Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Was Petja auch jetzt gesehen hätte, nichts hätte ihn in Verwunderung gesetzt. Er befand sich in einem Wunderland, in dem kein Ding unmöglich war.
Er blickte zum Himmel empor. Und der schien ihm ebenso zauberhaft wie die Erde. Er fing an sich aufzuklären. Über den Wipfeln der Bäume huschten eilig die Wolken dahin, als wollten sie die Sterne enthüllen. Manchmal schien es, als wolle es nun ganz klar werden, und der dunkle, reine Himmel wurde sichtbar. Waren diese schwarzen Flecke auch wirklich Wolken? Hob sich nicht dieser hohe Himmel hoch, hoch über seinem Kopf? Nein, er senkte sich, senkte sich ganz tief, daß er ihn mit der Hand hätte greifen können.
Petja schloß die Augen und wiegte sich hin und her.
Tropfen fielen. Ein leises Flüstern lief ringsum. Die Pferde wieherten und schlugen aus. Irgend jemand schnarchte.
Shiig, shiig, shiig … pfiff der Säbel beim Schleifen, und plötzlich vernahm Petja einen harmonischen Chor, der eine unbekannte, feierlich süße Hymne spielte. Petja war ebenso musikalisch wie Natascha, viel mehr als Nikolaj, aber er hatte sich nie mit Musik beschäftigt und gar nicht an Musik gedacht, und darum waren auch die Motive, die ihm da plötzlich durch den Kopf gingen, für ihn besonders neu und anziehend. Die Musik wurde immer lauter und lauter. Die Melodie wuchs und wuchs und pflanzte sich von einem Instrument auf das andere fort. Es entstand das, was man eine Fuge zu nennen pflegt, obgleich Petja keine Ahnung davon hatte, was eine Fuge ist. Jedes Instrument, bald eins, das an eine Geige erinnerte, bald ein trompetenähnliches, nur besser und reiner als Geige und Trompete, spielte erst die Melodie für sich und vereinigte sich dann, noch ehe es das Motiv zu Ende gebracht hatte, mit einem zweiten, einem dritten und vierten Instrument, die fast alle dasselbe spielten. Sie gingen ineinander über, trennten sich wieder, um dann von neuem zu einer bald feierlich frommen, bald hell jauchzenden, siegreichen Weise zusammenzuklingen.
Ach so, das träume ich ja nur, sagte sich Petja, und der Kopf fiel ihm vornüber. Das klingt mir nur so in den Ohren. Aber vielleicht ist es meine eigne Musik. Da schon wieder. Klinge nur, klinge nur zu!
Er schloß die Augen. Wie aus weiten Fernen schwebten zitternd von allen Seiten die Töne herbei, vermischten sich, liefen auseinander, flossen zusammen, und wieder vereinigten sich alle zu jener süßen, feierlichen Weise.
Ach, wie wunderbar das ist! Soviel ich will und wie es mir beliebt! sagte sich Petja. Und er versuchte, den gewaltigen Chor der Instrumente zu leiten.
Nun leiser, leiser, immer schwächer werdend! Die Töne gehorchten ihm. Jetzt voller, lustiger! Noch, noch freudiger! Aus unbekannter Tiefe stiegen immer stärker werdende, feierliche Klänge auf.
Jetzt die Stimmen einsetzen! befahl Petja. Aus weiter Ferne ertönten anfänglich Männerstimmen, dann Frauenstimmen. Sie wuchsen mit gleichmäßiger, feierlicher Kraft. Bang und freudig nahm Petja ihren außerordentlichen Wohllaut in sich auf.
Mit einem feierlichen Siegesmarsch floß der Gesang zusammen. Die Tropfen fielen. Shiig, shiig, shiig … pfiff der Säbel, wieder schlugen und wieherten die Pferde, aber das alles störte nicht den Chor, sondern verband sich mit ihm zu einer Harmonie.
Petja wußte nicht, wie lange dies dauerte. Er gab sich ganz dem Genuß hin, wunderte sich über sein Entzücken und bedauerte nur, daß er niemanden daran teilnehmen lassen konnte. Die freundliche Stimme Lichatschows weckte ihn endlich auf.
»Der Säbel ist fertig, Euer Wohlgeboren. Mittendurch können Sie damit die Franzosen spalten.«
Petja kam zu sich.
»Es wird schon hell, wahrhaftig, ganz hell!« rief er.
Die Pferde, die man bisher nicht hatte sehen können, waren jetzt bis zum Schwanz sichtbar. Durch die kahlen Zweige drang ein feuchtes Licht. Petja schüttelte sich, sprang auf, zog einen Rubel aus der Tasche und reichte ihn Lichatschow. Dann prüfte er schwingend den Säbel und steckte ihn in die Scheide. Die Kosaken banden die Pferde los und zogen die Sattelriemen fest.
»Da ist auch der Kommandeur«, meinte Lichatschow.
Denissow trat aus dem Wächterhäuschen und rief Petja den Befehl zum Aufbruch zu.
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Rasch suchten alle im Halbdunkel ihre Pferde, zogen die Gurte an und reihten sich ihrem Zug ein. Denissow stand am Wächterhäuschen und erteilte die letzten Befehle. Die Infanterie der Freischar, mit hundert Beinen durch die Pfützen patschend, marschierte auf dem Weg voran und verschwand in dem Nebel der Morgendämmerung schnell zwischen den Bäumen. Der Kosakenhauptmann traf bei seinen Kosaken noch einige Anordnungen. Petja hielt sein Pferd am Zügel und wartete mit Ungeduld auf den Befehl zum Aufsitzen. Sein Gesicht, das er mit kaltem Wasser gewaschen hatte, und vor allem seine Augen brannten wie Feuer. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und durch seinen ganzen Körper ging ein schnelles, gleichmäßiges Beben.
»Na, ist bei euch alles fertig?« fragte Denissow. »Bring die Pferde!«
Die Pferde wurden gebracht. Denissow fuhr den Kosaken an, weil die Sattelgurte nicht fest waren, und saß schimpfend auf. Petja faßte den Steigbügel. Sein Pferd wollte wie gewöhnlich nach seinem Bein schnappen, aber Petja sprang, als habe er kein Gefühl für sein Gewicht, rasch in den Sattel, sah sich nach den Husaren um, die hinter ihm in Bewegung waren, und ritt auf Denissow zu.
»Wassilij Fjodorowitsch, nicht wahr, Sie erteilen mir heute einen Auftrag? Ich bitte Sie … um Gottes willen …« sagte er.
Denissow schien Petjas Anwesenheit ganz vergessen zu haben. Er blickte sich nach ihm um.
»Ich bitte dich nur um eines«, sagte er streng, »gehorche mir und mische dich nirgends ein.«
Dann sprach er während des ganzen Weges kein Wort mehr mit Petja und ritt schweigend dahin. Als sie an den Waldsaum kamen, fing es über den Feldern schon merklich zu dämmern an. Denissow wechselte flüsternd ein paar Worte mit dem Kosakenhauptmann, worauf die Kosaken an Petja und Denissow vorüberritten. Als sie alle vorbei waren, gab Denissow seinem Pferd die Sporen und sprengte den Abhang hinunter. Die Pferde setzten sich fast auf ihre Hinterteile und stiegen rutschend mit ihren Reitern ins Tal hinab. Petja ritt neben Denissow. Das Zittern, das durch seinen ganzen Körper lief, verstärkte sich mehr und mehr. Es wurde immer heller und heller. Nur alles, was in der Ferne lag, hüllte der Nebel noch ein.
Als sie unten angelangt waren, sah sich Denissow um und machte dem Kosaken, der neben ihm stand, mit dem Kopf ein Zeichen.
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Denissows Freischar vgl. Anm. 55.