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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
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»Könnt ihr denn nicht einfach ausreißen?«, schlug Momo vor. Die drei schüttelten die Köpfe und blickten sich um, ob es jemand gehört hatte.

»Ich hab's schon ein paar Mal versucht, am Anfang«, flüsterte Franco,»aber es ist zwecklos. Sie kriegen einen immer wieder.«

»So darf man nicht reden«, meinte Maria,»schließlich wird doch jetzt für uns gesorgt.«

Alle schwiegen und blickten vor sich hin. Schließlich fasste Momo sich ein Herz und fragte:»Könntet ihr mich nicht vielleicht mitnehmen? Ich bin jetzt immer so allein.«

Doch nun geschah etwas Sonderbares: Ehe eines der Kinder antworten konnte, wurden sie wie von einer riesigen Magnetkraft in das Haus hineingesaugt. Hinter ihnen schlug hallend das Tor zu.

Momo hatte es erschrocken beobachtet. Dennoch trat sie nach einer Weile an das Tor heran, um zu klingeln oder zu klopfen. Sie wollte noch einmal bitten, dass man sie mitspielen lassen sollte, ganz gleich was für Spiele es sein würden. Aber kaum hatte sie einen Schritt auf das Tor zu gemacht, als sie vor Schreck erstarrte. Zwischen ihr und der Tür stand plötzlich einer der grauen Herren.

»Zwecklos!«, sagte er mit dünnem Lächeln, die Zigarre im Mundwinkel.»Versuche es gar nicht erst! Es liegt nicht in unserem Interesse, dass du dort hineinkommst.«

»Warum?«, fragte Momo. Sie fühlte wieder die eisige Kälte in sich aufsteigen.

»Weil wir mit dir etwas anderes vorhaben«, erklärte der Graue und paffte einen Rauchring, der sich wie eine Schlinge um Momos Hals legte und nur langsam verging.

Leute gingen vorüber, aber sie hatten es alle sehr eilig.

Momo zeigte mit dem Finger auf den grauen Herrn und wollte um Hilfe rufen, aber sie brachte keinen Laut hervor.

»Lass das doch!«, sagte der graue Herr und ließ ein freudloses, aschengraues Gelächter hören.»Kennst du uns denn noch immer so wenig? Weißt du noch immer nicht, wie mächtig wir sind? Wir haben dir alle deine Freunde genommen. Niemand kann dir mehr helfen. Und auch mit dir können wir machen, was wir wollen. Aber wir verschonen dich, wie du siehst.«

»Warum?«, brachte Momo mühsam hervor.

»Weil wir möchten, dass du uns einen kleinen Dienst erweist«, erwiderte der graue Herr.»Wenn du vernünftig bist, kannst du viel dabei gewinnen für dich - und deine Freunde. Möchtest du das?«

»Ja«, flüsterte Momo.

Der graue Herr lächelte dünn.»Dann wollen wir uns heute um Mitternacht zur Besprechung treffen.«

Momo nickte stumm. Aber der graue Herr war schon nicht mehr da. Nur der Rauch seiner Zigarre hing noch in der Luft. Wo sie ihn treffen sollte, hatte er ihr nicht gesagt.

SIEBZEHNTESKAPITEL

Große Angst und größerer Mut

Momo fürchtete sich davor ins alte Amphitheater zurückzukehren. Sicherlich würde der graue Herr, der sie um Mitternacht treffen wollte, dort hinkommen.

Und bei dem Gedanken, dort ganz allein mit ihm zu sein, packte Momo das Entsetzen.

Nein, sie wollte ihm überhaupt nicht mehr begegnen, weder dort noch anderswo. Was auch immer er ihr vorzuschlagen hatte - dass es in Wahrheit nichts Gutes für sie und ihre Freunde sein würde, war ja mehr als deutlich gewesen.

Aber wo konnte sie sich vor ihm verstecken?

Am sichersten schien es ihr mitten in der Menge anderer Menschen.

Zwar hatte sie ja gesehen, dass niemand auf sie und den grauen Herren geachtet hatte, aber wenn er ihr wirklich etwas tun würde und sie um Hilfe schrie, dann würden die Leute doch wohl aufmerksam werden und sie retten. Außerdem, so sagte sie sich, war sie mitten in einer dichten Menschenmenge auch am schwersten zu finden.

Den restlichen Nachmittag und den ganzen Abend über bis tief in die Nacht hinein lief Momo also mitten im Gedränge der Passanten über die belebtesten Straßen und Plätze, bis sie wie in einem großen Kreis wieder dorthin zurückkam, wo sie diesen Weg begonnen hatte. Sie lief ihn ein zweites und ein drittes Mal. Sie ließ sich einfach mittreiben in dem Strom der immer eiligen Menschenmassen.

Aber sie war ja schon den ganzen Tag über herumgelaufen und allmählich schmerzten ihre Füße vor Müdigkeit. Es wurde spät und später und Momo marschierte halb im Schlaf dahin, immer weiter, weiter, weiter…

»Nur einen Augenblick ausruhen«, dachte sie endlich,»nur einen winzigen Augenblick, dann kann ich wieder besser Acht geben…«

Am Straßenrand stand gerade ein kleiner, dreirädriger Lieferwagen, auf dessen Ladefläche allerlei Säcke und Kisten lagen. Momo kletterte hinauf und lehnte sich gegen einen Sack, der angenehm weich war. Sie zog die müden Füße hoch und steckte sie unter ihren Rock. Ach, das tat gut! Sie seufzte erleichtert, schmiegte sich gegen den Sack und war, ehe sie es selbst merkte, vor Erschöpfung eingeschlafen. Wirre Träume suchten sie heim. Sie sah den alten Beppo, der seinen Besen als Balancierstange benutzte, hoch über einem finsteren Abgrund auf einem Seil dahinschwanken.

»Wo ist das andere Ende?«, hörte sie ihn immer wieder rufen.»Ich kann das andere Ende nicht finden!«

Und das Seil schien tatsächlich unendlich lang. Es verlor sich nach beiden Seiten in der Dunkelheit.

Momo wollte Beppo so gerne helfen, aber sie konnte sich ihm nicht einmal bemerkbar machen. Er war zu weit fort, zu hoch droben. Dann sah sie Gigi, der sich einen endlosen Papierstreifen aus dem Munde zog. Er zog und zog immer weiter, aber der Papierstreifen hörte nicht auf und riss auch nicht ab. Gigi stand schon auf einem ganzen Berg von Papierstreifen. Und es schien Momo, als ob er sie flehend anblickte, als ob er keine Luft mehr bekommen könne, wenn sie ihm nicht zu Hilfe käme.

Sie wollte zu ihm hinlaufen, aber ihre Füße verfingen sich in den Papierstreifen. Und je heftiger sie sich zu befreien versuchte, desto mehr verwickelte sie sich darin.

Dann sah sie die Kinder. Sie waren alle ganz flach wie Spielkarten. Und in jede Karte waren richtige Muster kleiner Löcher gestanzt. Die Karten wurden durcheinander gewirbelt, dann mussten sie sich neu ordnen, und neue Löcher wurden in sie hineingestanzt. Die Kartenkinder weinten lautlos, aber schon wurden sie wieder gemischt und dabei fielen sie übereinander, dass es knatterte und ratterte.

»Ha1t!«wollte Momo rufen und»Aufhören!«, aber das Knattern und Rattern übertönte ihre schwache Stimme. Und es wurde immer lauter und lauter, bis sie schließlich davon aufwachte.

Im ersten Augenblick wusste sie nicht mehr, wo sie sich befand, denn es war dunkel um sie.

Doch dann fiel ihr wieder ein, dass sie sich auf den Lieferwagen gesetzt hatte. Und dieser Wagen fuhr jetzt und sein Motor machte solchen Lärm.

Momo wischte sich die Wangen ab, die noch nass von Tränen waren. Wo war sie überhaupt?

Der Wagen musste wohl schon eine ganze Weile gefahren sein, ohne dass sie es gemerkt hatte, denn er befand sich jetzt in einem Teil der Stadt, der um diese späte Nachtzeit wie ausgestorben wirkte. Die Straßen waren menschenleer und die hohen Häuser dunkel.

Der Lieferwagen fuhr nicht sehr schnell und Momo sprang ab, ehe sie sich's recht überlegt hatte. Sie wollte auf die belebten Straßen zurück, wo sie vor dem grauen Herren sicher zu sein glaubte. Aber dann fiel ihr ein, was sie geträumt hatte und sie blieb stehen.

Das Motorengeräusch verklang allmählich in den dunklen Straßen und es wurde still.

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