Gesichtern der jungen Soldaten, die Morel zusahen, lag ein vergnügtes Lächeln. Die älteren, die es für unpassend hielten, sich mit solchen Narrenspossen abzugeben, lagen auf der anderen Seite des Feuers, schielten aber doch ab und zu, auf ihre Ellbogen gestützt, zu Morel hinüber.
»Sie sind doch auch Menschen«, sagte der eine von ihnen und hüllte sich in seinen Mantel. »Auch der Wermut wächst aus einer Wurzel heraus.«
»O Gott, o Gott! Was für eine Unmenge Sterne! Wir kriegen Kälte …«
Dann wurde alles still.
Am schwarzen Himmel trieben die Sterne ihr Spiel, als wüßten sie, daß sie jetzt niemand beobachtete. Bald aufblitzend, bald verlöschend, bald zitternd flüsterten sie einander geschäftig etwas Frohes, aber Geheimnisvolles zu.
10
Das französische Heer schmolz in mathematisch regelmäßiger Progression dahin. Und jener Übergang über die Beresina, über den so viel geschrieben worden ist, war bei der Vernichtung der französischen Truppen nur eine der Zwischenstufen, durchaus nicht der entscheidende Augenblick des Feldzugs. Wenn über die Beresina so viel geschrieben wurde und noch geschrieben wird, so kommt das bei den Franzosen nur daher, weil sich hier auf der einstürzenden Brücke der Beresina alle Not der französischen Truppen, die sie sonst gleichmäßig verteilt erduldet hatten, plötzlich auf einen einzigen Augenblick und zu einem tragischen Schauspiel zusammendrängte, das allen im Gedächtnis blieb. Bei den Russen aber wird nur deshalb so viel über die Beresina gesprochen und geschrieben, weil fern vom Kriegsschauplatz, in Petersburg, von Pfuel ein Plan ausgeheckt worden war, Napoleon an der Beresina eine strategische Falle zu stellen. Alle waren davon überzeugt, daß sich in Wirklichkeit alles so abgespielt habe, wie es im Plan vorgesehen war, und deshalb behauptete man steif und fest, daß nur der Übergang über die Beresina die Franzosen zugrunde gerichtet habe. In Wirklichkeit aber waren die Folgen des Übergangs über die Beresina für die Franzosen, was die Verluste an Geschützen und Gefangenen anbetrifft, weit weniger verderblich als die der Schlacht bei Krasnoje, wie die Zahlen beweisen.
Die einzige Bedeutung des Übergangs über die Beresina besteht darin, daß er offenkundig und sicher bewies, wie falsch alle Abschneidungspläne waren, und wie richtig und einzig möglich das von Kutusow und sämtlichen Truppen – von der Masse – geforderte Vorgehen blieb: nämlich den Feind nur zu verfolgen. Die Masse der Franzosen floh mit ständig wachsender Schnelligkeit und hatte alle Energie nur auf dieses Ziel gerichtet. Sie lief davon wie ein verwundetes Tier und konnte auf ihrem Weg gar nicht mehr haltmachen. Das bewiesen nicht nur alle Anordnungen zum Übergang, sondern auch der Marsch über die Brücken selbst. Die Soldaten ohne Waffen, die Einwohner Moskaus, Frauen und Kinder, die sich im Zug der Franzosen befunden hatten, sie alle ergaben sich nicht etwa, als die Brücken eingestürzt waren, sondern stürmten unter dem Einfluß der Macht des Beharrungsvermögens vorwärts in die Kähne und in den eiskalten Fluß.
Dieses Drängen war nicht unvernünftig. Die Lage war für die Verfolger wie für die Fliehenden gleich schlecht. Blieb man bei den Seinen, so konnte man in der Not auf die Unterstützung eines Kameraden rechnen, auf einen bestimmten Platz, den man zwischen den Gefährten einnahm. Ergab man sich aber den Russen, so blieb man in derselben Notlage und geriet beim Verteilen der Lebensnotwendigkeiten dadurch nur noch eine Stufe tiefer. Die Franzosen brauchten gar keine sichere Kunde zu haben, daß die Hälfte der Gefangenen, mit denen man nichts anzufangen wußte, trotz aller Bestrebungen der Russen, sie zu retten, vor Hunger und Kälte umkamen, sie fühlten, daß dies gar nicht anders sein konnte. Selbst die mitleidigsten russischen Offiziere, Franzosenfreunde und Franzosen in russischen Diensten konnten nichts für die Gefangenen tun. Sie gingen zugrunde an der Not, in der sich die russischen Truppen selber befanden. Man konnte den hungernden eignen Soldaten, die man so nötig brauchte, doch nicht Brot und Kleidung wegnehmen und sie den Franzosen geben, die zwar keinen Schaden mehr anrichteten und nicht gehaßt, nicht schuldig, aber einfach überflüssig waren. Einige taten dies sogar, doch das waren nur Ausnahmen.
Hinter ihnen drohte der sichere Untergang, vor ihnen lag die Hoffnung. Die Schiffe waren verbrannt, es gab keine andere Rettung als die gemeinsame Flucht, und auf diese waren nun alle Kräfte der Franzosen gerichtet.
Je weiter die Feinde flohen, je kümmerlicher ihre Reste wurden, und vor allem nach dem Übergang über die Beresina, auf den man, dem Petersburger Plan zufolge, ganz besondere Hoffnungen gesetzt hatte, um so heftiger wurden die Leidenschaften der russischen Heerführer entfacht, so daß sie einander und vor allem Kutusow beschuldigten. Man nahm an, daß der Fehlschlag des Petersburger Planes an der Beresina auf ihn zurückzuführen sei, und Unzufriedenheit, Geringschätzung und Spott ihm gegenüber traten immer mehr zutage. Natürlich kam dies alles nur in so ehrerbietiger Form zum Ausdruck, daß es Kutusow unmöglich war, auch nur danach zu fragen, wessen man ihn beschuldigte und weshalb. Man verhandelte gar nicht mehr ernsthaft mit ihm, sondern legte nur seine Meldungen ab und fragte nach seiner Entscheidung mit einer Miene, als erfülle man eine bedauerliche Zeremonie, hinter seinem Rücken jedoch zwinkerte man sich zu und suchte ihn auf Schritt und Tritt zu betrügen.
Für alle diese Leute war es – gerade weil sie ihn nicht verstehen konnten – eine anerkannte Tatsache, daß mit dem Alten nicht zu reden sei, daß er nie einen ihrer tiefsinnigen Pläne verstehen und immer nur mit seinen Phrasen – sie hielten es nur für Phrasen – von der goldenen Brücke und daß man die Grenze nicht mit einem Haufen Vagabunden überschreiten dürfe, antworten werde. Dies hatten sie schon soundso oft von ihm gehört. Und alles, was er ihnen sagte: zum Beispiel, daß man auf Proviant warten müsse, daß die Mannschaften keine Schuhe hätten und so weiter – dies alles war so einfach und natürlich, während alles, was sie vorschlugen, so kunstvoll und weise war, daß es für sie keinem Zweifel unterlag, daß er alt und dumm, sie aber die genialen Heerführer waren, in deren Hand nur die Macht nicht lag.
Diese Stimmung und der Klatsch im Stabe erreichten ihren höchsten Grad, als die Armee Wittgensteins, dieses glänzenden Admirals und Helden von Petersburg, zum Heer gestoßen war. Kutusow bemerkte dies und zuckte nur seufzend die Schultern. Nur einmal, nach dem Übergang über die Beresina, geriet er in Zorn und schrieb an Bennigsen, der dem Kaiser einen Sonderbericht geschickt hatte, folgenden Brief: »Ihrer Krankheitsanfälle halber wollen Eure Exzellenz nach Eingang dieses Schreibens sich nach Kaluga begeben und dort die weiteren Befehle und Verfügungen Seiner Kaiserlichen Majestät abwarten.«
Aber sogleich nach Bennigsens Verschickung kam der Großfürst Konstantin Pawlowitsch[232] zur Armee, der anfänglich am Feldzug teilgenommen hatte und dann von Kutusow entfernt worden war. Bei seiner Ankunft teilte er Kutusow mit, daß der Kaiser mit den geringen Erfolgen unserer Truppen und ihrem langsamen Vorwärtskommen unzufrieden sei und in diesen Tagen selber bei der Armee einzutreffen beabsichtige.
232
Großfürst Konstantin Pawlowitsch: Bruder Alexanders I. und Thronfolger (nach Alexanders Tod 1825 verzichtete er jedoch auf den Thron).