Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Aber die überraschendste Erscheinung bei dieser Unwirksamkeit der von höchster Stelle ausgehenden Anordnungen war damals die Erfolglosigkeit der Bemühungen Napoleons, dem Plündern Einhalt zu tun und die Disziplin wiederherzustellen.
Hier einiges aus der amtlichen Korrespondenz militärischer Behörden:
»Die Plünderungen in der Stadt dauern fort trotz des Befehls, sie zu verhindern. Die Ordnung ist noch nicht wiederhergestellt, und es ist kein einziger Kaufmann da, der in gesetzlicher Weise Handel triebe. Nur die Marketender wagen es, Waren zum Verkauf zu stellen, und das sind geraubte Gegenstände.«
»Ein Teil meines Bezirkes wird immer noch von den Soldaten des dritten Korps ausgeraubt; nicht damit zufrieden, den Unglücklichen, die sich in die Keller geflüchtet haben, das wenige, das ihnen noch geblieben ist, zu entreißen, begehen sie sogar die Barbarei, sie mit Säbelhieben zu verwunden, wovon ich mehrere Beispiele gesehen habe.«
»Nichts Neues, als daß die Soldaten sich erlauben zu stehlen und zu plündern. Den 9. Oktober.«
»Das Stehlen und Plündern dauert fort. Es befindet sich in unserm Bezirk eine Diebesbande, zu deren Festnahme starke Detachements erforderlich sein werden. Den 11. Oktober.«
»Der Kaiser ist höchst unzufrieden, daß trotz des strengen Befehls, dem Plündern Einhalt zu tun, man fortwährend Trupps marodierender Gardisten sieht, die nach dem Kreml zurückkehren. – Bei der alten Garde ist Zuchtlosigkeit und Raublust gestern, in der letzten Nacht und heute wieder in stärkerem Grade hervorgetreten als je vorher. Der Kaiser sieht mit Bedauern, daß die Elitesoldaten, die mit der Bewachung seiner Person betraut sind und dem Heer ein Vorbild guter Zucht sein sollten, in ihrer Insubordination so weit gehen, die für die Armee eingerichteten Keller und Magazine zu erbrechen. Andere haben sich so weit vergessen, den Schildwachen und den wachhabenden Offizieren den Gehorsam zu verweigern, sie zu beschimpfen und zu schlagen.«
»Der Oberhofmarschall beklagt sich lebhaft«, schrieb der Gouverneur, »daß trotz wiederholter Verbote die Soldaten immer noch in allen Höfen und selbst unter den Fenstern des Kaisers ihre Bedürfnisse verrichten.«
Bei diesem Heer, das, wie eine ungehütet sich zerteilende Herde, mit den Füßen die Nahrung zertrat, durch die es sich hätte vor dem Hungertod retten können, wurde die Zersetzung und Verderbnis mit jedem weiteren Tag des Aufenthalts in Moskau schlimmer. Aber es zog nicht ab.
Erst dann eilte es fort, als es auf einmal infolge des Abfangens von Transporten auf der Smolensker Heerstraße und infolge der Schlacht bei Tarutino von panischem Schrecken ergriffen war.
Diese Nachricht von der Schlacht bei Tarutino, welche Napoleon unerwartet bei einer Truppenschau erhielt, war es, die bei ihm den Wunsch hervorrief, die Russen zu bestrafen, wie Thiers sich ausdrückt, und so gab er denn den Befehl zum Abzug, den das ganze Heer verlangte.
Bei der Flucht aus Moskau schleppten die Soldaten dieses Heeres alles mit sich, was sie geraubt hatten. Auch Napoleon führte seinen eigenen Tresor mit. Als er die Menge von Fuhrwerken erblickte, durch die die Armee unbeweglich gemacht wurde, erschrak er zwar, wie Thiers sagt; aber trotz seiner Kriegserfahrung befahl er nicht, alle entbehrlichen Wagen zu verbrennen, wie er das beim Anmarsch auf Moskau mit den Fuhrwerken eines Marschalls hatte machen lassen. Er betrachtete diese Kaleschen und Kutschen, in denen die Soldaten fuhren, und äußerte, das sei ganz gut, diese Wagen könne man zum Transport von Proviant, von Kranken und Verwundeten verwenden.
Die Lage des ganzen Heeres glich der Lage eines verwundeten Wildes, das sein Verderben ahnt und nicht weiß, was es tut. Die kunstvollen Manöver und Pläne Napoleons und seines Heeres vom Einzug in Moskau bis zur Vernichtung dieses Heeres studieren heißt ganz dasselbe, wie die Bedeutung der letzten Sprünge und Zuckungen eines tödlich verwundeten Wildes studieren. Sehr häufig rennt das verwundete Tier, wenn es ein Geräusch hört, dem Jäger vor den Schuß, läuft vorwärts, rückwärts und beschleunigt selbst sein Ende. Eben dasselbe tat Napoleon unter dem Druck, den sein ganzes Heer auf ihn ausübte. Bei dem Geräusch der Schlacht von Tarutino schrak das Wild zusammen und stürzte vorwärts in den Schußbereich hinein, rannte auf den Jäger zu, kehrte wieder um und lief endlich, wie jedes Wild, auf dem unvorteilhaftesten, gefährlichsten Weg, aber auf der bekannten, alten Spur zurück.
Napoleon, der uns als der Leiter dieser ganzen Bewegung erscheint (wie die Wilden die geschnitzte Figur am Schiffsschnabel für die Kraft hielten, von der das Schiff bewegt werde), glich während der ganzen Zeit dieser seiner Tätigkeit einem Kind, das die Bändchen anfaßt, die im Innern des Wägelchens angebracht sind, und sich einbildet, das Wägelchen zu lenken.
XI
Am 6. Oktober frühmorgens war Pierre aus der Baracke herausgegangen und nach seiner Rückkehr an der Tür stehengeblieben, wo er mit einem langgestreckten, kurz- und krummbeinigen Hündchen von bläulichgrauer Farbe spielte, das um ihn herumsprang. Dieser Hund lebte bei ihnen in der Baracke und lag die Nacht über bei Karatajew, lief aber manchmal irgendwohin in die Stadt und kehrte dann wieder zurück. Er hatte wahrscheinlich nie jemandem gehört, war auch jetzt herrenlos und hatte keinen Namen. Die Franzosen nannten ihn Azor; der Soldat, der immer die Märchen erzählte, nannte ihn Femgalka, Karatajew und andere nannten ihn »Grauer«, manchmal auch »Strolch«. Daß er niemandem gehörte, keinen ordentlichen Namen führte, keiner Rasse angehörte und nicht einmal eine bestimmte Farbe hatte, grämte ihn nicht im geringsten. Sein buschiger Schweif stand fest und rundlich nach oben wie ein Helmbusch; seine krummen Beine leisteten ihm so gute Dienste, daß er oft, wie wenn er es verschmähte, sie alle vier zu gebrauchen, graziös das eine Hinterbein in die Höhe hob und sehr geschickt und schnell auf drei Pfoten lief. Alles war für ihn ein Anlaß vergnügt zu sein. Bald wälzte er sich winselnd vor Freude auf dem Rücken, bald wärmte er sich mit ernster, nachdenklicher Miene in der Sonne; bald trieb er Mutwillen, indem er mit einem Holzspänchen oder mit einem Strohhalm spielte.
Pierres Kleidung bestand jetzt aus einem schmutzigen, zerrissenen Hemd, dem einzigen Überrest seiner früheren Kleidung, einer Soldatenhose, die er sich um des besseren Warmhaltens willen auf Karatajews Rat an den Knöcheln mit Bindfaden zusammengebunden hatte, einem Kaftan und einer Bauernmütze. Körperlich hatte er sich während dieser Zeit sehr verändert. Er sah nicht mehr dick aus, obgleich man ihm noch ebenso wie vorher die in seinem Geschlecht erbliche Derbheit und Kraft ansah. Ein Bart bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes; das lang gewordene, wirre, von Läusen wimmelnde Kopfhaar hatte jetzt das Aussehen einer krausen Mütze. Der Ausdruck seiner Augen war fest und ruhig, aber dabei frisch und lebhaft, ein Ausdruck, wie ihn Pierres Blick früher nie gehabt hatte. An die Stelle seiner früheren Schlaffheit, die sich auch in seinem Blick bekundet hatte, war jetzt eine energische, zum Handeln und zum Widerstand bereite Spannkraft getreten. Seine Füße waren nackt.
Pierre blickte bald hinunter auf das Feld, über welches an diesem Morgen Fuhrwerke und Reiter hinzogen, bald über den Fluß hinüber in die Ferne, bald nach dem Hündchen, das sich stellte, als wolle es ihn ernstlich beißen, bald nach seinen nackten Füßen, die er mit einem eigenartigen Vergnügen bald so, bald anders hinstellte, wobei er seine schmutzigen, großen, dicken Zehen hin und her bewegte. Und jedesmal, wenn er seine nackten Füße ansah, lief über sein Gesicht ein Lächeln heiterer Befriedigung. Der Anblick dieser nackten Füße rief ihm alles das ins Gedächtnis, was er in der letzten Zeit durchlebt und erkannt hatte, und diese Erinnerung war ihm angenehm.
Das Wetter war schon seit mehreren Tagen still und klar, mit leichten Morgenfrösten – der sogenannte Altweibersommer.
Die Luft war, wo die Sonne schien, warm, und diese Wärme nebst der stärkenden Frische des Morgenfrostes, der in der Luft noch zu spüren war, wirkte sehr angenehm.