Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte». Краткое содержание книги:
Und nun saß Momo also auf den steinernen Stufen und wartete auf ihre Freunde. Den ganzen Tag seit ihrer Rückkehr hatte sie so gesessen und gewartet. Aber niemand war gekommen. Niemand.
Die Sonne senkte sich dem westlichen Horizont zu. Die Schatten wuchsen und es wurde kalt.
Endlich stand Momo auf. Sie war hungrig, denn niemand hatte daran gedacht, ihr etwas zu essen zu bringen. Das war noch nie geschehen. Selbst Gigi und Beppo mussten sie heute vergessen haben. Aber sicher, dachte Momo, war das Ganze nur ein Versehen, irgendein dummer Zufall, der sich morgen aufklären würde.
Sie stieg zur Schildkröte hinunter, die sich schon zum Schlafen in ihr Gehäuse zurückgezogen hatte. Momo hockte sich neben sie und klopfte mit dem Fingerknöchel schüchtern auf den Rückenpanzer. Die Schildkröte schob ihren Kopf hervor und blickte Momo an.
»Entschuldige bitte«, sagte Momo,»es tut mir Leid, wenn ich dich geweckt habe, aber kannst du mir sagen, warum heute den ganzen lag kein einziger von meinen Freunden gekommen ist?«
Auf dem Panzer erschienen die Worte:»keiner mehr da.«
Momo las sie, verstand aber nicht, was sie bedeuten sollten.
»Na ja«, sagte sie zuversichtlich,»morgen wird sich's schon herausstellen. Morgen kommen meine Freunde bestimmt.«
»nie mehr«, war die Antwort.
Momo starrte die matt leuchtenden Buchstaben eine Weile an.
»Was meinst du damit?«, fragte sie schließlich bang.»Was ist denn mit meinen Freunden?«
»alle fort«, las sie.
Sie schüttelte den Kopf.»Nein«, sagte sie leise,»das kann nicht sein. Du irrst dich bestimmt, Kassiopeia. Gestern waren sie ja noch alle da zur großen Versammlung, aus der nichts geworden ist.«
»hast lang geschlafen«, lautete Kassiopeias Antwort.
Momo erinnerte sich, dass Meister Hora gesagt hatte, sie müsse einen Sonnenkreis hindurch schlafen wie ein Samenkorn in der Erde. Sie hatte nicht bedacht, wie viel Zeit das sein mochte, als sie zugestimmt hatte. Aber nun begann sie es zu ahnen.
»Wie lang?«, fragte sie flüsternd.
»JAHR UND TAG.«
Momo brauchte eine Weile, ehe sie diese Antwort begriffen hatte.
»Aber Beppo und Gigi«, stammelte sie schließlich,»die beiden warten doch bestimmt noch auf mich!«
»niemand mehr da«, stand auf dem Panzer.
»Wie kann denn das sein?«, Momos Lippen zitterten.»Es kann doch nicht einfach alles weg sein - alles, was war…«
Und langsam erschien auf Kassiopeias Rücken das Wort:»vergangen.«
Zum ersten Mal in ihrem Leben empfand Momo mit voller Gewalt, was dieses Wort bedeutet. Ihr Herz wurde schwer wie nie zuvor.
»Aber ich«, murmelte sie fassungslos,»ich bin doch noch da…«
Sie hätte gern geweint, aber sie konnte nicht. Nach einer Weile fühlte sie dass die Schildkröte sie an ihrem nackten Fuß berührte.
»ich bin bei dir!«, stand auf ihrem Panzer.
»Ja«, sagte Momo und lächelte tapfer,»du bist bei mir, Kassiopeia. Und ich bin froh darüber. Komm, wir wollen schlafen gehen.«
Sie nahm die Schildkröte hoch und trug sie durch das Einstiegsloch in der Mauer in ihren Raum hinunter. Im Licht der untergehenden Sonne sah Momo, dass alles noch so war, wie sie es verlassen hatte. (Beppo hatte das Zimmer damals wieder aufgeräumt.) Aber überall lag dicker Staub und hingen Spinnweben.
Auf dem Tischchen aus Kistenbrettern lehnte an einer Blechbüchse ein Brief. Auch er war von Spinnweben bedeckt.
»An Momo«, stand darauf.
Momos Herz begann schneller zu klopfen. Sie hatte noch nie einen Brief bekommen. Sie nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn von allen Seiten, dann riss sie das Kuvert auf und nahm einen Zettel heraus.
»Liebe Momo!«, las sie.»Ich bin umgezogen. Falls du zurückkommst, melde dich bitte gleich bei mir. Ich mache mir große Sorgen um dich. Du fehlst mir sehr. Hoffentlich ist dir nichts passiert. Wenn du Hunger hast, dann geh bitte zu Nino. Er schickt mir die Rechnung, ich bezahle alles. Also iss nur, so viel du willst, hörst du? Alles Weitere sagt dir dann Nino. Behalte mich lieb! Ich behalte dich auch lieb!
Immer
dein Gigi«
Es dauerte lang, bis Momo diesen Brief buchstabiert hatte, obwohl Gigi sich offensichtlich alle Mühe gegeben hatte schön und deutlich zu schreiben. Als sie endlich damit fertig war, erlosch gerade das letzte Restchen Tageslicht.
Aber Momo war getröstet.
Sie hob die Schildkröte hoch und legte sie neben sich auf das Bett.
Während sie sich in die staubige Decke hüllte, sagte sie leise:»Siehst du, Kassiopeia, ich bin doch nicht allein.«
Aber die Schildkröte schien bereits zu schlafen. Und Momo, die beim Lesen des Briefes Gigi ganz deutlich vor sich gesehen hatte, kam nicht auf den Gedanken, dass dieser Brief schon fast ein Jahr hier lag.
Sie legte ihre Wange auf das Papier. Jetzt war ihr nicht mehr kalt.
VIERZEHNTES KAPITEL
Zu viel zu essen und zu wenig Antworten
Am nächsten Mittag nahm Momo die Schildkröte unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Ninos kleinem Lokal.
»Du wirst sehen, Kassiopeia«, sagte sie,»jetzt wird sich alles aufklären. Nino weiß, wo Gigi und Beppo jetzt sind. Und dann gehen wir und holen die Kinder und wir sind wieder alle zusammen. Vielleicht kommen Nino und seine Frau auch mit und die anderen alle. Sie werden dir bestimmt gut gefallen, meine Freunde. Vielleicht machen wir heute Abend ein kleines Fest. Ich werde ihnen von den Blumen erzählen und von der Musik und von Meister Hora und allem. Ach, ich freu mich schon drauf, sie alle wiederzusehen. Aber jetzt freu ich mich erst mal auf ein schönes Mittagessen. Ich hab schon richtigen Hunger, weißt du.«
So schwatzte sie fröhlich weiter. Immer wieder fasste sie nach Gigis Brief, den sie in der Jackentasche bei sich trug. Die Schildkröte schaute sie nur mit ihren uralten Augen an, antwortete aber nichts.
Momo begann im Gehen zu summen und schließlich zu singen. Wieder waren es die Melodien und die Worte der Stimmen, die in ihrer Erinnerung noch ebenso deutlich weiterklangen wie am Tage zuvor. Momo wusste jetzt, dass sie sie nie mehr verlieren würde. Aber dann brach sie plötzlich ab. Vor ihr lag Ninos Lokal. Momo dachte im ersten Augenblick, sie hätte sich im Wege geirrt. Statt des alten Hauses mit dem regenfleckigen Verputz und der kleinen Laube vor der Tür stand dort jetzt ein lang gestreckter Betonkasten mit großen Fensterscheiben, welche die ganze Straßenfront ausfüllten. Die Straße selbst war inzwischen asphaltiert und viele Autos fuhren auf ihr. Auf der gegenüberliegenden Seite waren eine große Tankstelle und in nächster Nähe ein riesiges Bürohaus entstanden. Viele Fahrzeuge parkten vor dem neuen Lokal, über dessen Eingangstür in großen Lettern die Inschrift prangte:
Momo trat ein und konnte sich zunächst kaum zurechtfinden. An der Fensterseite entlang standen viele Tische mit winzigen Platten auf hohen Beinen, sodass sie wie sonderbare Pilze aussahen. Sie waren so hoch, dass ein Erwachsener im Stehen an ihnen essen konnte. Stühle gab es keine mehr.
Auf der anderen Seite befand sich eine lange Barriere aus blitzenden Metallstangen, eine Art Zaun. Dahinter zogen sich in kleinem Abstand lange Glaskästen hin, in denen Schinken- und Käsebrote, Würstchen, Teller mit Salaten, Pudding, Kuchen und alles mögliche andere stand, das Momo nicht kannte.
Aber alles das konnte Momo erst nach und nach wahrnehmen, denn der Raum war gedrängt voller Menschen, denen sie immerfort im Wege zu stehen schien; wo sie auch hintrat, wurde sie beiseite geschubst und weiter gedrängt. Die meisten Leute balancierten Tabletts mit Tellern und Flaschen darauf und versuchten einen Platz an den Tischchen zu ergattern. Hinter denen, die dort standen und hastig aßen, warteten schon jeweils andere auf deren Platz. Da und dort wechselten die Wartenden und die Essenden unfreundliche Worte. Überhaupt machten die Leute alle einen ziemlich missvergnügten Eindruck.