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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Durchaus falsch stellen uns die Historiker (lediglich weil Napoleons Handlungsweise durch die Folgen sich als unrichtig herausstellte) die Sache so dar, als hätten Napoleons geistige Fähigkeiten in Moskau eine Verminderung erlitten. Genau wie vorher und wie nachher im Jahre 1813 wandte er all seinen Verstand und seine Geisteskräfte an, um das zu tun, was für ihn selbst und für seine Armee das beste wäre. Napoleons Tätigkeit in dieser Zeit ist nicht minder staunenswert als in Ägypten, in Italien, in Österreich und in Preußen. Wir haben keine zuverlässige Kenntnis darüber, bis zu welchem Grade Napoleons Genialität in Ägypten das wirkende Moment war, wo vierzig Jahrhunderte auf seine Größe herabblickten; denn all diese Großtaten sind uns nur von Franzosen geschildert worden. Wir können uns kein zuverlässiges Urteil über seine Genialität in Österreich und Preußen bilden, da wir die Zeugnisse über seine dortige Tätigkeit aus französischen und deutschen Quellen schöpfen müssen und die unbegreifliche Kapitulation ganzer Armeekorps ohne Kampf und starker Festungen ohne Belagerung die Deutschen geneigt machen muß, die Genialität des Siegers anzuerkennen, weil ihnen nur auf diese Weise der Verlauf des in Deutschland geführten Krieges erklärlich scheint. Wir aber haben, Gott sei Dank, keinen Grund, ihn für ein Genie zu erklären, um eigene Schande zu verdecken. Wir haben für die Berechtigung, die Sache klar und unbefangen zu betrachten, einen hohen Preis bezahlt, und wir werden uns diese Berechtigung nicht nehmen lassen.

Seine Tätigkeit in Moskau war ebenso erstaunlich und genial wie überall. Er erließ Befehle auf Befehle und entwarf Pläne auf Pläne, von seinem Einzug in Moskau bis zu seinem Auszug. Durch die Abwesenheit der Einwohner und das Ausbleiben einer Deputation, ja selbst durch den Brand von Moskau ließ er sich nicht beirren. Nichts verlor er aus dem Auge: weder das Wohl seiner Armee, noch die Tätigkeit des Feindes, noch das Wohl der Völker Rußlands, noch die Leitung der Angelegenheiten von Paris, noch die diplomatische Erwägung der künftigen Friedensbedingungen.

IX

Was die Kriegführung anbelangte, so gab Napoleon sogleich nach dem Einzug in Moskau dem General Sebastiani strengen Befehl, die Bewegungen der russischen Armee zu verfolgen; er sendete Truppenabteilungen auf verschiedenen Wegen aus und beauftragte Murat damit, Kutusow ausfindig zu machen. Ferner traf er sorgsame Anordnungen über die Befestigung des Kreml; ferner entwarf er auf der ganzen Karte von Rußland einen genialen Plan für einen künftigen Feldzug.

In diplomatischer Hinsicht ließ Napoleon den ausgeplünderten und zerlumpten Hauptmann Jakowlew zu sich kommen, der nicht wußte, wie er glücklich aus Moskau herauskommen sollte, und setzte ihm eingehend seine ganze Politik und seine Großmut auseinander. Dann schrieb er einen Brief an den Kaiser Alexander, in welchem er es für seine Pflicht hielt, seinem Freund und Bruder mitzuteilen, daß Rastoptschin in Moskau schlechte Anordnungen getroffen habe, und schickte Jakowlew mit diesem Brief nach Petersburg. Auch dem alten Tutolmin machte er eingehende Mitteilungen über seine Ansichten und über seine Großmut und sendete diesen ebenfalls zum Zweck von Verhandlungen nach Petersburg.

In bezug auf die Rechtspflege wurde sogleich nach den Bränden Befehl erteilt, die Schuldigen ausfindig zu machen und zu bestrafen. Und der Bösewicht Rastoptschin wurde dadurch bestraft, daß befohlen wurde, seine Häuser in Brand zu stecken.

In administrativer Hinsicht wurde Moskau mit einer Kommunalverwaltung beschenkt. Es wurde eine Munizipalität eingesetzt und folgende Bekanntmachung erlassen:

»Einwohner Moskaus!

Schmerzliches Unglück hat euch betroffen; aber Seine Majestät der Kaiser und König will demselben ein Ziel setzen. Furchtbare Exempel haben euch gelehrt, wie er Ungehorsam und Verbrechen bestraft. Strenge Maßnahmen sind ergriffen, um der Zuchtlosigkeit ein Ende zu machen und die öffentliche Sicherheit wiederherzustellen. Eine aus eurer Mitte gewählte väterliche Verwaltungsbehörde wird eure Munizipalität oder städtische Selbstregierung bilden. Diese Behörde wird für euch, für eure Bedürfnisse, für euer Wohl Sorge tragen. Die Mitglieder werden an einer roten Schärpe kenntlich sein, die sie über der Schulter tragen werden, und der Bürgermeister wird außerdem noch einen weißen Gürtel haben. Außerhalb ihrer Amtstätigkeit jedoch werden sie nur eine rote Binde um den linken Arm tragen.

Eine städtische Polizei ist in der bisherigen Form eingerichtet, und dank ihrer Tätigkeit herrscht bereits eine bessere Ordnung. Die Regierung hat zwei Generalkommissare oder Polizeimeister ernannt und zwanzig Kommissare oder Reviervorsteher, die in allen Revieren der Stadt angestellt sind. Ihr werdet sie an einer weißen Binde erkennen, die sie um den linken Arm tragen werden. Mehrere Kirchen verschiedener Religionsbekenntnisse sind geöffnet, und es wird in ihnen unbehindert Gottesdienst stattfinden. Täglich kehren mehr von euren Mitbürgern in ihre Wohnungen zurück, und es sind Befehle erlassen, daß sie in denselben die Hilfe und den Schutz finden, auf die das Unglück einen Anspruch hat. Dies sind die Mittel, welche die Regierung angewandt hat, um die Ordnung wiederherzustellen und euch eure Lage zu erleichtern. Aber um dies zu erreichen, ist erforderlich, daß ihr eure Bemühungen mit den ihrigen vereinigt, daß ihr, wenn möglich, die Leiden, die ihr erduldet habt, vergeßt, daß ihr euch der Hoffnung auf ein freundlicheres Los in der Zukunft hingebt, daß ihr davon überzeugt seid, daß ein schmählicher Tod mit Sicherheit diejenigen erwartet, die sich an euren Personen und an der euch verbliebenen Habe vergreifen, und endlich, daß ihr nicht daran zweifelt, daß euch und eurer Habe aller Schutz zuteil werden wird – denn dies ist der Wille des größten und gerechtesten aller Monarchen. Soldaten und Einwohner, welcher Nation ihr auch angehören mögt! Stellt das öffentliche Vertrauen, die Quelle des Glückes eines jeden Staates, wieder her; lebt wie Brüder; gewährt einander wechselseitig Hilfe und Schutz; vereinigt euch, um die Absichten der Übelgesinnten zu vereiteln; gehorcht den militärischen und bürgerlichen Obrigkeiten: und bald werden eure Tränen zu fließen aufhören.«

In bezug auf die Verpflegung des Heeres ordnete Napoleon an, alle Truppen sollten der Reihe nach requirierend durch Moskau ziehen, um sich Proviant zu verschaffen, damit auf diese Weise die Armee für die kommende Zeit versorgt sei.

In religiöser Hinsicht befahl Napoleon, die Popen zurückzurufen und den Gottesdienst in den Kirchen wiederaufzunehmen.

Um den Handel zu heben und die Verproviantierung der Armee zu erleichtern, wurde überall der nachstehende Aufruf angeschlagen:

»Ihr friedlichen Einwohner Moskaus, Handwerker und Arbeiter, die das Unglück veranlaßt hat, die Stadt zu verlassen, und ihr Bauern, die eine unbegründete Furcht noch auf den Feldern von der Stadt fernhält, höret! Die Ruhe kehrt in diese Hauptstadt zurück, und die Ordnung wird in ihr wiederhergestellt. Eure Landsleute kommen dreist aus ihren Zufluchtsorten hervor, da sie sehen, daß ihnen nichts Übles geschieht. Jede Gewalttat, die gegen sie und ihr Eigentum verübt wird, findet unverzügliche Bestrafung. Seine Majestät der Kaiser und König läßt ihnen seinen Schutz angedeihen und hält niemand von euch für seinen Feind außer denen, die sich seinen Anordnungen widersetzen. Er will euren Leiden ein Ende machen und euch euren Heimstätten und euren Familien wiedergeben. Geht auf seine wohltätigen Absichten ein und kommt ohne jede Besorgnis zu uns. Ihr Einwohner! Kehrt vertrauensvoll in eure Behausungen zurück; ihr werdet schnell die Mittel finden, euch alles zu beschaffen, was ihr nötig habt! Ihr Handwerksmeister und arbeitsamen Gesellen! Kommt wieder zurück zu eurem Handwerk: die Häuser, die Läden, die Schutzwachen erwarten euch, und für eure Arbeit werdet ihr die euch zukommende Bezahlung erhalten! Und endlich ihr, ihr Bauern, kommt aus den Wäldern heraus, in denen ihr euch aus Angst verborgen habt; kehrt furchtlos in eure Hütten zurück, in der festen Zuversicht, daß ihr Schutz finden werdet. Es sind Verkaufsstellen in der Stadt eingerichtet, wohin die Bauern bringen können, was sie von ihren Vorräten und Feldfrüchten nicht für sich selbst gebrauchen. Die Regierung hat folgende Maßregeln getroffen, um ihnen einen freien Verkauf zu sichern: 1. Vom heutigen Tag an können die Bauern und die Einwohner der Umgegend Moskaus ohne jede Gefahr ihre Produkte, von welcher Art sie auch sein mögen, in die Stadt bringen, nach den beiden festgesetzten Verkaufsstellen, nämlich nach der Mochowaja-Straße und auf den Ochotny-Markt. 2. Diese Produkte werden ihnen zu demjenigen Preis abgekauft werden, über den sich der Käufer und der Verkäufer untereinander einigen; wenn jedoch der Verkäufer den von ihm geforderten angemessenen Preis nicht erhält, so wird es dem Verkäufer freistehen, seine Ware wieder nach seinem Dorf mitzunehmen, und niemand darf ihn daran unter irgendeinem Vorwand hindern. 3. Am Sonntag und Mittwoch einer jeden Woche soll großer Markttag sein; zu diesem Zweck wird eine hinlängliche Menge von Truppen dienstags und sonnabends auf allen großen Landstraßen in einer solchen Entfernung von der Stadt postiert werden, daß sie die betreffenden Fuhren beschützen kann. 4. Dieselben Maßnahmen werden ergriffen werden, damit die Bauern mit ihren Fuhrwerken und Pferden auf dem Rückweg in keiner Weise behindert werden. 5. Es werden unverzüglich Mittel zur Anwendung gebracht werden, um die gewöhnlichen Märkte wiederherzustellen. Ihr Bewohner der Stadt und der Dörfer, und ihr, ihr Arbeiter und Handwerker, zu welcher Nation ihr auch gehören mögt! Es ergeht an euch die Aufforderung, die väterlichen Absichten Seiner Majestät des Kaisers und Königs ausführen zu helfen und mit ihm zur Förderung des Gemeinwohls mitzuwirken. Bringt ihm Ehrerbietung und Vertrauen entgegen und zögert nicht, euch mit uns zu vereinigen!«

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