Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»Ihr werdet übernehmen wollen«, sagte er und war sehr erleichtert, denn die Blutung kam nicht zum Stillstand.
»Es hat keine Eile«, winkte der Medicus ab. Aber er horchte endlos lang die Atmung der Frau ab und untersuchte sie so langsam und gründlich, dass sein mangelndes Vertrauen in Robs Künste deutlich zu erkennen war.
Schließlich schien der Jude zufrieden zu sein. »Legt Eure Handfläche auf ihren Bauch und reibt kräftig, so.«
Rob massierte verwundert den leeren Bauch. Endlich spürte er durch die Bauchdecke, wie der große, gedehnte Uterus sich zu einer kleinen harten Kugel zusammenzog, und die Blutung hörte auf. »Ein Zauber, der eines Merlin würdig ist, und ein Kunstgriff, den ich mir merken werde«, sagte er.
»Es gibt keinen Zauber bei unserer Arbeit«, stellte der Medicus fest. »Ihr kennt meinen Namen?«
»Wir haben einander vor ein paar Jahren getroffen. In Leicester.« Benjamin Merlin betrachtete den bunten Wagen, dann lächelte er. »Ihr wart damals noch ein Junge, der Lehrling. Der Bader war ein dicker Mann, der farbige Bänder aus seinem Mund hervorzauberte.«
»Ja.«
Rob erzählte nicht, dass der Bader tot war, und Merlin fragte nicht nach ihm. Sie blickten einander abwägend an. Das scharf geschnittene Gesicht des Juden war noch immer von dichtem, weißem Haar und einem weißen Bart umrahmt, aber er war nicht mehr so mager wie früher.
»Der Schreiber, mit dem Ihr damals in Leicester gesprochen habt. Habt Ihr ihm den Star gestochen?«
»Schreiber?« Merlin schien verwundert, dann erinnerte er sich. »Ja! Es war Edgar Thorpe aus dem Dorf Lucteburne in Leicestershire. Ich habe ihn operiert und den grauen Star aus beiden Augen entfernt.« »Und heute?
Ist er gesund?«
Merlin lächelte bedauernd. »Man kann Master Thorpe leider nicht als gesund bezeichnen, denn er wird alt und hat daher verschiedene Leiden und Beschwerden. Aber er sieht auf beiden Augen.« Rob hatte den verwesten Fötus in ein Tuch gewickelt. Merlin wickelte ihn aus und betrachtete ihn, dann besprengte er ihn mit Wasser aus einer Flasche. »Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, sagte der Jude rasch, dann schlug er den kleinen Körper wieder in das Tuch und trug ihn zu dem Kleinbauern. »Das Kind wurde getauft, wie es sich gehört«, erklärte er, »und sicher wird sich ihm das Tor zum himmlischen Königreich öffnen.
Ihr müßt es Vater Stigand oder dem anderen Priester in der Kirche melden.« Der Ehemann zog eine schmutzige Börse heraus, in den stummen Jammer auf seinem Gesicht mischte sich Besorgnis. »Was habe ich zu bezahlen, Master Medicus?«
»Was Ihr könnt«, antwortete Merlin, und der Mann entnahm seiner Börse einen Penny und reichte ihn ihm.
»War es ein Knabe?«
»Das weiß man nicht genau«, antwortete der Medicus freundlich. Er steckte die Münze in die große Tasche seines Kittels und suchte, bis er einen halben Penny fand, den er Rob gab. Sie mussten dem Kleinbauern helfen, die Frau heimzutragen, eine harte Arbeit für einen halben Penny.
Als sie endlich fertig waren, gingen sie zu einem nahen Bach, um sich das Blut abzuwaschen.
»Habt Ihr schon ähnliche Entbindungen durchgeführt?« »Nein.« »Wieso wußtet Ihr dann, wie Ihr vorzugehen habt?«
Rob zuckte die Schultern. »Man hat es mir beschrieben.« »Angeblich werden manche Menschen als Heiler geboren. Die Auserwählten.« Der Jude lächelte ihn an. »Natürlich haben manche einfach Glück.«
Der prüfende Blick des Mannes beunruhigte Rob. »Wenn die Mutter
tot und das Kind am Leben gewesen wäre...«, wagte er zu fragen.
»Kaiserschnitt.«
Rob starrte ihn an.
»Ihr wißt nicht, wovon ich spreche?«
»Nein.«
»Man muss den Bauch und die Gebärmutter aufschneiden und das
Kind herausnehmen.« »Den Leib der Mutter öffnen?« »Ja.«
»Das habt Ihr getan?«
»Mehrmals. Als ich zum Arzt ausgebildet wurde, sah ich einen meiner Lehrer den Bauch einer lebenden Frau öffnen, um ihr Kind herauszuholen.«
Lügner! dachte Rob und schämte sich, weil er so aufmerksam zugehört hatte. Ihm fiel ein, was der Bader über diesen Mann und seinesgleichen gesagt hatte. »Und was geschah?«
»Sie starb, aber sie hätte auf keinen Fall überlebt. Ich bin dagegen, lebende Frauen aufzuschneiden, aber ich habe von Männern gehört, die es getan haben, und Mutter und Kind haben überlebt.« Rob wandte sich ab, bevor dieser mit französischem Akzent sprechende Mann ihn auslachen konnte, weil er so gutgläubig war. Doch er hatte keine zwei Schritte getan, als er kehrtmachte. »Wo schneidet man?«
Der Jude zeichnete einen Körperrumpf in den Straßenstaub und markierte zwei Schnitte, einen langen, geraden auf der linken Körperhälfte und einen quer auf der Leibesmitte. »So und so«, antwortete er und warf den Stock weg. Rob nickte und ging fort; er war unfähig, ihm zu danken.
Käppchen bei Tisch
Er verließ Tettenhall sofort, aber irgend etwas passierte mit ihm. Sein Vorrat an Universal-Spezificum ging zur Neige, und am nächsten Tag kaufte er bei einem Bauern ein Fässchen Metheglin und unterbrach seine Fahrt, um einen neuen Vorrat an Flaschen zu mischen, die er noch am selben Nachmittag in Ludlow zu verkaufen begann.
Das Spezificum verkaufte sich so gut wie immer, abererwarm Gedanken versunken und hatte ein wenig Angst.
Ein menschliches Leben in der hohlen Hand zu halten wie einen Kieselstein. Zu fühlen, wie es entglitt, es aber dank eigener Kenntnis zurückzubringen! Nicht einmal ein König besaß solche Macht. Auserwählt! Konnte er mehr lernen? Wieviel konnte man überhaupt lernen? Wie muss es sein, fragte er sich, wenn man sich das gesamte Wissen aneignet, das gelehrt werden konnte? Zum erstenmal empfand er den Wunsch, Arzt zu werden.
Wirklich fähig zu sein, dem Tod entgegenzutreten. In ihm gärten neue, beunruhigende Gedanken, die ihn manchmal in Begeisterung versetzten und dann wieder Seelenängste auslösten. Am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg nach Worcester, der nächsten Stadt im Süden entlang dem Severn. Er erinnerte sich später nicht an den Fluss oder die Straße, er wusste auch nicht, dass er die Stute gelenkt hatte. Als er in Worcester ankam, staunten die Städter über den roten Wagen. Er fuhr auf den Hauptplatz, umkreiste ihn einmal, ohne anzuhalten, und fuhr dann zur Stadt hinaus und zurück in die Richtung, aus der er gekommen war.
Das Dorf Lucteburne in Leicestershire war zu klein für ein eigenes Wirtshaus, aber als er bei einer Wiese anhielt, auf der vier Männer mit Sensen mähten, unterbrach der Schnitter in dem Streifen neben der Straße seine regelmäßigen Schwünge und erklärte ihm, wie er zu Edgar Thorpes Haus gelangen konnte.
Rob traf den alten Mann in seinem kleinen Garten an, wo er auf Händen und Knien Lauch erntete. Er erkannte sofort mit einem seltsam erregenden Gefühl, dass Thorpe sehen konnte. Aber er litt an schwerem Rheuma, und obwohl Rob ihm half, sich unter Stöhnen und Schmer-zenslauten zu erheben, dauerte es doch einige Zeit, bis sie in Ruhe miteinander sprechen konnten.
Rob brachte mehrere Flaschen Spezificum vom Wagen und öffnete eine, was seinem Gastgeber sehr gefiel.
»Ich bin gekommen, um Euch über die Operation zu befragen, die Euch das Augenlicht wiedergegeben hat, Master Thorpe.« »Wirklich? Und wieso interessiert Euch das?«
Rob zögerte. »Ich habe einen Verwandten, der den gleichen Eingriff braucht, und ich erkundige mich für ihn.«
Thorpe nahm einen Schluck Spezificum und seufzte. »Ich hoffe, dass er ein starker und sehr mutiger Mann ist«, schickte er voraus. »Ich wurde an Händen und Füßen auf einen Stuhl gefesselt. Straffe Riemen schnitten mir in den Kopf und hielten ihn an der hohen Rückenlehne fest. Man hatte mir viel zu trinken gegeben, und ich war halb bewußtlos, doch dann wurden kleine Haken an der Innenseite meiner Augenlider befestigt und hochgezogen, so dass ich nicht blinzeln konnte.« Er schloss schaudernd die Augen. Er musste die Operation offensichtlich schon oft schildern, denn er hatte sich die Einzelheiten fest eingeprägt und erzählte sie fließend, aber Rob fand sie deshalb nicht weniger faszinierend.