Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Dieser Übergang von der Straße nach Nischni-Nowgorod auf die Rjasaner, Tulaer und Kalugaer Straße war dermaßen natürlich, daß auch die Marodeure der russischen Armee nach derselben Richtung davonliefen und von Petersburg aus an Kutusow die Weisung erging, mit dem Heer gerade nach dieser Richtung zu marschieren. Als Kutusow sich bereits in Tarutino befand, ging ihm ein beinah im Ton eines Verweises gehaltenes Schreiben des Kaisers zu, in welchem dieser es mißbilligte, daß Kutusow die Armee auf die Rjasaner Straße geführt hatte, und ihm dieselbe Stellung gegenüber von Kaluga anwies, in welcher er sich schon in dem Augenblick befand, als der Brief des Kaisers in seine Hände kam.
Die Kugel, d.h. das russische Heer, welche in der Richtung des Stoßes zurückgerollt war, den sie während des ganzen Feldzuges und zuletzt in der Schlacht bei Borodino empfangen hatte, nahm, als die Kraft des Stoßes aufgehört hatte und sie keine neuen Stöße mehr empfing, diejenige Lage ein, die für sie die natürliche war.
Kutusows Verdienst bestand nicht in irgendeinem genialen strategischen Manöver, wie man es zu nennen pflegt, sondern darin, daß er allein die Bedeutung des sich vollziehenden Ereignisses begriff. Er allein begriff schon damals die Bedeutung der Untätigkeit der Franzosen; er allein verblieb beharrlich bei der Behauptung, daß die Schlacht bei Borodino ein Sieg gewesen sei; er allein, für den doch (möchte man meinen) seine Stellung als Oberkommandierender einen Anreiz zur Offensive hätte bilden sollen, er allein verwandte alle seine Kraft darauf, die russische Armee von nutzlosen Schlachten zurückzuhalten.
Das bei Borodino angeschossene Wild lag irgendwo in der Gegend, wo es der davoneilende Jäger verlassen hatte; aber ob es noch lebte, ob es noch Kraft hatte oder sich nur verstellte, das wußte der Jäger nicht. Plötzlich ließ sich ein Stöhnen dieses Wildes vernehmen.
Das Stöhnen dieses verwundeten Wildes, der französischen Armee, durch welches dieses seine tödliche Verwundung verriet, war die Sendung Lauristons in Kutusows Lager mit dem Friedensangebot.
Napoleon, der, wie stets, überzeugt war, daß nicht das gut sei, was allgemein für gut gehalten wurde, sondern das, was ihm gerade in den Kopf kam, schrieb an Kutusow mit den erstbesten Wendungen, die ihm einfielen, die aber gar keinen vernünftigen Sinn hatten:
»Fürst Kutusow«, schrieb er, »ich schicke einen meiner Generaladjutanten zu Ihnen, um mit Ihnen mehrere wichtige Dinge zu besprechen. Ich bitte Euer Durchlaucht, dem, was er Ihnen sagen wird, Glauben zu schenken, namentlich wenn er Ihnen die Gefühle der Hochachtung und besonderen Wertschätzung ausdrücken wird, die ich seit langer Zeit für Ihre Person hege. Dies ist der Zweck dieses Briefes. Ich bitte Gott, Fürst Kutusow, daß er Sie unter seinen heiligen, hohen Schutz nehme.
Moskau, den 3. Oktober 1812.
Gezeichnet: Napoleon.«
»Die Nachwelt würde mir fluchen, wenn man von mir glaubte, ich hätte als der erste ein Abkommen irgendeiner Art herbeigeführt. So denkt tatsächlich mein ganzes Volk«, antwortete Kutusow und wandte fortdauernd all seine Kraft daran, die Truppen vom Angriff zurückzuhalten.
In dem Monat, währenddessen das französische Heer in Moskau plünderte und das russische Heer ruhig im Lager bei Tarutino stand, vollzog sich eine Veränderung in dem Kräfteverhältnis der beiden Heere, sowohl was die Stimmung der Truppen als auch ihre Zahl anlangte, eine Veränderung, infolge deren sich herausstellte, daß das Übergewicht an Kraft auf seiten der Russen war. Obgleich der Zustand und die Quantität des französischen Heeres den Russen unbekannt waren, wurde sofort durch eine zahllose Menge von Momenten deutlich, daß nun die Offensive geboten war. Solche Momente waren: die Sendung Lauristons; und der Überfluß an Proviant in Tarutino; und die von allen Seiten einlaufenden Nachrichten über die Untätigkeit und Zuchtlosigkeit der Franzosen; und die Komplettierung unserer Regimenter durch Rekruten; und das gute Wetter; und die lange Erholung, die den russischen Soldaten vergönnt gewesen war; und die bei den Truppen infolge der Erholung sich gewöhnlich entwickelnde Ungeduld, die Aufgabe zu erfüllen, um derentwillen alle versammelt sind; und die Neugier, zu erfahren, was in der französischen Armee vorgehe, die man so lange aus dem Gesicht verloren hatte; und die Kühnheit, mit der jetzt die russischen Vorposten um die in Tarutino stehenden Franzosen umherstreiften; und die Nachrichten von den leichten Siegen der Bauern und Freischärler über die Franzosen; und der Neid, der dadurch erweckt wurde; und das Verlangen nach Rache, das ein jeder im Grunde seiner Seele bewahrt hatte, solange die Franzosen in Moskau waren; und vor allem das unklare, aber in der Seele eines jeden keimende Bewußtsein, daß das Kräfteverhältnis sich jetzt geändert hatte und das Übergewicht sich auf unserer Seite befand. Das faktische Kräfteverhältnis hatte sich geändert, und der Angriff war notwendig geworden. Und ebenso prompt, wie in einer Uhr das Glockenspiel erklingt, sobald der Zeiger einen vollen Kreis beschrieben hat, machte sich auch sofort in den höchsten Sphären, der faktischen Veränderung der Kräfte entsprechend, eine verstärkte Bewegung bemerkbar, ein Summen ließ sich hören, und das Glockenspiel ließ seine Musik ertönen.
III
Die russische Armee wurde einerseits von Kutusow und seinem Stab, andrerseits vom Kaiser von Petersburg aus geleitet. In Petersburg war, noch vor Eingang der Nachricht von der Preisgabe Moskaus, ein detaillierter Plan für den ganzen Krieg ausgearbeitet und dem Oberkommandierenden Kutusow als Anweisung zugeschickt worden. Obgleich bei der Aufstellung dieses Planes die Voraussetzung zugrunde gelegen hatte, daß Moskau noch in unseren Händen sei, wurde er dennoch vom Stab gutgeheißen und zur Ausführung akzeptiert. Kutusow schrieb nur zurück, Diversionen auf große Entfernungen seien immer schwer durchführbar. Zur Beseitigung der auftretenden Schwierigkeiten wurden neue Instruktionen geschickt sowie Personen, die Kutusows Tätigkeit überwachen und darüber berichten sollten.
Außerdem wurde jetzt in der russischen Armee der ganze Stab reorganisiert. Die Stellen Bagrations, der gefallen war, und Barclays, der sich gekränkt zurückgezogen hatte, wurden neu besetzt. Mit größtem Ernst wurde erwogen, was wohl besser sei: A. an die Stelle von B. zu sezten und B. an die Stelle von D., oder umgekehrt D. an die Stelle von A. usw., als ob, außer der Freude für die Herren A. und B., davon irgend etwas abgehangen hätte.
Im Stab der Armee nahm infolge der Feindschaft Kutusows mit seinem Generalstabschef Bennigsen und infolge der Anwesenheit der Vertrauenspersonen des Kaisers und infolge dieses Stellenwechsels das mannigfach verschlungene Intrigenspiel der Parteien noch eifriger seinen Fortgang als vorher: A. suchte die Stellung des B. zu untergraben, D. die des C. usw., in allen möglichen Permutationen und Kombinationen. Bei solchen Versuchen, einander zu schaden, hatten alle diese Intriganten hauptsächlich das Ziel, auf die Kriegführung mehr Einfluß zu gewinnen; aber der Krieg nahm unabhängig von ihnen seinen Gang genau so, wie er gehen mußte, d.h. sein Gang traf nie mit den Klügeleien dieser Menschen zusammen, sondern resultierte aus den faktischen Beziehungen der Massen zueinander. Alle diese ausspintisierten Pläne, die sich kreuzten und wechselseitig verwirrten, stellten in den höchsten Sphären nur einen treuen Reflex dessen dar, was sich vollziehen mußte.
»Fürst Michail Ilarionowitsch!« schrieb der Kaiser unter dem 2. Oktober an Kutusow, der diesen Brief nach der Schlacht bei Tarutino erhielt. »Seit dem 2. September befindet sich Moskau in den Händen der Feinde. Ihre letzten Berichte sind vom 20., und während dieser ganzen Zeit wurde nichts unternommen, um dem Feind Widerstand zu leisten und die altehrwürdige Residenz zu befreien, ja Ihren letzten Berichten zufolge sind Sie sogar noch weiter zurückgewichen. Schon ist Serpuchow von einer feindlichen Abteilung besetzt, und Tula mit seiner berühmten, für die Armee so unentbehrlichen Fabrik ist in Gefahr. Aus den Berichten des Generals Wintzingerode ersehe ich, daß ein feindliches Korps von zehntausend Mann auf der Straße nach Petersburg marschiert. Ein anderes von mehreren tausend Mann rückt gleichfalls nach Dmitrow vor. Ein drittes hat sich auf der Wladimirschen Straße in Bewegung gesetzt. Ein viertes, ziemlich beträchtliches, steht zwischen Rusa und Moschaisk. Napoleon selbst hat sich bis zum 25. noch in Moskau befunden. Da nach allen diesen Nachrichten der Feind seine Kräfte durch starke Abkommandierungen zersplittert hat und Napoleon selbst mit seiner Garde noch in Moskau ist, sollten da wirklich die Ihnen gegenüberstehenden feindlichen Kräfte so beträchtlich sein und Ihnen nicht gestatten, die Offensive zu ergreifen? Mit Wahrscheinlichkeit kann man vielmehr annehmen, daß der Feind Sie mit Abteilungen oder höchstens Korps verfolgt, die weit schwächer sind als die Ihnen anvertraute Armee. Man sollte meinen, unter Benutzung dieser Umstände könnten Sie den Feind, der Ihnen an Kräften nachsteht, vorteilhaft angreifen und ihn entweder vernichten oder wenigstens dadurch, daß Sie ihn zum Rückzug zwingen, einen erheblichen Teil der jetzt vom Feind besetzten Gouvernements wieder in unsern Besitz bringen und gleichzeitig von Tula und unseren übrigen weiter nach dem Innern zu gelegenen Städten die Gefahr abwenden. Sie werden die Verantwortung dafür zu tragen haben, wenn es dem Feind möglich sein sollte, ein beträchtliches Korps in der Richtung nach Petersburg zur Bedrohung dieser Hauptstadt zu detachieren, in welcher nicht viele Truppen zurückbleiben konnten; denn wenn Sie entschlossen und energisch handeln wollen, so besitzen Sie in der Ihnen anvertrauten Armee alle Mittel, um dieses neue Unglück abzuwenden. Vergessen Sie nicht, daß Sie dem tiefgekränkten Vaterland noch für den Verlust Moskaus Rechenschaft schuldig sind. Sie kennen aus Erfahrung meine Bereitwilligkeit, Sie zu belohnen. Diese meine Bereitwilligkeit wird keine Minderung erleiden; aber ich und Rußland sind berechtigt, von Ihrer Seite diejenige Energie und Anstrengung und diejenigen Erfolge zu erwarten, die Ihre hervorragenden geistigen Gaben, Ihre militärischen Talente und die Tapferkeit der von Ihnen geführten Truppen uns verheißen.«