Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Aus diesem Brief geht hervor, daß ein Reflex des faktischen Kräfteverhältnisses auch schon nach Petersburg gelangt war; aber während dieser Brief unterwegs war, hatte Kutusow die unter seinem Kommando stehende Armee nicht mehr vom Angriff zurückhalten können, und es war bereits eine Schlacht geliefert worden.
Am 2. Oktober hatte ein Kosak namens Schapowalow, der sich auf einem Patrouillenritt befand, mit seinem Gewehr einen Hasen erlegt und einen andern angeschossen. Bei der Verfolgung des angeschossenen Hasen geriet Schapowalow in eine entfernte Partie des Waldes und stieß auf den linken Flügel der Muratschen Armee, die dort ohne alle Vorsichtsmaßregeln lagerte. Der Kosak erzählte nachher lachend seinen Kameraden, daß er beinah den Franzosen in die Hände gefallen sei; ein Kornett, der diese Erzählung mit anhörte, machte dem Kommandeur davon Mitteilung.
Der Kosak wurde herbeigerufen und ausgefragt; die Kosakenkommandeure wollten diese Gelegenheit dazu benutzen, dem Feind Pferde wegzunehmen; aber einer von ihnen, der mit höheren Offizieren bekannt war, teilte die Sache einem General vom Stab mit. In der letzten Zeit war im Stab der Armee die Situation eine höchst gespannte. Jermolow war einige Tage vorher zu Bennigsen gekommen und hatte ihn dringend gebeten, all seinen Einfluß beim Oberkommandierenden aufzubieten, damit endlich ein Angriff gemacht werde.
»Wenn ich Sie nicht kennte«, hatte Bennigsen geantwortet, »so würde ich denken, daß Sie das, um was Sie bitten, in Wirklichkeit gar nicht wünschen. Ich brauche nur zu irgend etwas zu raten, so tut der Durchlauchtige bestimmt das Gegenteil.«
Die Nachricht des Kosaken, die durch ausgesandte Patrouillen bestätigt wurde, bewies endgültig, daß das Ereignis nunmehr reif sei. Die straffgespannte Saite löste sich, das Uhrwerk surrte, das Glockenspiel erklang. Trotz all seiner scheinbaren Amtsgewalt, trotz seines Verstandes, seiner Erfahrung und Menschenkenntnis konnte Kutusow angesichts einer Denkschrift Bennigsens, der auch an den Kaiser persönlich einen Bericht geschickt hatte, und des ihm von den Generalen einmütig ausgesprochenen Wunsches und des von ihm vermuteten Wunsches des Kaisers und der Nachricht des Kosaken die unvermeidlich gewordene Bewegung nicht mehr aufhalten und erteilte den Befehl zu etwas, was er für nutzlos und schädlich hielt – er gab zu der sich vollziehenden Tatsache seinen Segen.
IV
Bennigsens Denkschrift und die Nachricht des Kosaken über den ungedeckten linken Flügel der Franzosen waren nur die letzten Anzeichen dafür, daß nun notwendigerweise der Befehl zum Angriff gegeben werden mußte, und der Angriff wurde auf den 5. Oktober angesetzt.
Am 4. morgens unterschrieb Kutusow die Schlachtdisposition. Toll las sie Jermolow vor und ersuchte ihn, die weiteren Anordnungen zu treffen.
»Schön, schön, aber jetzt habe ich keine Zeit«, erwiderte Jermolow und ging aus dem Zimmer.
Die von Toll entworfene Disposition war sehr schön. Ebenso wie in der Disposition für die Schlacht bei Austerlitz, wenn auch nicht in deutscher Sprache, stand darin geschrieben:
»Die erste Kolonne marschiert da- und dahin, die zweite Kolonne marschiert da- und dahin usw.« Und alle diese Kolonnen gelangten auf dem Papier zur bestimmten Zeit an ihren Platz und vernichteten den Feind. Es war, wie in allen Dispositionen, alles wunderschön ausgedacht, und wie in allen Dispositionen kam keine einzige Kolonne zur richtigen Zeit an den richtigen Platz.
Als die Disposition in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren fertig war, wurde ein Offizier gerufen und zu Jermolow geschickt, um ihm die Papiere zum Zwecke der Ausführung der Anweisungen zu übergeben. Der junge Chevaliergardist, ein Ordonnanzoffizier Kutusows, stolz darauf, daß ihm ein so wichtiger Auftrag erteilt war, begab sich nach Jermolows Quartier.
»Er ist weggeritten«, antwortete Jermolows Bursche.
Der Chevaliergarde-Offizier ging zu einem General, den Jermolow häufig zu besuchen pflegte.
»Er ist nicht hier, und der General ist auch nicht hier«, hieß es.
Der Offizier setzte sich zu Pferde und ritt zu einem andern General.
»Er ist nicht da, er ist weggeritten.«
»Wenn ich nur nicht für die Verzögerung verantwortlich gemacht werde! Eine dumme Geschichte!« dachte der Offizier. Er ritt im ganzen Lager umher. Der eine sagte ihm, er habe gesehen, wie Jermolow mit anderen Generalen vorbeigeritten sei, wisse aber nicht, wohin; ein anderer meinte, er werde jetzt wahrscheinlich wieder zu Hause sein. Der Offizier suchte, ohne sich Zeit zum Mittagessen zu lassen, bis sechs Uhr abends; aber Jermolow war nirgends zu finden, und niemand wußte, wo er war. Nachdem der Offizier hastig bei einem Kameraden ein paar Bissen gegessen hatte, ritt er wieder weiter, zur Vorhut, zu Miloradowitsch. Miloradowitsch war gleichfalls nicht zu Hause; aber dort wurde ihm gesagt, Miloradowitsch sei auf einem Ball beim General Kikin, und Jermolow werde höchstwahrscheinlich auch dort sein.
»Aber wo ist denn das?«
»Dort, in Jetschkino«, sagte ein Kosakenoffizier und wies nach einem fernen Gutshaus.
»Aber wie können sie denn da sein, außerhalb der Postenkette!«
»Es sind heute zwei von unseren Regimentern nach der Postenkette geschickt worden; da wird heute ein Gelage veranstaltet, großartig! Zwei Musikkapellen sind dabei und drei Sängerchöre!«
Der Offizier ritt über die Vorpostenkette hinaus nach Jetschkino. Als er sich dem Gutshaus näherte, hörte er schon von weitem die fröhlichen Klänge eines von den Soldaten im Chor gesungenen Tanzliedes.
»Auf den Au-en … auf den Au-en …«, klang es ihm entgegen; dazu wurde gepfiffen; mitunter wurde die Melodie durch fröhliches Geschrei übertönt. Dem Offizier wurde von diesen Klängen heiter zumute; aber gleichzeitig regte sich bei ihm die Furcht, er werde Vorwürfe erhalten, weil er den wichtigen, ihm eingehändigten Befehl erst so spät überbringe. Es war schon acht Uhr vorbei. Er stieg vom Pferd und trat in die Haustür des großen, unversehrt gebliebenen herrschaftlichen Gebäudes, das in der Mitte zwischen den Russen und den Franzosen lag. Im Vorzimmer und im Büfettzimmer hantierten Lakaien eifrig mit Weinen und Speisen. Unter den Fenstern standen die Sänger. Der Offizier wurde in eine Tür geführt, und nun erblickte er plötzlich die höchsten Generale der Armee alle zusammen, darunter auch die große, auffallende Gestalt Jermolows. Alle Generale hatten die Uniformröcke aufgeknöpft, standen in einem Halbkreis und lachten laut mit geröteten, vergnügten Gesichtern. In der Mitte des Saales tanzte ein General, ein kleiner, schöner Mann mit rotem Gesicht, flott und gewandt den Bauerntanz Trepak.