Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
HENRY CROFT
BADERCHIRURG
GESTORBEN AM ll.JULI IM JAHR DES HERRN 1031
»Vielleicht noch requiescat in pace oder etwas Ähnliches?« schlug der Priester vor.
Die einzige passende Grabinschrift für den Bader, die ihm einfiel, war aber carpe diem, genieße den Tag! Doch irgendwie... Dann lächelte er, weil ihm etwas einfiel.
Der Priester ärgerte sich, als er hörte, wofür sich Rob entschieden hatte. Aber der junge Fremde bezahlte den Stein und bestand auf dieser Inschrift, also schrieb sie der Pfaffe sorgfältig nieder: Fumum vendidi.
Ich habe Dunst verkauft.
»Ich werde demnächst zurückkommen, um nachzusehen, ob alles zu meiner Zufriedenheit erledigt wurde.«
pie Augen des Priesters verschleierten sich. »Geht mit Gott«, wünsch-te er ihm kurz und ging in die Kirche zurück.
j-Iundemüde und hungrig lenkte Rob die Stute zu dem Ort, an dem er alle Habseligkeiten im Weidengebüsch versteckt hatte. Nichts war gestohlen worden. Als er die Sachen wieder in den Wagen geladen hatte, setzte er sich ins Gras und aß. Der Rest der Fleischpastete war verdorben, aber er kaute und schluckte ein altes Brot, das der Bader vor vier Tagen gebacken hatte.
Ihm fiel ein, dass er der Erbe war. Es war nun sein Pferd und sein Wagen. Er hatte alles geerbt: die Instrumente und ihre Handhabung, die schäbigen Felldecken, die Jonglierbälle und die Zauberkunststük-ke, die Ablenkung, den blauen Dunst - und die Entscheidung darüber, wohin er morgen und übermorgen fahren wollte. Seine erste Maßnahme bestand darin, die Flaschen der Spezialabfül-lung gegen einen Felsen zu schleudern, so dass eine nach er anderen zerbrach.
Die Waffen des Baders wollte er verkaufen; seine eigenen waren besser. Aber das Sachsenhorn hängte er sich um den Hals. Er kletterte auf den Kutschbock und setzte sich selbstbewußt und hochaufgerichtet hin, als wäre es ein Thron.
Vielleicht, dachte er, sehe ich mich um und nehme einen Lehrjungen auf.
Eine Frau auf der Straße
Er zog weiter, wie sie es zu zweit immer getan hatten, »um eine Spazierfahrt durch die einfältige Welt zu unternehmen«, wie der Bader gesagt hätte. In den ersten Tagen konnte er sich nicht dazu überwinden, den Wagen abzuladen oder eine Vorstellung zu geben. In Lincoln kaufte er sich eine warme Mahlzeit im Wirtshaus, aber selbst kochte er nicht, sondern er ernährte sich zumeist von Brot und Käse. Er trank überhaupt nicht.
Abends saß er am Lagerfeuer und wurde von einem schrecklichen Gefühl der Verlassenheit gequält. Er wartete darauf, dass sich etwas ereignete. Aber es geschah nichts,
und nach einiger Zeit begriff er, dass er sein Leben nun selbst in die Hand nehmen mußte.
In Stafford beschloss er, wieder zu arbeiten. Die Stute stellte die Ohren auf und tänzelte, als er die Trommel schlug und die Ankunft auf dem Stadtplatz bekanntmachte.
Es war, als hätte er immer allein gearbeitet. Die Leute, die herbeiströmten, wussten nicht, dass bisher ein älterer Mann das Zeichen gegeben hatte, mit dem Jonglieren zu beginnen und aufzuhören, und die besten Geschichten hatte erzählen können. Sie standen herum, hörten zu, lachten, sahen staunend, wie Rob Gesichter zeichnete, kauften sein Spezificum und warteten in der Schlange, um hinter dem Wandschirm behandelt zu werden. Als Rob die Hände seiner Patienten ergriff, entdeckte er, dass die Gabe wieder vorhanden war. Ein stämmiger Schmied, der aussah, als könne er Bäume ausreißen, trug eine Krankheit in sich, die an seinem Leben zehrte; er würde nicht mehr lang leben. Ein mageres Mädchen dagegen, dessen schwächliches Aussehen eine schwere Krankheit vermuten ließ, besaß eine Fülle an Kraft und Lebenswillen, die Rob mit Freude erfüllten. Er verließ Stafford am Nachmittag, hielt bei einem Bauernhaus, um Speck zu kaufen, und sah die Stallkatze mit einem Wurf von Kätzchen. »Sucht Euch eines aus«, forderte ihn der Bauer hoffnungsvoll auf. »Ich muss die meisten ertränken, denn sie brauchen zuviel Futter.« Rob spielte mit den Kätzchen, indem er ein Stück Schnur vor ihrer Nase hin und her baumeln ließ, und sie waren alle entzückend bis auf ein selbstbewusstes weißes Kätzchen, das sich stolz und überlegen verhielt.
»Du willst wohl nicht mit mir kommen, was?« Das Kätzchen blieb gelassen und anmutig, aber als er es hochheben wollte, zerkratzte es ihm die Hand.
»Das da nehme ich«, entschied er und bedankte sich beim Bauern. Am nächsten Morgen kochte er sich ein Frühstück, die Katze fütterte er mit in Milch getunktem Brot. Als er in ihre grünlichen Augen schaute, erkannte er darin die typische Katzenschläue, und er lächelte. »Ich werde dich Mistress Buffington nennen«, erklärte er ihr. Vielleicht hatte das Füttern den Zauberbann gebrochen. Nach wenigen Stunden lag sie schnurrend in seinem Schoß, als er auf dem Kutschbock saß.
Arn späten Vormittag setzte er die Katze neben sich auf die Bank. Sie kamen nach Tettenhall, und während er um die Straßenbiegung fuhr, sah er einen Mann sich über eine Frau beugen, die auf der Straße lag.
»Was fehlt ihr?« rief er und hielt das Pferd an. Sie atmete heftig, ihr Gesicht war vor Anstrengung gerötet, und sie hatte einen riesigen Bauch.
»Es ist soweit«, erklärte der Mann.
In dem Obstgarten hinter ihm stand ein halbes Dutzend Körbe voll Äpfel. Der Mann trug nur Lumpen am Leib und schien nicht viel zu besitzen. Rob nahm an, dass er ein Kleinbauer war, der auf einem Gut für den Grundbesitzer arbeitete und dafür ein kleines Lehen erhalten hatte, das er für seine Familie bewirtschaften konnte.
»Wir waren mitten in der Apfelernte, als die Wehen einsetzten. Sie wollte nach Hause gehen, hat es aber nicht geschafft. Es gibt keine Hebamme im Ort, denn die unsere ist im Frühjahr gestorben. Ich habe einen Jungen nach dem Medicus geschickt, als es deutlich wurde, dass es ihr schlecht geht.«
»Also dann«, sagte Rob und ergriff die Zügel. Er wollte weiterfahren, denn es handelte sich hier um genau jenen Fall, vor dem ihn der Bader gewarnt hatte und den er vermeiden sollte: Wenn er der Frau helfen konnte, würde er nur eine geringe Bezahlung erhalten, wenn er aber versagte, würde man ihm vielleicht die Schuld an den Folgen geben.
»Es dauert schon viel zu lang«, sagte der Mann verbittert, »und der Medicus kommt noch immer nicht. Es ist ein jüdischer Arzt.«
Noch während der Mann sprach, verdrehte die Frau die Augen und verfiel in Krämpfe.
Nach des Baders Erzählungen über jüdische Ärzte hielt Rob es für wahrscheinlich, dass der Geburtshelfer überhaupt nicht kam. Der stumme Jammer in den Augen des Kleinbauern rührte ihn und weckte Erinnerungen, die er gern vergessen hätte.
Seufzend kletterte er vom Wagen. Er kniete neben der schmutzigen, erschöpften Frau nieder und ergriff die Hände. »Wann hat sie zum letztenmal gespürt, dass sich das Kind in ihrem Leib regt?«
»Das ist Wochen her. Seit vierzehn Tagen fühlt sie sich unwohl, als wäre sie vergiftet.« Sie habe vorher schon vier Schwangerschaften gehabt, daheim warteten zwei Jungen, aber die letzten beiden Kinder seien Totgeburten gewesen.
Rob spürte, dass auch dieses Kind tot war. Er legte die Hand leicht auf den aufgetriebenen Bauch und wünschte sich sehnlich, weit weg zu sein. Aber er sah im Geist Mas kalkweißes Gesicht vor sich, wie sie auf dem Stallboden voller Mist gelegen hatte, und er wusste, dass die Frau sterben würde, wenn er nicht handelte.
Im Durcheinander der Instrumente des Baders fand er ein metallenes Spekulum, doch er verwendete es nicht zum Spiegeln. Als der Krampf abklang, spreizte er die Beine der Frau und erweiterte den Gebärmutterhals mit dem Instrument, wie es ihm der Bader erklärt hatte. Der Klumpen in ihr glitt leicht heraus, es war ein Stück verwesten Fleisches, kein Baby. Er merkte kaum, dass der Mann den Atem scharf einsog und wegging.
Robs Hände arbeiteten selbständig, ohne dass sein Kopf ihm Anweisungen gab. Er brachte die Nachgeburt heraus, säuberte die Frau und wusch sie. Als er aufblickte, sah er zu seiner Überraschung, dass der Medicus inzwischen angelangt war.