Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»So lauf doch … Fall bloß nicht in den Dreck … Was bleibst du denn stehen … daß dich …«
Lustige, unflätige Schimpfworte flogen ununterbrochen hin und her.
»Was fällt euch denn ein?« erscholl plötzlich die Stimme eines Soldaten, der ein Vorgesetzter zu sein schien und den Trägern entgegenkam.
»Die Herren sind hier, der General selber ist drinnen im Haus, und ihr verfluchten Kerle schreit und schimpft hier herum. Ich werde euch lehren!« schrie der Feldwebel, holte mit der Hand aus und knuffte den ersten Soldaten, der ihm in den Weg kam, in den Rücken. »Könnt ihr das etwa nicht ruhig abmachen?«
Die Leute schwiegen. Der Soldat, den der Feldwebel geknufft hatte, wischte sich keuchend das Gesicht ab, das bei dem Puff gegen die Wand einen blutigen Riß bekommen hatte.
»Dieser Schweinehund, gleich haut er so zu! Einem die ganze Fresse blutig schlagen!« brummte der Soldat scheu und leise, als der Feldwebel fortgegangen war.
»Da bist du wohl kein Freund von?« meinte eine Stimme spottend, und mit gedämpften Stimmen gingen die Soldaten weiter.
Als sie aber das Dorf hinter sich hatten, begannen sie wieder ebenso laut zu schreien und pfefferten ihre Reden mit denselben unnötigen Schimpfworten.
In der Hütte, an der sie vorbeigegangen waren, hatten sich die höheren Offiziere versammelt, und beim Tee entspann sich eine lebhafte Unterhaltung über den vergangenen Tag und die für den nächsten Morgen geplanten Manöver. Es war ein Flankenmarsch von links in Aussicht genommen, wobei der Vizekönig abgeschnitten und gefangen werden sollte.
Als die Soldaten die Wand angeschleppt brachten, brannten schon auf verschiedenen Seiten die Küchenfeuer. Das Holz knisterte, der Schnee schmolz, und die schwarzen Schatten der Musketiere huschten hierhin und dorthin über den ganzen vom Lager eingenommenen Raum, wo der Schnee bereits niedergetreten war.
Überall arbeiteten Beile und Seitengewehre. Alles geschah ohne Befehl. Holz wurde herbeigeschleppt für die Nacht, man baute Reisighütten für die Offiziere, die Kessel brodelten, Gewehre und Munition wurden nachgesehen.
Die von der achten Kompanie herbeigeschleppte Wand wurde auf der Nordseite im Halbkreis aufgestellt, mit Pfählen gestützt und davor ein Feuer angezündet. Der Zapfenstreich wurde gespielt, die Soldaten gezählt, dann aßen sie ihr Abendbrot und machten es sich für die Nacht an den Feuern bequem. Die einen brachten ihre Schuhe in Ordnung, die anderen rauchten ihre Pfeife und andere wieder entkleideten sich und räucherten ihre Läuse aus.
8
Man hätte meinen sollen, daß unter jenen beinahe undenkbar schweren Daseinsbedingungen, in denen sich die russischen Soldaten damals befanden: ohne festes Schuhzeug, ohne Pelze, ohne Dach über dem Kopf, im Schnee bei achtzehn Grad Kälte, sogar ohne vollen Proviant, der dem Heer nicht immer so schnell folgen konnte – man hätte meinen sollen, daß die Soldaten das traurigste, kläglichste Schauspiel dargeboten hätten.
Aber im Gegenteil, niemals, auch nicht unter den besten äußeren Bedingungen, hatte das Heer ein lustigeres, lebhafteres Bild geboten. Und das kam daher, weil die Armee jeden Tag das, was schwach und elend wurde, ausschied. Alles, was sich körperlich und geistig nicht stark genug gezeigt hatte, war schon lange zurückgeblieben, und was jetzt noch übrig war, waren die körperlich und geistig Tüchtigen, die Blüte der Armee.
Bei der achten Kompanie, die sich die Wand herbeigeschleppt hatte, waren besonders viele Soldaten versammelt. Auch zwei Feldwebel hatten sich zu ihnen gesellt. Ihr Wachtfeuer flammte heller als das der anderen, denn für das Recht, hinter ihrer Wand zu sitzen, verlangten sie, daß man ihnen Brennholz lieferte.
»He, Makjejew, was machst du denn? Bist wohl verlorengegangen, oder haben dich die Wölfe gefressen? Bring doch Holz her«, schrie ein Soldat mit rotem Gesicht und rotem Haar, der wegen des Rauches die Augen zusammenkniff und blinzelte, aber trotzdem nicht vom Feuer wegging. »So lauf du doch mal hin, du Krähe, und hole Holz«, wandte er sich an einen anderen.
Der Rote war kein Unteroffizier und auch kein Gefreiter, aber ein robuster Soldat, und befahl deshalb denen, die schwächer waren als er. Der magere kleine Musketier mit der spitzen Nase, den sie Krähe nannten, stand gehorsam auf und wollte eben gehen und den Befehl ausführen, aber in diesem Augenblick trat die schlanke, hübsche Gestalt eines jungen Soldaten, der eine Last Holz herbeischleppte, in den Lichtkreis des Feuers.
»Her damit! Das ist fein!«
Das Holz wurde gebrochen, obenauf gelegt, dann bliesen sie mit dem Mund ins Feuer und fachten es mit den Mantelschößen an. Die Flamme zischte und knisterte. Die Soldaten rückten näher und steckten ihre Pfeifen in Brand. Der hübsche junge Soldat, der das Holz herbeigeschleppt hatte, stemmte die Hände in die Seiten und fing an, mit seinen erfrorenen Beinen schnell und gewandt am Ort herumzustampfen.
sang er und schien gleichsam bei jeder Silbe des Liedes zu schlucken.
»He, du! Deine Sohlen fliegen auf und davon!« rief der Rote, der bemerkt hatte, daß sich bei dem Tänzer die eine Sohle löste. »Tanzen ist Gift für die Stiefel.«
Der Tänzer hielt inne, riß die flatternde Sohle ab und warf sie ins Feuer.
»Stimmt, Bruder«, sagte er, setzte sich hin, zog aus seinem Tornister einen Fetzen blaues Franzosentuch und fing an, die Füße damit einzuwickeln. »Sie sind mir von der Glut abgegangen«, fügte er hinzu und steckte seine Beine nach dem Feuer hin.
»Wir werden bald neue kriegen. Sie sagen, wenn wir sie alle ganz und gar geschlagen haben, bekommt jeder zwei Paar.«
»Siehst du, der Petrow, dieser Hundesohn, ist nun auch zurückgeblieben«, erzählte der eine Feldwebel dem andern.
»Das habe ich schon lange gemerkt«, erwiderte der andere.
»Was willst du, so ein elendes Kerlchen …«
»Und bei der dritten Kompanie, heißt es, haben gestern neun Mann beim Zählen gefehlt.«
»Na, das mußt du doch auch sagen, wenn du die Füße erfroren hast, kannst du da etwa noch mit?«
»Ach was, faule Ausreden!« spottete der Feldwebel.
»Das könnte dir wohl auch so passen«, sagte ein alter Soldat vorwurfsvoll zu dem, der von erfrorenen Füßen gesprochen hatte.
»Was bildest du dir denn ein?« fing plötzlich der kleine Soldat mit der spitzen Nase, den sie die Krähe nannten, mit kläglicher, zitternder Stimme an und richtete sich hinter dem Wachtfeuer auf. »Ja, wer dick und rund ist, der wird bloß mager, wer aber schon mager ist, der geht drauf. Da sieh mich an. Ich kann nicht mehr«, sagte er plötzlich in entschiedenem Ton zum Feldwebel. »Laß mich ins Lazarett schaffen, ich habe das Reißen im ganzen Körper, ich bleibe ja doch nur zurück …!«
»Na, wird schon wieder besser werden, wird schon wieder besser werden«, sagte der Feldwebel ruhig.
Der kleine Soldat schwieg, und das Gespräch ging weiter.
»Heute hat man doch genug Franzosen gefangengenommen, aber ordentliches Schuhwerk, das muß man sagen, hatte kein einziger an. Das waren nur dem Namen nach Stiefel«, schnitt ein anderer Soldat ein neues Thema an.
»Die haben ihnen die Kosaken alle vom Leib gezogen. Für unsern Oberst haben sie vorhin eine Hütte geräumt und die Franzosenleichen alle hinausgetragen. Es war ein Jammer, Kinder, das mit anzusehen«, sagte der Tänzer. »Sie haben sie glatt ausgeplündert, und der eine, der lebte noch, glaubt mir, und murmelte etwas in seiner Sprache.«
»Aber ein sauberes Volk ist es«, meinte der erste. »Weiß wie die Birken, und tapfer sind sie auch, das mußt du doch sagen, und anständige Leute.«
»Ja, was denkst du wohl? Bei denen werden sie auch aus allen Ständen zum Militär eingezogen.«
»Aber von unserer Sprache verstehen sie rein gar nichts«, sagte der Tänzer wieder und lächelte verwundert. »Ich frage da einen: Was für ein Landsmann bist du? und er murmelt etwas in seiner Sprache. Ein wunderliches Volk!«