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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Der Oberkommandierende sah diese beiden Soldaten lange aufmerksam an, machte ein noch finstereres Gesicht, kniff das Auge zusammen und wiegte nachdenklich den Kopf. An einer anderen Stelle bemerkte er einen russischen Soldaten, der lachend einen Franzosen auf die Schulter schlug und freundlich etwas zu ihm sagte. Und wieder wiegte Kutusow mit demselben Ausdruck das Haupt.

»Was sagst du?« fragte er den General, der in seiner Meldung fortfuhr und die Aufmerksamkeit des Oberkommandierenden auf die erbeuteten französischen Fahnen lenkte, die vor der Front des Preobraschenskij-Regimentes standen.

»Ah, die Fahnen«, begriff Kutusow, der sich sichtlich nur mit Mühe von dem Gegenstand losreißen konnte, der seine Gedanken beschäftigte. Zerstreut blickte er sich um. Tausende von Augen sahen ihn von allen Seiten an und warteten auf ein Wort von ihm.

Vor dem Preobraschenskij-Regiment machte er halt, seufzte schwer und schloß das Auge. Einer aus der Suite winkte mit der Hand, damit die Soldaten, die die Fahnen hielten, herantraten und diese mit den Schäften um den Oberkommandierenden aufpflanzten. Kutusow schwieg ein paar Sekunden lang. Dann hob er, sich sichtlich ungern dem Zwang seiner Stellung unterordnend, den Kopf und begann zu reden. Scharen von Offizieren umringten ihn. Aufmerksam ließ er seinen Blick über den Kreis der Offiziere schweifen und erkannte einige von ihnen.

»Ich danke euch allen«, fing er zu den Soldaten und dann wieder zu den Offizieren gewandt an, und seine langsam gesprochenen Worte waren in der Stille, die rings um ihn herrschte, deutlich vernehmbar. »Ich danke euch allen für eure schweren, treuen Dienste. Der Sieg ist vollkommen, und Rußland wird ihn euch nicht vergessen. Euch gebührt der Ruhm auf ewig.«

Er schwieg und sah sich um.

»Beuge, beuge ihm den Kopf«, sagte er dann zu einem Soldaten, der einen erbeuteten französischen Adler hielt und ihn unabsichtlich vor der Fahne der Preobraschenzen gesenkt hatte. »Tiefer, immer tiefer, so ist’s recht. Hurra, Kinder!« rief er dann mit einer schnellen Bewegung des Kinns den Soldaten zu.

»Hurra! Hurra!« tönte es aus tausend Kehlen.

Während die Soldaten schrien, sank Kutusow wieder auf seinem Sattel zusammen, neigte den Kopf, und aus seinem Auge leuchtete ein sanfter, aber scheinbar etwas spöttischer Glanz.

»Und nun hört, Kameraden …« fuhr er fort, als alle Stimmen schwiegen. Seine Stimme und sein Gesicht nahmen plötzlich einen anderen Ausdruck an: nicht mehr der Oberkommandierende sprach, sondern ein schlichter alter Mann, der seinen Kameraden jetzt etwas offenbar sehr Wichtiges mitteilen wollte.

Durch den Kreis der Offiziere und die Reihen der Soldaten lief eine Bewegung: jeder wollte ganz genau hören, was er jetzt sagen werde.

»Also hört, Kameraden. Ich weiß, daß ihr es schwer habt. Aber was sollen wir machen? Habt nur Geduld, es wird nicht mehr lange dauern. Wir wollen die Gäste hinausgeleiten, und dann werden wir Ruhe haben. Der Zar wird eure Dienste nicht vergessen. Ihr habt es schwer, aber doch seid ihr noch in eurer Heimat; sie aber – seht nur hin, wie weit es mit ihnen gekommen ist«, sagte er und wies auf die Gefangenen, »Schlimmer als die elendesten Bettler sehen sie aus. Solange sie stark waren, haben wir sie nicht geschont, jetzt aber können wir Mitleid mit ihnen haben. Auch sie sind Menschen. Ist es nicht so, Kinder?«

Er sah sich um und las aus all den starr, ehrerbietig und bewundernd auf ihn gerichteten Augen nur Zustimmung zu seinen Worten. Da wurde sein Gesicht immer heller und heller, und ein greisenhaftes, mildes Lächeln spielte um die sternförmig gerunzelten Winkel seines Mundes und seiner Augen. Er schwieg und senkte wie im Zweifel den Kopf.

»Aber auch das darf man nicht vergessen: wer hat sie zu uns hergerufen? Nun kriegen sie ihr Teil, diese …« – und er gebrauchte ein recht saftiges Schimpfwort und warf den Kopf zurück.

Dann schwenkte er die Peitsche und ritt zum erstenmal im ganzen Feldzug im Galopp von den lustig lachenden und hurra brüllenden Soldaten weg, die nun aus den Reihen traten.

Die Worte, die Kutusow gesprochen hatte, waren kaum von den Truppen verstanden worden. Keiner hätte den Inhalt dieser anfänglich feierlichen und gegen Ende schlicht väterlichen Rede des Feldmarschalls wiedergeben können. Doch der herzliche Sinn seiner Worte war nicht nur verstanden worden, sondern dasselbe Gefühl erhabener Feierlichkeit im Verein mit Erbarmen für die Feinde und mit dem Bewußtsein eignen Rechtes, das gerade durch dieses sein altmodisches, gutmütiges Schimpfwort zum Ausdruck gekommen war – dieses selbe Gefühl schlummerte in der Seele jedes Soldaten und kam nun durch dieses frohe, lang nicht verstummende Hurrageschrei zum Ausdruck. Als sich kurz darauf einer der Generäle an Kutusow wandte mit der Frage, ob er nicht den Wagen wünsche, brach Kutusow, als er gerade antworten wollte, unerwartet in Schluchzen aus: er befand sich sichtlich in starker Erregung.

7

Als am 8. November, dem letzten Tag der Schlacht bei Krasnoje, die Truppen an den Ort ihres Nachtlagers kamen, begann es bereits dunkel zu werden. Den ganzen Tag hatte ein stiller, kalter Frost geherrscht mit leichtem, spärlichem Schneefall, aber gegen Abend schien es sich aufklären zu wollen. Durch das Schneegestöber hindurch wurde der dunkelblaue Sternenhimmel sichtbar, und die Kälte nahm zu.

Ein Musketierregiment, das dreitausend Mann stark aus Tarutino ausgezogen war, rückte jetzt mit neunhundert Mann als eines der ersten in den für das Nachtquartier bestimmten Ort, ein Dorf an der großen Heerstraße, ein. Die Quartiermacher, die dem Regiment entgegenkamen, berichteten, alle Hütten seien besetzt von kranken und toten Franzosen, von Kavalleristen und Stabsoffizieren. Nur ein einziges Haus für den Regimentskommandeur sei frei.

Der Kommandeur ritt auf diese Hütte zu. Das Regiment zog durch das Dorf und stellte beim letzten Haus die Gewehre am Weg zusammen.

Wie ein riesiges Tier mit unendlich vielen Gliedern machte sich das Regiment daran, sein Nachtlager und Abendbrot herzurichten. Ein Teil der Soldaten hatte sich, bis an die Knie im Schnee watend, in das rechts vom Dorf liegende Birkenwäldchen zerstreut, und sogleich hörte man vom Wald her die dumpfen Schläge der Äxte und Seitengewehre, das Krachen der abbrechenden Äste und lustige Stimmen. Ein anderer Teil drängte sich um das Zentrum der Regimentswagen und Pferde, die einen dichten Knäuel bildeten, holte Kessel und Zwieback herbei und fütterte die Pferde. Ein dritter Teil hatte sich im Dorf zerstreut, richtete Quartiere für die Stabsoffiziere her, trug die Leichen der Franzosen, die in den Hütten lagen, hinaus und schleppte Bretter, trockenes Holz und Stroh von den Dächern für Wachtfeuer und Zäune zur Einfriedung weg.

Etwa fünfzehn Mann rüttelten am Ende des Dorfes, wo keine Hütten mehr standen, mit lustigem Geschrei an der hohen Wand einer Scheune, von der sie bereits das Dach abgenommen hatten.

»Na los, alle zusammen dagegenstemmen!« riefen die Stimmen, und das riesige, schneebedeckte Flechtwerk der Wand schwankte mit frostigem Knistern im Dunkel der Nacht. Immer öfter krachten die unteren Balken, und endlich stürzte das ganze Flechtwerk samt den Soldaten, die sich dagegengestemmt hatten, zu Boden. Ein lautes, derbes Freudengeschrei und Gelächter ertönte.

»Zu zweien anfassen! Einen Hebebaum her! So müßt ihr’s machen. Wohin kriechst denn du?«

»Los, alle zusammen … Aber wartet doch, Kinder! … Wir wollen eins singen.«

Alle schwiegen, und ein gedämpfter, sammetweicher, angenehmer Tenor stimmte ein Lied an. Am Ende der dritten Strophe, als der letzte Ton im Verklingen war, schrien zwanzig Stimmen gleichzeitig auf: »Nuuu! Es geht! Alle zusammen! Faßt zu, Kinder!…« Doch trotz der gemeinsamen Anstrengung rührte sich die Wand nur wenig vom Fleck, und durch das nun eintretende Stillschweigen hörte man schweres Keuchen.

»He, ihr von der sechsten Kompanie! Ihr Sapperlotskerle! Kommt mal her und faßt an! … Wir helfen euch auch mal wieder.«

Etwa zwanzig Mann von der sechsten Kompanie, die auch nach dem Dorf gegangen waren, gesellten sich zu den Trägern, und die etwa zehn Meter lange und zwei Meter breite Wand bog sich und bewegte sich auf der Dorfstraße vorwärts, wobei sie schwer und einschneidend auf den Schultern der keuchenden Soldaten lastete.

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