El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Ja, er hat ihn verhext«, murmelte es in dumpfem Chor. »Er hat auch den Steuermann und die Offiziere verhext. Santa Maria, wir müssen uns in acht nehmen, daß uns die Besessenen nicht verderben. Wir werden
auf eine Klippe auflaufen, wenn der Satan an Bord ist. Wir werden untergehen--«
»Ihr seid des Teufels«, brüllte der Kapitän mit Donnerstimme in den Aufruhr. »Beruhigt euch — — geht auf eure Plätze!«
»Nein, ihr habt recht, ihr Männer! Jener Silbador hat all unsere Offiziere in seinen Bann geschlagen. Auch ich war bisher verzaubert. Seht her, ich bin euer Medico. Erkennt ihr mich wieder?«
Die Leute drehten sich erschrocken um. Sie wollten ihren Augen nicht trauen. Hinter ihnen, auf einer leeren Teertonne stand eine wunderschöne Frau, die in ein weißes Gewand gehüllt war, und hielt die Arme wie betend zum Himmel erhoben.
»Ich danke dir, Gott, daß du mich aus den Klauen dieses Zauberers befreit hast! Ich danke dir, daß du mich wieder hast werden lassen, was ich war. Korsaren«, rief sie den sprachlosen Zuschauern zu, »ich kenne den Doktor. Er war ein berüchtigter Zauberer in den spanischen Pyrenäen. Von jetzt an vermag nur ich allein es, ihn zu bändigen, da ich das Pulver gefunden habe, das ihm übernatürliche Kräfte verleiht. Seht her! Hier ist es!« Sie hielt eine kleine blaue Dose hoch, in der sie bisher ihre Perlen aufbewahrt hatte. »Wenn er dieses Pulver, das ihm der Teufel verschrieben hat, nicht mehr einnehmen kann, so ist er genauso ein Mensch wie wir.« Ein tosendes Gebrüll erfolgte. Die Seeleute warfen ihre Mützen in die Luft und ließen die »Entzauberte« hochleben.
Mit einer energischen Handbewegung verschaffte sie sich Ruhe.
»Ihr seht, nur ich kann euch retten, wenn ihr mirvertraut. Ich schlage vor, daß wir den Kapitän und den Ersten Offizier fesseln und sie nicht eher wieder freilassen, als bis wir an Land sind. Der Steuermann und der Zweite Offizier sind dem Bann noch nicht verfallen, da sie zu klug waren, um dem Pfeifer zu nahe zu kommen. Überdies haßt ihn der Zweite Offizier, da ihm der Zauberer die rechte Hand abgeschlagen hat.«
Welch ein gerissenes Frauenzimmer, dachte der Kapitän. Wie klug sie es anstellte, die beiden Männer, die ihm hätten helfen können, als eigene Gegner auszuschalten und zudem Leute zu haben, die ein Schiff auch ohne Kapitän oder besser gesagt unter einer unkundigen Kapitänin zu leiten verstanden. Das Weib hatte die Mannschaft auf seiner Seite und damit Gewalt über das ganze Schiff.
Senor Jardin versuchte, die Situation zu retten. Berstend vor Wut schrie er mit hochrotem Kopf: »Werft sie ins Wasser! Sie lügt das Blaue vom Himmel herunter. Wenn ihr nicht augenblicklich gehorcht, so lasse ich euch alle hängen!«
Drohendes Murmeln erhob sich, die ersten hatten bereits die untersten Stufen, die zum Kastell führten, bestiegen.
»Ojo!« schrie der Kapitän, »Deste! — Deste und Ojo! Warum sagt ihr nichts? Weshalb verteidigt ihr mich nicht? Ihr wißt, daß das Frauenzimmer lügt. Schlagt sie tot!«
Die beiden Gerufenen aber drängten sich zitternd gegen den Mast. Sie hatten die Lage besser erfaßt als ihr Kapitän. Nunmehr mußten sie damit rechnen, daß man auch sie für verhext hielt.
Die Wirkung der Worte zeigte sich auch sofort. Beide Männer waren im Nu überwältigt und
gebunden.
Immer bedrohlicher wurde die Stimmung. Da verlor Jardin die Nerven, riß den Degen aus der Scheide und stürzte sich in ohnmächtiger Wut auf den ersten, der die Plattform des Kastells erreichte. Mit einem einzigen Stich durchbohrte er ihn. Der Tote sank in die Arme seiner nachdrückenden Kameraden.
»Greift sie! — Greift sie!« schrie die Gräfin mit lauter Stimme, in der irrsinniges Triumphgeheul mitschwang. »Sonst töten sie euch alle!«
Der Kapitän verzichtete auf Gegenwehr und ließ sich binden. Auch Jardin wurde nüchtern, als er begriff, daß hier jede Verteidigung fehl am Platze war.
Die im Kielraum eingeschlossenen Hessen waren der Ereignisse über ihren Köpfen nicht gewahr geworden. Auch Michel hatte keine Ahnung von dem, was sich da oben abspielte. »Hört zu, Eberstein«, meinte er, während er die oberflächliche Armwunde seines Patienten kunstgerecht bandagierte. »Ich wüßte gern etwas über das Wohlergehen meines Vaters und das der Familie Eck.«
Der Offizier zögerte mit der Antwort. Es war ihm sichtlich unangenehm, so eindringlich an die Vergangenheit erinnert zu werden.
»Nun, Herr von Eberstein«, ermunterte ihn Michel, »eine Liebe ist der anderen wert. Ich verbinde Euch, damit Eure Wunden so bald wie möglich heilen, und Ihr steht mir Rede und Antwort. Das kann doch gar nicht so schwer sein.«
»Natürlich — äh — natürlich, habt selbstverständlich recht, Herr Doktor. Nur — äh — die Familie Eck, das heißt, in erster Linie Fräulein Charlotte, hat bald nach Eurer Desertion — äh — wollte sagen, nach Euerm Weggang den Verkehr mit meinem Vater abgebrochen. Aus den Geschäften ist nichts geworden. Ja, das ist eigentlich alles, was ich von der Sache weiß. Nehme aber mit Bestimmtheit an, daß Fräulein Charlotte Euch nach wie vor — äh — sagen wir, schätzt. Und Euer Herr Vater? Nun, denke nicht, daß unser allergnädigster Landesherr an Euerm alten Herrn Vergeltung übte — äh — nein, keinesfalls. Dessen bin ich sicher.« Michel jubelte innerlich. Stets hatte er gefürchtet, daß Charlotte ihn binnen kurzem vergessen haben könnte. Allzu lange war er ja auch noch nicht fort. Es war erst ein dreiviertel Jahr her, daß er sein abenteuerliches Leben begonnen hatte.
»Ich freue mich über diese Nachricht, Herr von Eberstein. Ich bin dem Schicksal geradezu dankbar, daß wir ausgerechnet auf die britische Fregatte »Quebec« stoßen mußten. Jedes Ding hat seine zwei Seiten. So, wir sind jetzt fertig mit dem Verband. Ich glaube, es wird am besten sein, Ihr begleitet mich jetzt zum Kapitän. Da Ihr der Führer der Soldaten seid, wäre es sicher nützlich, wenn Ihr selbst mit Senor Porquez über die Verbesserung der Lage Eurer Leute verhandeln würdet. Ich selbst werde mein möglichstes für meine Landsleute tun. Fühlt Ihr Euch noch schwach?«
»Kann man eigentlich nicht sagen. Möchte vielmehr behaupten, daß es mir ausgesprochen gut geht. Bin an sich nicht böse, daß wir alle dem amerikanischen Kriegsschauplatz auf diese Weise entronnen sind. Nur, möchte nicht verschweigen, daß ich gewisse Sorgen wegen dieser verdammten Piraten hege — äh — ich meine natürlich nicht Euch damit, lieber Doktor!« Michel lachte.
»Macht Euch keine Sorgen, Herr von Eberstein, ich habe beim Kapitän schon einigen Einfluß. Und gar so schlimm, wie Ihr Euch das vorstellt, sind diese Korsaren nicht. Man kann sie eigentlich gar nicht zu der Kategorie der üblichen Seeräuber zählen. Sie fahren für Washington auf eigene Rechnung und machen gute Geschäfte mit den Aufständischen. Es war Pech, daß ihnen gerade Ihre Fregatte in die Quere kam. Man hatte nicht einmal die Absicht, Euch anzugreifen, bis Euer Schiff dann das Feuer eröffnete. Na, Ihr habt inzwischen sicher wahrgenommen, wie gut unsere Kanoniere zielen können. Kommt jetzt, hier, diese Treppe hinauf. Gehen wir zu Kapitän Porquez.«