Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte». Краткое содержание книги:
Wie gut hätte sie jetzt Kassiopeia brauchen können! Wenn sie noch bei ihr gewesen wäre, sie hätte ihr geraten»warte!«oder»geh weiter!«, aber so wusste Momo nie, was sie tun sollte. Sie musste fürchten Beppo zu verfehlen, weil sie wartete und sie musste fürchten ihn zu verfehlen, weil sie es nicht tat.
Auch nach den Kindern, die früher immer zu ihr gekommen waren, hielt sie Ausschau. Aber sie sah niemals eines. Sie sah überhaupt keine Kinder mehr auf den Straßen und sie erinnerte sich an Ninos Worte, dass für die Kinder jetzt gesorgt sei.
Dass Momo selbst niemals von einem Polizisten oder einem Erwachsenen aufgegriffen und in ein Kinder-Depot gebracht wurde, lag an der heimlichen, unablässigen Überwachung durch die grauen Herren. Denn das hätte ja nicht in die Pläne gepasst, die sie mit Momo hatten. Aber davon wusste Momo nichts.
Jeden Tag ging sie einmal zu Nino zum Essen. Aber mehr als bei ihrer ersten Begegnung konnte sie nie mit ihm reden. Nino war immer in der gleichen Eile und hatte niemals Zeit.
Aus den Wochen wurden Monate. Und immer war Momo allein. Ein einziges Mal erblickte sie, als sie in der Abenddämmerung auf dem Geländer einer Brücke saß, in der Ferne auf einer anderen Brücke eine kleine gebückte Gestalt. Diese schwang hastig einen Besen, als gelte es ihr Leben. Momo glaubte Beppo zu erkennen und schrie und winkte, aber die Gestalt unterbrach ihre Tätigkeit keinen Augenblick. Momo rannte los, aber als sie auf der anderen Brücke ankam, konnte sie niemand mehr entdecken.
»Es wird wohl nicht Beppo gewesen sein«, sagte Momo zu sich, um sich zu trösten.»Nein, das kann er gar nicht gewesen sein. Ich weiß doch, wie Beppo kehrt.«
An manchen Tagen blieb sie auch zu Hause im alten Amphitheater, weil sie plötzlich hoffte, Beppo könnte vielleicht vorbeikommen um nachzusehen, ob sie schon zurückgekommen sei. Wenn sie dann gerade nicht da wäre, musste er natürlich glauben, sie sei noch immer verschwunden. Auch hier quälte sie wieder die Vorstellung, dass genau das vielleicht schon geschehen war, vor einer Woche oder gestern! Also wartete sie, aber sie wartete natürlich vergebens. Schließlich malte sie in großen Buchstaben an die Wand ihres Zimmers: BIN WIEDER DA.
Aber niemals las es jemand außer ihr selbst.
Eines jedoch verließ sie nicht in all dieser Zeit: die lebendige Erinnerung an das Erlebnis bei Meister Hora, an die Blumen und die Musik. Sie brauchte nur die Augen zu schließen und in sich hineinzuhorchen, so sah sie die glühende Farbenpracht der Blüten und hörte die Musik der Stimmen. Und wie am ersten Tag konnte sie die Worte nachsprechen und die Melodien mitsingen, obgleich diese sich immerfort neu bildeten und niemals die gleichen waren.
Manchmal saß sie ganze Tage lang allein auf den steinernen Stufen und sprach und sang vor sich hin. Niemand war da, der ihr zuhörte, außer den Bäumen und den Vögeln und den alten Steinen. Es gibt viele Arten von Einsamkeit, aber Momo erlebte eine, die wohl nur wenige Menschen kennen gelernt haben und die wenigsten mit solcher Gewalt.
Sie kam sich vor wie eingeschlossen in einer Schatzhöhle voll unermesslicher Reichtümer, die immer mehr und mehr wurden und sie zu ersticken drohten. Und es gab keinen Ausgang! Niemand konnte zu ihr dringen und sie konnte sich niemand bemerkbar machen, so tief vergraben unter einem Berg von Zeit.
Es kamen sogar Stunden, in denen sie sich wünschte, sie hätte die Musik nie gehört und die Farben nie geschaut. Und dennoch, wäre sie vor die Wahl gestellt worden, sie hätte diese Erinnerung um nichts in der Welt wieder hergegeben. Auch wenn sie daran sterben musste. Denn das war es, was sie nun erfuhr: Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann. -
Alle paar Tage lief Momo zu Gigis Villa und wartete oft lange vor dem Gartentor. Sie hoffte, ihn noch einmal zu sehen. Sie war inzwischen mit allem einverstanden. Sie wollte bei ihm bleiben, ihm zuhören und zu ihm sprechen, ganz gleich, ob es so werden würde wie früher. Aber das Tor öffnete sich nie wieder.
Es waren nur einige Monate, die so vergingen - und doch war es die längste Zeit, die Momo je durchlebte. Denn die wirkliche Zeit ist eben nicht nach der Uhr und dem Kalender zu messen.
Über eine solche Art von Einsamkeit kann man in Wahrheit auch nichts erzählen. Es genügt vielleicht, nur dies eine noch zu sagen: Wenn Momo den Weg zu Meister Hora hätte finden können - und sie versuchte es oft und oft - so wäre sie zu ihm hingegangen und hätte ihn gebeten, ihr keine Zeit mehr zuzuteilen, oder ihr zu erlauben, bei ihm im Nirgend-Haus für immer zu bleiben.
Aber ohne Kassiopeia konnte sie den Weg nicht wiederfinden. Und die war und blieb verschwunden. Vielleicht war sie längst zu Meister Hora zurückgekehrt. Oder sie hatte sich irgendwo auf der Welt verirrt. Jedenfalls kam sie nicht wieder. -
Stattdessen geschah etwas ganz Anderes.
Tages nämlich begegnete Momo in der Stadt drei Kindern, die früher immer zu ihr gekommen waren. Es waren Paolo, Franco und Mädchen Maria, das früher immer das kleine Geschwisterchen Dedé herumgetragen hatte. Alle drei sahen ganz verändert aus. Sie trugen eine Art grauer Uniform und ihre Gesichter wirkten seltsam erstarrt und leblos. Selbst als Momo sie jubelnd begrüßte, lächelten sie kaum.
»Ich hab euch so gesucht«, sagte Momo atemlos,»kommt ihr jetzt wieder zu mir?«
Die drei wechselten Blicke, dann schüttelten sie die Köpfe.
»Aber morgen vielleicht, ja?«, fragte Momo.»Oder übermorgen?«
Wiederum schüttelten die drei die Köpfe.
»Ach, kommt doch wieder!«, bat Momo.»Früher seid ihr doch immer gekommen.«
»Früher!«, antwortete Paolo.»Aber jetzt ist alles anders. Wir dürfen unsere Zeit nicht mehr nutzlos vertun.«
»Das haben wir doch nie getan«, meinte Momo.
»Ja, es war schön«, sagte Maria,»aber darauf kommt es nicht an.«
Die drei Kinder gingen eilig weiter. Momo lief neben ihnen her.
»Wo geht ihr denn jetzt hin?«, wollte sie wissen.
»In die Spielstunde«, antwortete Franco.»Da lernen wir spielen.«
»Was denn?«, fragte Momo.
»Heute spielen wir Lochkarten«, erklärte Paolo,»das ist sehr nützlich, aber man muss höllisch aufpassen.«
»Und wie geht das?«
»Jeder von uns stellt eine Lochkarte dar. Jede Lochkarte enthält eine Menge verschiedener Angaben: wie groß, wie alt, wie schwer und so weiter. Aber natürlich nie das, was man wirklich ist, sonst wäre es ja zu einfach. Manchmal sind wir auch nur lange Zahlen, MUX/763/y zum Beispiel. Dann werden wir gemischt und kommen in eine Kartei. Und dann muss einer von uns eine bestimmte Karte herausfinden. Er muss Fragen stellen und zwar so, dass er alle anderen Karten aussondert und nur die eine zum Schluss übrig bleibt. Wer es am schnellsten kann, hat gewonnen.«
»Und das macht Spaß?«, fragte Momo etwas zweifelnd.»Darauf kommt es nicht an«, meinte Maria ängstlich,»so darf man nicht reden.«
»Aber worauf kommt es denn an?«, wollte Momo wissen.
»Darauf«, antwortete Paolo,»dass es nützlich für die Zukunft ist.«
Inzwischen waren sie vor dem Tor eines großen, grauen Hauses angekommen.»Kinder-Depot«stand über der Tür.
»Ich hätte euch so viel zu erzählen«, sagte Momo.»Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder«, antwortete Maria traurig.
Um sie herum waren noch mehr Kinder, die alle in das Tor hineingingen. Und alle sahen ähnlich aus wie die drei Freunde von Momo.»Bei dir war 's viel schöner«, sagte Franco plötzlich.»Da ist uns selber immer eine Menge eingefallen. Aber dabei lernt man nichts, sagen sie.«