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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
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Damit verließ der graue Herr den Schlafsaal. Die Rauchfahne, die hinter ihm zurückblieb, schien in der Dunkelheit matt zu leuchten wie ein Irrlicht.

Von dieser Nacht an erzählte Beppo seine Geschichte nicht mehr. Und wenn man ihn fragte, warum er sie früher erzählt habe, dann zuckte er nur traurig die Schultern. Wenige Tage später schon schickte man ihn nach Hause.

Aber Beppo ging nicht nach Hause, sondern geradewegs zu jenem großen Haus mit dem Hof, wo er und seine Kollegen immer ihre Besen und Karren in Empfang nahmen. Er holte seinen Besen, ging damit in die große Stadt und fing an zu kehren.

Aber nun kehrte er nicht mehr wie früher, bei jedem Schritt einen Atemzug und bei jedem Atemzug einen Besenstrich, sondern jetzt tat er es hastig und ohne Liebe zur Sache und nur um Stunden einzubringen. Mit peinigender Deutlichkeit wusste er, dass er damit seine tiefste Überzeugung, ja, sein ganzes bisheriges Leben verleugnete und verriet, und das machte ihn krank vor Widerwillen gegen das, was er tat. Wäre es nur um ihn gegangen, er wäre lieber verhungert, als sich selbst so untreu zu werden. Aber es ging ja um Momo, die er freikaufen musste und dies war die einzige Art Zeit zu sparen, die er kannte. Er kehrte bei Tag und bei Nacht, ohne jemals nach Hause zu gehen. Wenn die Erschöpfung ihn übermannte, setzte er sich auf eine Anlagenbank oder auch einfach auf den Rinnstein und schlief ein wenig. Dann fuhr er nach kurzem wieder auf und kehrte weiter. Ebenso hastig würgte er zwischendurch rasch einmal irgendetwas zu essen hinunter. Zu seiner Hütte bei dem Amphitheater ging er nicht mehr zurück. Er kehrte durch Wochen und durch Monate. Es kam der Herbst und es kam der Winter. Beppo kehrte.

Und es kam der Frühling und wieder der Sommer. Beppo bemerkte es kaum, er kehrte und kehrte, um die hunderttausend Stunden Lösegeld zu ersparen.

Die Leute in der großen Stadt hatten keine Zeit, um auf den kleinen alten Mann zu achten. Und die wenigen, die es doch taten, tippten sich hinter seinem Rücken an die Stirn, wenn er keuchend an ihnen vorüberhastete und den Besen schwang, als gelte es sein Leben. Aber dass man ihn für närrisch hielt, war ja nichts Neues für Beppo und er beachtete es kaum.

Nur wenn ihn manchmal jemand fragte, warum er es denn so eilig habe, dann unterbrach er seine Arbeit für einen Augenblick, schaute den Frager ängstlich und voll Trauer an und legte den Finger an die Lippen. -

Die schwierigste Aufgabe stellte es für die grauen Herren dar, die Kinder unter Momos Freunden nach ihren Plänen zu lenken. Nachdem Momo verschwunden war, hatten die Kinder sich dennoch, sooft es nur ging, im alten Amphitheater versammelt. Sie hatten immer neue Spiele erfunden, ein paar alte Kisten und Schachteln genügten ihnen um darin fabelhafte Weltreisen zu unternehmen oder um daraus Burgen und Schlösser zu errichten. Sie hatten weiterhin ihre Pläne geschmiedet und einander Geschichten erzählt, kurzum, sie hatten einfach so getan, als sei Momo noch mitten unter ihnen. Und es hatte sich erstaunlicherweise gezeigt, dass es dadurch fast so war, als sei sie tatsächlich noch da.

Außerdem hatten diese Kinder keinen Augenblick daran gezweifelt, dass Momo wiederkommen würde. Darüber war zwar niemals gesprochen worden, aber das war auch gar nicht nötig. Die stillschweigende Gewissheit verband die Kinder miteinander. Momo hörte zu ihnen und war ihr heimlicher Mittelpunkt, ganz gleich, ob sie nun da war oder nicht.

Dagegen hatten die grauen Herren nicht ankommen können. Wenn sie die Kinder nicht unmittelbar unter ihren Einfluss bringen konnten, um sie von Momo loszureißen, dann mussten sie es eben über einen Umweg zuwege bringen. Und dieser Umweg waren die Erwachsenen, die ja über die Kinder zu bestimmen hatten. Nicht alle Erwachsenen, versteht sich, aber diejenigen, die sich als Helfershelfer eigneten und das waren leider gar nicht wenige. Obendrein waren es nun die eigenen Waffen der Kinder, welche die grauen Herren gegen sie verwendeten.

Plötzlich erinnerten sich nämlich einige Leute an die Umzüge, an die Plakate und Inschriften der Kinder.

»Wir müssen etwas unternehmen«, hieß es,»denn es geht nicht an, dass immer mehr und mehr Kinder allein sind und vernachlässigt werden. Den Eltern ist kein Vorwurf zu machen, denn das moderne Leben lässt ihnen eben keine Zeit sich genügend mit ihren Kindern zu beschäftigen. Aber die Stadtverwaltung muss sich darum kümmern.«

»Es geht nicht an«, sagten andere,»dass der reibungslose Ablauf des Straßenverkehrs durch herumlungernde Kinder gefährdet wird. Die Zunahme von Unfällen, die durch Kinder auf den Straßen verursacht werden, kostet immer mehr Geld, das man anderweitig vernünftiger ausgeben könnte.«

»Kinder ohne Aufsicht«, erklärten wieder andere,»verwahrlosen moralisch und werden zu Verbrechern. Die Stadtverwaltung muss dafür sorgen, dass alle diese Kinder erfasst werden. Man muss Anstalten schaffen, wo sie zu nützlichen und leistungsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft erzogen werden.«

Und abermals andere meinten:»Kinder sind das Menschenmaterial der Zukunft. Die Zukunft wird eine Zeit der Düsenmaschinen und der Elektrogehirne. Ein Heer von Spezialisten und Facharbeitern wird notwendig sein, um alle diese Maschinen zu bedienen. Aber anstatt unsere Kinder auf diese Welt von morgen vorzubereiten, lassen wir es noch immer zu, dass viele von ihnen Jahre ihrer kostbaren Zeit mit nutzlosen Spielen verplempern. Es ist eine Schande für unsere Zivilisation und ein Verbrechen an der künftigen Menschheit!«

Das alles leuchtete den Zeit-Sparern ungemein ein. Und da schon sehr viele Zeit-Sparer in der großen Stadt waren, gelang es ihnen in ziemlich kurzer Zeit, die Stadtverwaltung von der Notwendigkeit zu überzeugen, etwas für die vielen vernachlässigten Kinder zu tun.

Daraufhin wurden in allen Stadtvierteln sogenannte»Kinder-Depots«gegründet. Das waren große Häuser, wo alle Kinder, um die sich niemand kümmern konnte, abgeliefert werden mussten und je nach Möglichkeit wieder abgeholt werden konnten.

Es wurde strengstens verboten, dass Kinder auf den Straßen oder in den Grünanlagen oder sonst wo spielten. Wurde ein Kind doch einmal dabei erwischt, so war sofort jemand da, der es in das nächste Kinder-Depot brachte. Und die Eltern mussten mit einer gehörigen Strafe rechnen.

Auch Momos Freunde entgingen dieser neuen Regelung nicht. Sie wurden voneinander getrennt, je nach der Gegend, aus der sie kamen, und wurden in verschiedene Kinder-Depots gesteckt. Davon, dass sie sich hier selbst Spiele einfallen lassen durften, war natürlich keine Rede mehr. Die Spiele wurden ihnen von Aufsichtspersonen vorgeschrieben und es waren nur solche, bei denen sie irgendetwas Nützliches lernten. Etwas anderes verlernten sie freilich dabei und das war: sich zu freuen, sich zu begeistern und zu träumen.

Nach und nach bekamen die Kinder Gesichter wie kleine Zeit-Sparer. Verdrossen, gelangweilt und feindselig taten sie, was man von ihnen verlangte. Und wenn sie doch einmal sich selbst überlassen blieben, dann fiel ihnen nichts mehr ein, was sie hätten tun können.

Das Einzige, was sie nach all dem noch konnten, war Lärm machen - aber es war natürlich kein fröhlicher Lärm, sondern ein wütender und böser.

Aber die grauen Herren selbst kamen zu keinem der Kinder. Das Netz das sie über die große Stadt gewebt hatten, war nun dicht und - wie es schien - unzerreißbar. Selbst den schlausten Kindern gelang es nicht durch die Maschen zu schlüpfen. Der Plan der grauen Herren war ausgeführt. Alles war für Momos Rückkehr vorbereitet.

Von da an hatte das alte Amphitheater leer und verlassen dagelegen.

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