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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Jermolow kniff die Augen zusammen und lächelte leise, als er diese Worte hörte. Er merkte, daß für ihn das Gewitter vorbeigezogen war und daß Kutusow es mit dieser Anspielung genug sein lassen werde.

»Da macht er sich auf meine Kosten lustig«, sagte Jermolow leise und stieß mit dem Knie den neben ihm haltenden Rajewski an.

Bald darauf ritt Jermolow vor zu Kutusow und meldete respektvolclass="underline"

»Wir haben noch nicht den richtigen Augenblick verpaßt, Euer Durchlaucht; der Feind ist nicht abgezogen – wenn Sie den Angriff befehlen. Sonst wird die Garde heute nicht einmal den Pulverrauch zu sehen bekommen.«

Kutusow sagte nichts; aber als ihm gemeldet wurde, daß Murats Truppen zurückwichen, befahl er, vorzurücken, machte jedoch nach je hundert Schritten dreiviertel Stunden lang halt.

Die ganze Schlacht bestand nur in dem, was Orlow-Denisows Kosaken getan hatten; die übrigen Truppen hatten nur nutzlos mehrere hundert Mann verloren.

Infolge dieser Schlacht erhielt Kutusow einen Orden mit Brillanten, Bennigsen ebenfalls Brillanten und hunderttausend Rubel; auch den andern wurden ihrem Rang entsprechende Belohnungen zuteil, und nach dieser Schlacht wurden noch weitere Personalveränderungen im Stab vorgenommen.

»Da haben wir’s; es ist eben gegangen, wie es bei uns immer geht: alles verkehrt!« sagten nach der Schlacht bei Tarutino die russischen Offiziere und Generale, geradeso wie es sie auch heutzutage sagen und damit meinen, daß da irgendein Dummkopf verkehrt handelt und sie selbst es ganz anders machen würden. Aber die Leute, die so reden, verstehen entweder nichts von der Sache, über die sie sprechen, oder sie täuschen sich selbst absichtlich. Jede Schlacht (die bei Tarutino, die bei Borodino, die bei Austerlitz, kurz jede) vollzieht sich nicht so, wie das ihre Planer vorausgesetzt haben. Das liegt in der Natur der Dinge.

Eine unzählige Menge freier Kräfte (denn nirgends ist der Mensch freier als bei einer Schlacht, wo es sich um Leben und Tod handelt) wirkt auf den Gang einer Schlacht ein, und dieser Gang kann nie im voraus bekannt sein und fällt nie mit der Richtung irgendeiner einzelnen Kraft zusammen.

Wenn viele Kräfte gleichzeitig und nach verschiedenen Richtungen auf irgendeinen Körper einwirken, so kann die Richtung der Bewegung dieses Körpers nicht mit einer einzelnen dieser Kräfte zusammenfallen, sondern sie wird immer die mittlere kürzeste Richtung sein, das, was man in der Mechanik die Diagonale des Parallelogramms der Kräfte nennt.

Wenn wir in den Darstellungen der Historiker, namentlich der französischen, finden, daß bei ihnen Kriege und Schlachten sich nach einem im voraus festgesetzten Plan abspielen, so ist der einzige Schluß, den wir daraus ziehen können, der, daß diese Darstellungen falsch sind.

Die Schlacht bei Tarutino erreichte offenbar nicht das Ziel, welches Toll im Auge hatte: die Truppen ordnungsmäßig nach der vorher entworfenen Disposition kämpfen zu lassen, auch nicht das Ziel, welches Graf Orlow haben konnte: Murat gefangenzunehmen, oder das Ziel, welches Bennigsen und andere Persönlichkeiten haben konnten: eine sofortige Vernichtung des ganzen Korps, oder das Ziel des Offiziers, der in den Kampf zu kommen und sich auszuzeichnen wünschte, oder das des Kosaken, der noch mehr Beute machen wollte, als ihm zu machen gelungen war, usw. Aber wenn das Ziel in dem bestand, was sich in der Folge wirklich vollzog und was damals der gemeinsame Wunsch aller Russen war, in der Vertreibung der Franzosen aus Rußland und der Vernichtung ihrer Armee, dann muß es einem jeden völlig einleuchtend sein, daß die Schlacht bei Tarutino gerade infolge ihres programmwidrigen Verlaufs genau das war, was in dieser Periode des Feldzuges erfordert wurde. Es ist schwer oder vielmehr unmöglich, irgendeinen Ausgang dieser Schlacht zu ersinnen, der zweckentsprechender gewesen wäre als derjenige, den sie in Wirklichkeit gehabt hat. Bei einer minimalen Anstrengung, trotz der größten Verwirrung und bei ganz unbedeutendem Verlust wurden die größten Resultate im ganzen Feldzug erzielt, wurde der Übergang vom Rückzug zum Angriff ermöglicht, die Schwäche der Franzosen aufgedeckt und jener Anstoß gegeben, auf den das napoleonische Heer nur wartete, um seine Flucht zu beginnen.

VIII

Napoleon zieht nach dem glänzenden Sieg de la Moskova in Moskau ein; ein Zweifel an diesem Sieg ist ausgeschlossen, da das Schlachtfeld im Besitz der Franzosen bleibt. Die Russen ziehen sich zurück und geben ihre Hauptstadt preis. Moskau, mit Proviant, Waffen, allem möglichen Gerät und unermeßlichen Reichtümern angefüllt, ist in den Händen Napoleons. Das russische Heer, das nur halb so stark ist wie das französische, macht im Laufe eines Monats nicht einen einzigen Versuch anzugreifen. Napoleons Lage ist die glänzendste. Um sich mit doppelt so großen Streitkräften auf die Überreste der russischen Armee zu stürzen und sie zu vernichten, sowie um sich einen vorteilhaften Frieden auszubedingen oder im Fall der Ablehnung einen drohenden Marsch in der Richtung auf Petersburg zu unternehmen, um ferner selbst im Fall eines Mißgeschicks nach Smolensk oder nach Wilna zurückzukehren oder in Moskau zu bleiben, mit einem Wort: um die glänzende Lage, in der sich das französische Heer damals befand, zu behaupten, dazu bedurfte es, sollte man meinen, keiner besonderen Genialität. Dazu brauchte er nur das Einfachste und Leichteste zu tun: er mußte das Heer vom Plündern zurückhalten, mußte Winterkleidung bereithalten, welche sich in Moskau für die ganze Armee in hinreichender Menge beschaffen ließ, und mußte die Lebensmittel, die nach dem Zeugnis französischer Historiker in Moskau auf mehr als ein halbes Jahr für das ganze Heer vorhanden waren, in ordnungsmäßiger Weise sammeln. Napoleon, obwohl er nach der Versicherung der Historiker das genialste aller Genies war und die Macht besaß, das Heer nach seinem Willen zu lenken, tat dennoch nichts von alledem.

Und nicht genug, daß er nichts von alledem tat, er verwendete sogar seine Macht dazu, von all den Wegen, die sich ihm für sein Handeln darboten, den allertörichtesten und allerverderblichsten auszuwählen. Napoleon konnte mancherlei tun: er konnte in Moskau überwintern, konnte nach Petersburg gehen, oder nach Nischni-Nowgorod, oder zurück, und zwar entweder mehr nördlich oder mehr südlich (auf dem Weg, den später Kutusow einschlug); aber man konnte sich nichts Törichteres und für das ganze Heer Verderblicheres ausdenken als das, was er wirklich tat: bis zum Oktober in Moskau zu bleiben, wobei er die Truppen in der Stadt plündern ließ, dann, indem er nach längerem Schwanken eine Garnison zurückließ, Moskau zu verlassen, gegen Kutusow anzurücken, keine Schlacht zu beginnen, den Weg nach rechts einzuschlagen, bis Malo-Jaroslawez zu marschieren, die Gelegenheit, durchzubrechen, wieder unbenutzt zu lassen und endlich nicht den Weg zu wählen, auf welchem dann Kutusow marschierte, sondern nach Moschaisk zurückzumarschieren und dann weiter auf der verwüsteten Smolensker Heerstraße. Und daß dies wirklich das Törichteste und Verderblichste war, haben die Folgen gezeigt. Mögen die geschicktesten Strategen unter der Annahme, Napoleon habe beabsichtigt, sein Heer zugrunde zu richten, den Versuch machen, eine andere Reihe von Handlungen zu ersinnen, die mit solcher Sicherheit und so unabhängig von allem, was die russischen Truppen nur unternehmen mochten, die französische Armee so vollständig vernichtet hätte, wie das, was Napoleon wirklich getan hat.

Das hat der geniale Napoleon getan. Aber zu sagen, Napoleon habe seine Armee zugrunde gerichtet, weil er dies gewollt habe oder weil er sehr dumm gewesen sei, wäre genau ebenso ungerecht wie zu sagen, Napoleon habe seine Truppen nach Moskau geführt, weil er dies gewollt habe und weil er sehr klug und genial gewesen sei.

In dem einen wie in dem andern Fall fiel eben nur seine persönliche Tätigkeit, die keine größere Kraft besaß als die persönliche Tätigkeit eines jeden Soldaten, mit jenen Gesetzen zusammen, nach denen sich das Ereignis vollzog.

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