Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ach, es ist wahrhaftig zu spät«, sagte Graf Orlow, nach dem Lager hinschauend.
Wie das oft so geht, wenn wir jemand, dem wir Vertrauen geschenkt haben, nicht mehr mit Augen sehen, war es ihm plötzlich völlig klar und sicher geworden, daß dieser Unteroffizier ein Betrüger sei, gelogen habe und den ganzen Angriffsplan durch das Fehlen dieser beiden Regimenter zerstöre, die er Gott weiß wohin führen werde. Als ob es überhaupt möglich wäre, aus einer solchen Masse von Truppen den Oberkommandierenden herauszugreifen!
»Wahrhaftig, er hat gelogen, dieser Schurke!« sagte der Graf.
»Man kann sie noch zurückholen«, bemerkte jemand aus der Suite, dem ebenso wie dem Grafen Orlow-Denisow beim Anblick des Lagers Bedenken in betreff des Unternehmens aufgestiegen waren.
»Ja? Wirklich …? Wie denken Sie darüber? Oder sollen wir sie lassen? Oder nicht?«
»Befehlen Sie, sie zurückzuholen?«
»Ja, wir wollen sie zurückholen!« sagte nach einem Blick auf die Uhr Graf Orlow plötzlich in entschiedenem Ton. »Es wird zu spät; es ist ja schon ganz hell.«
Der Adjutant jagte durch den Wald hinter Grekow her, und dieser kehrte denn auch zurück. Graf Orlow-Denisow aber, der sowohl durch dieses rückgängig gemachte Unternehmen als auch durch das vergebliche Warten auf die Infanteriekolonnen, die sich immer noch nicht zeigen wollten, und durch die Nähe des Feindes in Aufregung geraten war (alle Leute seiner Abteilung hatten dasselbe Gefühl), entschloß sich nun anzugreifen.
Flüsternd kommandierte er: »Aufsitzen!« Die Mannschaften ordneten sich, bekreuzten sich … »Mit Gott!«
»Hurraaaaa!« schallte es durch den Wald, und eine Eskadron nach der andern, wie Nüsse, die aus einem Sack geschüttelt werden, flogen die Kosaken fröhlich mit eingelegten Lanzen über den Bach auf das Lager los.
Ein einziger erschrockener, verzweifelter Aufschrei des ersten Franzosen, der die Kosaken erblickte – und alles, was im Lager war, ließ Kanonen, Gewehre und Pferde im Stich und lief, noch halb im Schlaf, unangezogen, davon, wohin einen jeden die Füße trugen.
Hätten die Kosaken die Franzosen verfolgt, ohne sich um das zu kümmern, was hinter ihnen und um sie herum war, so hätten sie Murat und alle seine Leute gefangengenommen. Die Offiziere wollten das auch. Aber es war nicht möglich, die Kosaken vom Fleck wegzubekommen, da sie zu eifrig waren, im Lager Beute und Gefangene zu machen. Niemand hörte auf einen Befehl. Es wurden gleich dort im Lager fünfzehnhundert Gefangene gemacht und achtunddreißig Geschütze und mehrere Fahnen erbeutet sowie das, was den Kosaken das Wichtigste war, Pferde, Sättel, Decken und allerlei andre Dinge. Das alles mußte nach ihren Begriffen erst erledigt werden: man mußte sich einen möglichst großen Anteil von den Gefangenen und den Geschützen zueignen, die Beute teilen, ein gewaltiges Geschrei dabei machen und sich sogar untereinander prügeln; mit alledem hatten die Kosaken hinlänglich zu tun.
Die Franzosen kamen, als sie sich nicht mehr verfolgt sahen, wieder zur Besinnung, sammelten sich abteilungsweise und fingen an zu schießen. Orlow-Denisow wartete immer noch auf die Infanteriekolonnen und griff nicht weiter an.
Unterdessen waren gemäß der Disposition: »Die erste Kolonne marschiert usw.« die vermißten Infanteriekolonnen, die zu Bennigsens Truppen gehörten, nach Tolls Direktiven ordnungsgemäß ausgerückt und, wie das stets der Fall ist, irgendwohin gelangt, aber nicht nach dem ihnen angewiesenen Ort. Und wie das stets der Fall ist, fingen die Mannschaften, die so munter ausmarschiert waren, nun beim Haltmachen an verdrossen zu werden; Äußerungen der Unzufriedenheit wurden vernehmbar; sie merkten, daß Konfusion entstanden war; es wurde nach einer andern Richtung zurückmarschiert. Die hin und her sprengenden Adjutanten und Generale schrien, ereiferten sich, zankten, sagten, daß das eine ganz falsche Stelle sei und sie zu spät gekommen seien, schalten jemand aus usw., und schließlich ergaben sich alle drein und marschierten nur, um irgendwohin zu kommen. »Irgendwohin werden wir schon kommen!« Und sie kamen auch wirklich irgendwohin, aber die meisten nicht an die richtige Stelle, und einige, die an die richtige Stelle kamen, verspäteten sich dermaßen, daß sie nun ohne jeden Nutzen hinkamen, lediglich um beschossen zu werden. Toll, der in dieser Schlacht dieselbe Rolle spielte wie Weyrother bei Austerlitz, jagte eifrig von einer Stelle zur andern und fand, daß überall alles den verkehrten Gang ging. So kam er zu dem Korps des Generals Bagowut herangesprengt, das, als es schon ganz hell war, sich noch im Wald befand, während es doch schon längst da vorn bei Orlow-Denisow hätte sein sollen. Erregt und erbittert darüber, daß alles nicht stimmte, ritt Toll, der sich sagte, es müsse doch jemand die Schuld daran tragen, zu dem Korpskommandeur heran und machte ihm in strengem Ton Vorwürfe, wobei er ihm unter anderm sagte, er verdiene dafür erschossen zu werden. Bagowut, ein alter, erfahrener, ruhiger General, der aber gleichfalls durch das wiederholte Haltmachen, den Wirrwarr und die einander widersprechenden Befehle in eine gereizte Stimmung hineingekommen war, geriet zur Verwunderung aller ganz gegen seinen sonstigen Charakter in Wut und sagte Toll recht unangenehme Dinge.
»Ich lasse mir von niemandem Vorhaltungen machen, und mit meinen Soldaten zu sterben, verstehe ich ebensogut wie jeder andere«, sagte er und marschierte mit einer einzigen Division vorwärts.
Als er auf das freie Feld in den Schußbereich der Franzosen kam, überlegte der tapfere Bagowut nicht lange, ob es nützlich oder schädlich sei, wenn er in diesem Augenblick und mit einer einzigen Division sich in einen Kampf einließe, sondern marschierte geradeaus und führte seine Truppen in das feindliche Feuer. Gefahr, Kanonen- und Flintenkugeln, das gerade war es, was er in seiner zornigen Gemütsverfassung brauchte. Eine der ersten Kugeln tötete ihn; die folgenden streckten eine Menge von Soldaten nieder. Und seine Division stand eine Zeitlang nutzlos im feindlichen Feuer.
VII
Inzwischen sollte von der Front her eine andere Kolonne auf die Franzosen losgehen; aber bei dieser Kolonne befand sich Kutusow. Er wußte ganz genau, daß bei dieser gegen seinen Willen unternommenen Schlacht nichts als Konfusion herauskommen werde, und hielt, soweit das in seiner Macht lag, die Truppen zurück. Er rückte nicht vor.
Schweigend ritt er auf seinem grauen Pferdchen umher und antwortete lässig auf die Vorschläge zum Angreifen.
»Ja, das Wort ›Angreifen‹ führt ihr immer im Mund; aber ihr seht nicht ein, daß wir uns gar nicht darauf verstehen, komplizierte Manöver auszuführen«, sagte er zu Miloradowitsch, der ihn um die Erlaubnis bat, vorrücken zu dürfen.
»Wir haben es heute morgen nicht verstanden, Murat lebendig gefangenzunehmen und zur rechten Zeit am Platz zu sein; jetzt ist nichts mehr zu machen!« antwortete er einem andern.
Als ihm gemeldet wurde, daß im Rücken der Franzosen, wo nach den Berichten der Kosaken vorher niemand gewesen war, jetzt zwei Bataillone Polen ständen, schielte er nach rückwärts zu Jermolow hin, mit dem er seit dem gestrigen Tag noch nicht gesprochen hatte.
»Na ja, sie verlangen die Erlaubnis zum Angriff und legen mir allerlei Projekte vor; aber wenn man losschlagen will, dann ist nichts bereit, und der gewarnte Feind trifft seine Maßnahmen.«