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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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»Momo«, antwortete Beppo. Der Polizist begann alles aufzuschreiben.

»… namens Momo. Momo und wie weiter? Den ganzen Namen, bitte!«

»Momo und nichts weiter«, sagte Beppo.

Der Polizist kratzte sich unter dem Kinn und blickte Beppo bekümmert an.

»Also so geht das nicht, mein Guter. Ich will Ihnen ja helfen, aber so kann man keine Anzeige aufsetzen. Nun sagen Sie mir erst mal, wie Sie selbst heißen.«

»Beppo«, sagte Beppo.

»Und wie weiter?«»Beppo Straßenkehrer.«

»Den Namen will ich wissen, nicht den Beruf!«

»Es ist beides«, erklärte Beppo geduldig.

Der Polizist ließ den Federhalter sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen.

»Gott im Himmel!«, murmelte er verzweifelt.»Warum muss gerade ich jetzt Dienst haben?«

Dann richtete er sich auf, straffte seine Schultern, lächelte dem alten Mann aufmunternd zu und sagte mit der Sanftheit eines Krankenpflegers:»Die Personalien können wir ja später aufnehmen. Jetzt erzählen Sie erst mal der Reihe nach, was eigentlich war und wie alles gekommen ist.«

»Alles?«, fragte Beppo zweifelnd.

»Alles, was zur Sache gehört«, antwortete der Polizist.»Ich habe zwar überhaupt keine Zeit, ich muss bis Mittag diesen ganzen Berg von Formularen da ausgefüllt haben, ich bin am Rande meiner Kräfte und meiner Nerven -, aber lassen Sie sich ruhig Zeit und erzählen Sie, was Sie auf dem Herzen haben.«

Er lehnte sich zurück und schloss die Augen mit dem Ausdruck eines Märtyrers, der gerade auf dem Rost gebraten wird. Und der alte Beppo begann, auf seine wunderliche und umständliche Art, die ganze Geschichte zu erzählen, angefangen von Momos Auftauchen und ihrer besonderen Eigenschaft, bis zu den grauen Herren auf der Müllhalde, die er selbst belauscht hatte.

»Und in derselben Nacht«, schloss er,»ist Momo verschwunden.«

Der Polizist blickte ihn lange und gramerfüllt an.

»Mit anderen Worten«, sagte er schließlich,»da war einmal ein höchst unwahrscheinliches, kleines Mädchen, dessen Existenz man nicht beweisen kann und das ist von so einer Art Gespenster, die es ja bekanntlich nicht gibt, wer weiß wohin entführt worden. Aber auch das ist nicht sicher. Und darum soll sich nun die Polizei kümmern?«

»Ja, bitte!«, sagte Beppo.

Der Polizist beugte sich vor und rief barsch:»Hauchen Sie mich mal an!«

Beppo verstand diese Aufforderung nicht, er zuckte die Schultern, hauchte aber dann gehorsam dem Polizisten ins Gesicht. Der schnüffelte und schüttelte den Kopf.»Betrunken sind Sie offenbar nicht.«

»Nein«, murmelte Beppo, rot vor Verlegenheit,»bin ich noch nie gewesen.«

»Warum erzählen Sie mir dann diesen ganzen Unsinn?«, fragte der Polizist.»Halten Sie die Polizei denn für so blöd, dass sie auf solche Ammenmärchen hereinfällt?«»Ja«, antwortete Beppo arglos.

Jetzt riss dem Polizisten endgültig der Geduldsfaden. Er sprang von seinem Stuhl auf und hieb mit der Faust auf das lange und schwierige Formular.»Jetzt reicht es mir aber!«, schrie er mit rotem Kopf.»Verschwinden Sie auf der Stelle, sonst sperre ich Sie wegen Amtsbeleidigung ein!«

»Verzeihung«, murmelte Beppo eingeschüchtert,»ich hab es anders gemeint. Ich wollte sagen…«

»Raus!«, brüllte der Polizist.

Beppo drehte sich um und ging hinaus.

Während der nächsten Tage tauchte er in verschiedenen anderen Polizeistationen auf. Die Szenen, die sich dort abspielten, unterschieden sich kaum von der ersten. Man warf ihn hinaus, man schickte ihn freundlich nach Hause oder man vertröstete ihn um ihn loszuwerden. Aber einmal geriet Beppo an einen höheren Beamten, der weniger Sinn für Humor hatte als seine Kollegen. Er ließ sich unbewegten Gesichts die ganze Geschichte erzählen, dann sagte er kalt:»Dieser alte Mann ist verrückt. Man wird feststellen müssen, ob er gemeingefährlich ist. Bringt ihn in die Arrestzelle!«

In der Zelle musste Beppo einen halben Tag warten, dann wurde er von zwei Polizisten in ein Auto verfrachtet. Sie fuhren mit ihm quer durch die Stadt zu einem großen, weißen Gebäude, das Gitter vor den Fenstern hatte. Aber es war kein Gefängnis oder dergleichen, wie Beppo zuerst dachte, sondern ein Krankenhaus für Nervenleiden.

Hier wurde er gründlich untersucht. Der Professor und die Krankenpfleger waren freundlich zu ihm, sie lachten ihn nicht aus und schimpften nicht mit ihm, sie schienen sich sogar sehr für seine Geschichte zu interessieren, denn er musste sie ihnen immer und immer wieder erzählen. Obgleich sie ihm nie widersprachen, hatte Beppo auch nie das Gefühl, dass sie ihm wirklich glaubten. Er wurde nicht recht schlau aus ihnen, aber gehen ließen sie ihn auch nicht.

Jedes Mal, wenn er fragte, wann er denn nun hinausdürfe, hieß es:»Bald, aber im Augenblick brauchen wir Sie noch. Sie müssen das verstehen, die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, aber wir kommen voran.«

Und Beppo, der glaubte, es handle sich um Untersuchungen nach dem Verbleib der kleinen Momo, fasste sich in Geduld.

Man hatte ihm ein Bett in einem großen Schlafsaal angewiesen, wo noch viele andere Patienten schliefen. Eines Nachts wachte er auf und sah im schwachen Licht der Notbeleuchtung, dass jemand neben seinem Bett stand. Erst entdeckte er nur das rote Leuchtpünktchen einer glimmenden Zigarre, aber dann erkannte er den runden steifen Hut und die Aktentasche, die die Gestalt im Dunkeln trug. Er begriff, dass es einer der grauen Herren war, ihm wurde kalt bis ins Herz hinein und er wollte um Hilfe rufen.

»Still!«, sagte die aschenfarbene Stimme im Dutikeln.»Ich habe den Auftrag, Ihnen ein Angebot zu machen. Hören Sie mir zu und antworten Sie mir erst, wenn ich Sie dazu auffordere! Sie haben ja nun ein wenig sehen können, wie weit unsere Macht bereits reicht. Es hängt ganz von Ihnen ab, ob Sie noch mehr davon kennen lernen werden. Sie können uns zwar nicht im Geringsten damit schaden, dass Sie diese Geschichte über uns jedem auf die Nase binden, aber angenehm ist es uns trotzdem nicht. Übrigens haben Sie natürlich völlig Recht mit der Annahme, dass ihre kleine Freundin Momo von uns gefangen gehalten wird. Aber geben Sie die Hoffnung auf, dass man sie je bei uns finden kann. Das wird niemals geschehen. Und durch ihre Bemühungen sie zu befreien, machen Sie dem armen Kind seine Lage nicht gerade angenehmer. Für jeden Ihrer Versuche, mein Bester, muss sie büßen. Überlegen Sie sich also in Zukunft, was sie tun und sagen.«

Der graue Herr blies einige Rauchringe und beobachtete mit Genugtuung die Wirkung, die seine Rede auf den alten Beppo hatte. Denn der glaubte jedes Wort.

»Um mich so kurz wie möglich zu fassen, denn auch meine Zeit ist kostbar«, fuhr der graue Herr fort,»mache ich Ihnen folgendes Angebot: Wir geben Ihnen das Kind zurück unter der Bedingung, dass Sie nie wieder ein Wort über uns und unsere Tätigkeit verlieren. Außerdem fordern wir von ihnen, sozusagen als Lösegeld, die Summe von hunderttausend Stunden eingesparter Zeit. Machen Sie sich keine Sorgen darüber, wie wir in den Besitz dieser Zeit kommen werden, das ist unsere Sache. Sie haben lediglich die Aufgabe diese Zeit einzusparen. Wie, das ist Ihre Sache. Wenn Sie damit einverstanden sind, dann werden wir dafür sorgen, dass Sie im Laufe der nächsten Tage hier entlassen werden. Wenn nicht, dann bleiben Sie eben für immer hier und Momo bleibt für immer bei uns. Überlegen sie sich's. Wir machen dieses großzügige Angebot nur dies eine Mal. Also?«

Beppo schluckte zweimal und krächzte dann:»Einverstanden.«

»Sehr vernünftig«, sagte der graue Herr zufrieden,»also denken Sie daran: völliges Stillschweigen und hunderttausend Stunden. Sobald wir die haben, bekommen Sie die kleine Momo wieder. Machen Sie's gut, mein Bester.«

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