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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
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Endlich war sie wieder bei Nino an der Kasse.

»Und die Kinder?«, fragte sie.»Was ist mit denen?«

»Das ist jetzt alles anders geworden«, erklärte Nino, dem bei Momos neuerlichem Anblick der Schweiß auf die Stirn trat.»Ich kann dir das jetzt nicht so erklären, du siehst ja, wie es zugeht hier!«

»Aber warum kommen sie nicht mehr?«, beharrte Momo eigensinnig auf ihrer Frage.

»Alle Kinder, um die sich niemand kümmern kann, sind jetzt in Kinder-Depots untergebracht. Die dürfen sich nicht mehr selbst überlassen bleiben, weil… na, kurz und gut, für sie ist jetzt gesorgt.«

»Beeilt euch doch, ihr Trantanten da vorne!«, riefen wieder Stimmen aus der Schlange.»Wir wollen schließlich auch mal zum Essen kommen.«

»Meine Freunde?«, fragte Momo ungläubig.»Haben sie das wirklich selber gewollt?«

»Das hat man sie nicht gefragt«, erwiderte Nino und zappelte fahrig mit den Händen auf den Tasten seiner Kasse herum.»Kinder können doch über so was nicht entscheiden. Es ist dafür gesorgt, dass sie von der Straße wegkommen. Das ist schließlich das Wichtigste, nicht wahr?«

Momo sagte darauf gar nichts, sondern schaute Nino nur prüfend an. Und das machte Nino nun vollends konfus.

»Zum Kuckuck nochmal«, schrie nun wieder eine erboste Stimme aus dem Hintergrund,»das ist ja zum Auswachsen, wie hier heute getrödelt wird. Müsst ihr euer gemütliches Schwätzchen denn ausgerechnet jetzt abhalten?«

»Und was soll ich jetzt machen«, fragte Momo leise,»ohne meine Freunde?«

Nino zuckte die Schultern und knetete seine Finger.

»Momo«, sagte er und holte tief Luft wie einer, der mit Gewalt seine assung zu bewahren sucht,»sei vernünftig und komm irgendwann wieder, ich habe jetzt wirklich keine Zeit mit dir zu beraten, was du anfangen sollst. Du kannst hier immer essen, das weißt du ja. Aber ich an deiner Stelle würde eben einfach auch in solch ein Kinder-Depot gehen, wo du beschäftigt wirst und aufgehoben bist und sogar noch was lernst. Aber da werden sie dich sowieso hinbringen, wenn du so allein durch die Welt läufst.«

Momo sagte wieder nichts und sah Nino nur an. Die Menge der Nachdrängenden schob sie weiter. Automatisch ging sie zu einem der Tischchen und ebenso automatisch verdrückte sie auch noch das dritte Mittagessen, obwohl sie es kaum hinunterwürgen konnte und es wie Pappendeckel und Holzwolle schmeckte. Danach fühlte sie sich elend.

Sie nahm Kassiopeia unter den Arm und ging still und ohne sich noch einmal umzudrehen hinaus.

»He, Momo!«, rief Nino ihr nach, der sie im letzten Augenblick noch erspäht hatte.»Warte doch mal! Du hast mir ja gar nicht erzählt, wo du inzwischen gesteckt hast!«Aber dann drängten die nächsten Leute heran und er tippte wieder auf der Kasse, nahm Geld ein und gab Wechselgeld heraus. Das Lächeln auf seinem Gesicht war schon lange wieder verschwunden. -

Viel zu essen«, sagte Momo zu Kassiopeia, als sie wieder im alten Amphitheater waren,»viel zu essen hab ich ja schon gekriegt, viel zu viel. Aber ich hab trotzdem das Gefühl, als ob ich nicht satt bin.«Und nach einer Weile fügte sie hinzu:»Ich hätte Nino auch nicht von den Blumen und der Musik erzählen können.«Und abermals nach einer Weile sagte sie:»Aber morgen gehen wir und suchen Gigi. Er wird dir bestimmt gefallen, Kassiopeia. Du wirst schon sehen.«

Aber auf dem Rücken der Schildkröte erschien nur ein großes Fragezeichen.

FÜNFZEHNTES KAPITEL

Gefunden und verloren

Am nächsten Tag machte Momo sich schon früh am Morgen auf, um Gigis Haus zu suchen. Die Schildkröte nahm sie natürlich wieder mit. Wo der Grüne Hügel war, wusste Momo. Es war ein Villenvorort, der weit entfernt lag von jener Gegend um das alte Amphitheater. Er lag in der Nähe jener gleichförmigen Neubauviertel, also auf der anderen Seite der großen Stadt.

Es war ein weiter Weg. Momo war zwar daran gewöhnt barfuß zu laufen, aber als sie endlich auf dem Grünen Hügel ankam, taten ihr doch die Füße weh.

Sie setzte sich auf einen Rinnstein, um sich einen Augenblick auszuruhen.

Es war wirklich eine sehr vornehme Gegend. Die Straßen waren hier breit und sehr sauber und beinahe menschenleer. In den Gärten hinter den hohen Mauern und Eisengittern erhoben uralte Bäume ihre Wipfel in den Himmel. Die Häuser in den Gärten waren meist lang gestreckte Gebäude aus Glas und Beton mit flachen Dächern. Die glattrasierten Wiesen vor den Häusern waren saftiggrün und luden förmlich ein, auf ihnen Purzelbäume zu machen. Aber nirgends sah man jemand in den Gärten spazieren gehen oder auf dem Rasen spielen. Wahrscheinlich hatten die Besitzer keine Zeit dazu.

»Wenn ich nur wüsste«, sagte Momo zur Schildkröte,»wie ich jetzt herauskriegen kann, wo Gigi hier wohnt.«

»wirst's gleich wissen«, stand auf Kassiopeias Rücken.

»Meinst du?«, fragte Momo hoffnungsvoll.

»He, du Dreckspatz«, sagte plötzlich eine Stimme hinter ihr,»was suchst du denn hier?«

Momo drehte sich um. Da stand ein Mann, der eine sonderbare gestreifte Weste anhatte.

Momo wusste nicht, dass Diener von reichen Leuten solche Westen tragen. Sie stand auf und sagte:»Guten Tag, ich suche das Haus von Gigi. Nino hat mir gesagt, dass er jetzt hier wohnt.«

»Wessen Haus suchst du?«

»Von Gigi Fremdenführer. Er ist nämlich mein Freund.«

Der Mann mit der gestreiften Weste guckte das Kind misstrauisch an. Hinter ihm war das Gartentor ein wenig offen geblieben und Momo konnte einen Blick hineinwerfen. Sie sah einen weiten Rasen, auf dem einige Windhunde spielten und ein Springbrunnen plätscherte. Und auf einem Baum voller Blüten saß ein Pfauenpärchen.

»Oh«, rief Momo bewundernd,»was für schöne Vögel!«

Sie wollte hineingehen um sie aus der Nähe zu betrachten, aber der Mann mit der Weste hielt sie am Kragen zurück.

»Hier geblieben!«, sagte er.»Was fällt dir ein, Dreckspatz!«

Dann ließ er Momo wieder los und wischte sich die Hand mit seinem Taschentuch ab, als habe er etwas Unappetitliches angefasst.

»Gehört das alles dir?«, fragte Momo und zeigte durch das Tor.

»Nein«, sagte der Mann mit der Weste noch eine Spur unfreundlicher,»verschwinde jetzt! Du hast hier nichts zu suchen.«

»Doch«, versicherte Momo mit Nachdruck,»Gigi Fremdenführer muss ich suchen. Er wartet nämlich auf mich. Kennst du ihn denn nicht?«

»Hier gibt es keine Fremdenführer«, erwiderte der Mann mit der Weste und drehte sich um. Er ging in den Garten zurück und wollte das Tor schließen, doch im letzten Augenblick schien ihm noch etwas einzufallen.

»Du meinst doch nicht etwa Girolamo, den berühmten Erzähler?«

»Na ja, Gigi Fremdenführer eben«, antwortete Momo erfreut,»so heißt er doch. Weißt du, wo sein Haus ist?«

»Und er erwartet dich wirklich?«, wollte der Mann wissen.

»Ja«, meinte Momo,»ganz bestimmt. Er ist mein Freund und er bezahlt für mich alles, was ich bei Nino esse.«

Der Mann mit der Weste zog die Augenbrauen hoch und schüttelte den Kopf.

»Diese Künstler!«, sagte er säuerlich.»Was sie doch manchmal für ausgefallene Launen haben! Aber wenn du wirklich glaubst, dass er Wert auf deinen Besuch legt: Sein Haus ist das letzte ganz oben an der Straße.«

Und das Gartentor fiel ins Schloss.

»lackaffe!«, stand auf Kassiopeias Panzer, aber die Schrift erlosch sogleich wieder.

Das letzte Haus ganz oben an der Straße war von einer übermannshohen Mauer umgeben. Und auch das Gartentor war, ähnlich wie das bei dem Mann mit der Weste, aus Eisenplatten, sodass man nicht hineinsehen konnte. Nirgends war ein Klingelknopf oder ein Namensschild zu finden.

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