Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Auf allem, auf fernen und nahen Gegenständen, lag jener zauberhafte Kristallglanz, der nur dieser Herbstzeit eigen ist. In der Ferne waren die Sperlingsberge sichtbar, mit dem Dorf, der Kirche und dem großen, weißen Haus. Die kahlen Bäume und der Sand und die Steine und die Dächer der Häuser und die grüne Kirchturmspitze und die Ecken des fernen, weißen Hauses, das alles hob sich außerordentlich deutlich, in ganz scharfen Linien in der reinen Luft ab. In der Nähe sah Pierre die ihm wohlbekannten Ruinen eines halbverbrannten Herrenhauses, in welchem Franzosen wohnten, und die noch dunkelgrünen Fliederbüsche, die an der Einfriedigung entlang wuchsen. Und selbst dieses trümmerhafte, rauchgeschwärzte Haus, das bei trübem Wetter durch seine Häßlichkeit etwas Abstoßendes hatte, machte jetzt bei dem hellen Sonnenschein und der stillen Luft einen schönen, gewissermaßen beruhigenden Eindruck.
Ein französischer Korporal, den Rock häuslich-bequem aufgeknöpft, auf dem Kopf eine Zipfelmütze, zwischen den Zähnen eine kurze Pfeife, kam um eine Ecke der Baracke herum und trat, freundlich mit den Augen zwinkernd, zu Pierre heran.
»Was für ein prächtiger Sonnenschein! Nicht wahr, Monsieur Kirill?« (So wurde Pierre von allen Franzosen genannt.) »Der reine Frühling!«
Der Korporal lehnte sich an die Tür und bot Pierre seine Pfeife an, obgleich er sie ihm schon oftmals angeboten und Pierre jedesmal dankend abgelehnt hatte.
»Das wäre ein schönes Marschwetter …«, begann er.
Pierre fragte ihn, was über das Ausrücken verlaute, und der Korporal erzählte ihm, es seien schon beinahe alle Truppen im Abmarsch begriffen, und es müsse heute ein Befehl über die Gefangenen kommen. In der Baracke, in welcher Pierre untergebracht war, lag ein Soldat namens Sokolow, todkrank, und Pierre sagte dem Korporal, es müßten für diesen Soldaten die nötigen Anordnungen getroffen werden. Der Korporal erwiderte, Pierre könne darüber beruhigt sein; dafür seien mobile und stationäre Lazarette vorhanden, und es würde schon in betreff der Kranken das Erforderliche angeordnet werden; überhaupt seien die Vorgesetzten im voraus auf alles bedacht, was möglicherweise eintreten könne.
»Und dann, Monsieur Kirill, brauchen Sie ja nur dem Kapitän ein Wort zu sagen. Wissen Sie, das ist ein prächtiger Mann; der vergißt nie etwas. Sagen Sie es dem Kapitän, wenn er seinen Rundgang macht. Ihnen zuliebe tut er alles.«
Der Kapitän, von dem der Korporal sprach, unterhielt sich oft lange mit Pierre und erwies ihm alle möglichen Freundlichkeiten.
»›Siehst du, St. Thomas‹, sagte er neulich zu mir, ›Kirill, das ist ein Mann, der eine gute Bildung besitzt und französisch spricht; er ist ein vornehmer Russe, der Unglück gehabt hat; aber er ist ein tüchtiger Mensch. Und er versteht etwas. Wenn er einen Wunsch hat, dann mag er es mir sagen; ich werde ihm nichts abschlagen. Siehst du, wenn man selbst studiert hat, dann liebt man die Bildung und die gebildeten Menschen.‹ Das erzähle ich Ihnen aus Freundschaft wieder, Monsieur Kirill. Bei der Affäre neulich, wenn Sie da nicht eingegriffen hätten, dann hätte die Sache ein schlimmes Ende genommen.«
Nachdem der Korporal noch ein Weilchen geplaudert hatte, ging er weg. (Der neuliche Vorfall, dessen der Korporal Erwähnung getan hatte, war eine Schlägerei zwischen Gefangenen und Franzosen gewesen, bei der es Pierre gelungen war, seine Kameraden zu besänftigen.) Einige Gefangene hatten Pierres Gespräch mit dem Korporal gehört und erkundigten sich nun sofort, was der Korporal gesagt habe. Während Pierre seinen Kameraden berichtete, was ihm der Korporal über den Abmarsch mitgeteilt hatte, näherte sich der Tür der Baracke ein französischer Soldat von hagerer Gestalt, mit gelblicher Hautfarbe, in zerlumpter Kleidung. Nachdem er mit einer schnellen, schüchternen Bewegung die Finger zum Zeichen des Grußes an die Stirn gehoben hatte, wandte er sich an Pierre und fragte ihn, ob in dieser Baracke ein Soldat Platoche wohne, dem er den Auftrag gegeben habe, ihm ein Hemd zu nähen.
Eine Woche vorher war den Franzosen Leder und Leinwand geliefert worden, und sie hatten dieses Material den gefangenen Soldaten übergeben, damit sie ihnen daraus Stiefel machten und Hemden nähten.
»Es ist fertig, es ist fertig, mein lieber Falke!« sagte Karatajew, der, ein sauber zusammengelegtes Hemd in der Hand, heraustrat.
Weil es so warmes Wetter war und um bei der Arbeit unbehindert zu sein, hatte Karatajew nur Hosen und ein zerrissenes Hemd an, daß so schwarz wie Erde aussah. Die Haare hatte er sich, wie das Handwerker zu tun pflegen, mit einem Baststreifen zusammengebunden, und sein rundliches Gesicht sah dadurch noch rundlicher und freundlicher aus.
»Versprechen und Halten ziemt Jungen und Alten. Wie ich gesagt habe: ›Zum Freitag‹, so habe ich es auch gemacht«, sagte Platon lächelnd und faltete das von ihm verfertigte Hemd auseinander.
Der Franzose blickte unruhig um sich, und wie wenn er sein Bedenken überwunden hätte, warf er schnell seinen Uniformrock ab und zog das Hemd an. Unter dem Rock hatte er kein Hemd angehabt; er trug auf dem nackten, gelben, hageren Körper nur eine lange, schmierige, geblümte, seidene Weste. Er fürchtete offenbar, die Gefangenen, die ihn ansähen, könnten über ihn lachen, und steckte eilig den Kopf in das Hemd hinein. Aber keiner der Gefangenen sagte ein Wort.
»Siehst du wohl, es paßt, gleich auf den ersten Hieb«, sagte Platon und zupfte das Hemd zurecht.
Nachdem der Franzose Kopf und Arme durchgesteckt hatte, betrachtete er, ohne die Augen zu erheben, das Hemd an seinem Leib und prüfte die Nähte.
»Na ja, mein lieber Falke, eine Schneiderwerkstatt ist ja hier nicht, und ordentliches Handwerkszeug habe ich auch nicht; und man pflegt zu sagen: Ohne Werkzeug kann man nicht einmal eine Laus totschlagen«, sagte Platon mit vergnügtem Lächeln und hatte offenbar selbst seine Freude an seiner Arbeit.
»Schön, schön, danke; aber du mußt von der Leinwand noch etwas übrigbehalten haben«, sagte der Franzose.
»Es wird dir noch besser sitzen, wenn du es auf den bloßen Leib anziehst«, sagte Karatajew, der fortfuhr, sich über sein Machwerk zu freuen. »Es wird dir gute Dienste leisten und eine angenehme Empfindung machen …«
»Danke, danke, Alterchen; nun die Reste …«, wiederholte der Franzose lächelnd, zog eine Banknote heraus und gab sie Karatajew. »Aber die Reste …«
Pierre merkte, daß Platon nicht verstehen wollte, was der Franzose sagte, und sah die beiden an, ohne sich einzumischen. Karatajew bedankte sich für das Geld und hörte nicht auf, liebevoll seine Arbeit zu betrachten. Der Franzose beharrte auf seinem Verlangen nach Herausgabe der Reste und bat Pierre, das, was er gesagt hatte, zu übersetzen.
»Was kann er denn mit den Resten anfangen?« erwiderte Karatajew. »Für uns aber würden sich prächtige Fußlappen daraus machen lassen. Na, wenn er sie durchaus will, meinetwegen!«
Und mit plötzlich verändertem, traurig gewordenem Gesicht holte Karatajew hinter seiner Hemdbrust ein Päckchen Zeugschnitzel hervor und reichte es, ohne hinzublicken, dem Franzosen hin. »Schade, schade!« sagte Karatajew und ging zurück. Der Franzose sah die Leinwand ein Weilchen an, überlegte, richtete einen fragenden Blick auf Pierre, und Pierres antwortender Blick schien ihm etwas zu sagen.
»Platoche, hör mal, Platoche«, rief der Franzose auf einmal errötend mit schriller Stimme. »Behalte das für dich!« Und damit reichte er ihm die Reste hin, wandte sich um und ging weg.
»Na, da sieht man’s!« sagte Karatajew, den Kopf hin und her wiegend. »Es heißt immer, die seien keine Christen; aber sie haben doch auch eine Seele. Die Alten haben ganz recht, wenn sie sagen: Schweißige Hand ist freigebig, aber trockene Hand ist geizig. Er ist selbst nackt und bloß und hat doch noch etwas weggegeben.«
Karatajew schwieg ein Weilchen und betrachtete, nachdenklich lächelnd, die Leinwandreste.