Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.
- Автор: Klausner Uwe
- Серия: Tom Sydow #2
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Жанр: Политические детективы
Электронная книга - «Odessa-Komplott. Tom Sydows zweiter Fall.». Краткое содержание книги:
Der junge Mann, den Sydow auf Ende 20 schätzte, gab ein zögerliches Nicken von sich, während sein Blick zwischen der Agentin und Sydow hin- und herwanderte.
»Darf ich vorstellen – Tom Sydow«, fuhr die Secret-Service-Agentin behutsam fort, worauf der Mann, über den Sydow außer dem Namen nichts bekannt war, unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte. An der Decke, von der eine Glühlampe herabbaumelte, wucherte der Schimmel, und mit jeder Sekunde, die der Kripo-Beamte hier verbrachte, schnürte es ihm immer mehr die Kehle zu. »Von ihm haben Sie nichts zu befürchten.«
Über das Gesicht des Mannes flog ein Lächeln. »Das sagt sich so leicht«, flüsterte er, zu Sydows Überraschung auf deutsch, nippte an seinem Kaffeebecher und stellte ihn auf dem Boden ab. »Angesichts der Erfahrungen, die ich gesammelt habe, wohl nicht weiter verwunderlich, oder?«
Wider jegliche Vernunft und ohne erkennbaren Anlass begann sich Sydows Herzschlag zu beschleunigen. Der Versuch, sich dagegen zu sträuben, schlug jedoch fehl.
»Kein Grund zur Beunruhigung, Herr Borodin«, fügte Gladys McCoy geduldig an. »Alles, worum ich Sie bitte, ist, Herrn Kriminalhauptkommissar Sydow die gleichen Auskünfte zu erteilen wie mir.«
»Und wer sagt mir, dass ich ihm trauen kann?«, fragte der junge Mann mit resigniertem Augenaufschlag, während sich das Licht der Glühlampe in seinen Brillengläsern brach. »Einem Beamten der deutschen Kriminalpolizei?«
»Ich«, versetzte die Agentin ungerührt. »Mein Wort darauf.«
In die Augen des Mannes, pechschwarz wie sein Haar, trat ein merkwürdiges Flackern. Allem Anschein nach überlegte er sich seine Antwort genau, was Sydow Gelegenheit gab, ihn genauer in Augenschein zu nehmen. »Die gleichen Auskünfte wie Ihnen?«
»Ich bitte darum, Herr Borodin.«
Sydow stutzte. In dieser Gladys schien er sich vollkommen getäuscht zu haben, und ihn beschlich das Gefühl, bei Gelegenheit Abbitte leisten zu müssen.
»Ihnen zuliebe«, seufzte der junge Mann, bettete die Handflächen auf die Oberschenkel und sah Sydow mit einer Mischung aus Niedergeschlagenheit und Skepsis an. »Was also wollen Sie wissen, Herr …«
»Sydow – Thomas Randolph von Sydow.«
In den Mundwinkeln des Mannes tauchte die Andeutung eines Lächelns auf. »Engländer?«
»Halbengländer«, antwortete Sydow mit Bedacht und ließ sich auf einer Kiste in der Nähe des Mannes nieder. »Anno 42 aus Deutschland geflohen.«
Das Lächeln verschwand. Im Gehirn des Mannes begann es offenbar zu arbeiten, die Frage, mit der Sydow rechnete, blieb jedoch aus. Stattdessen nahm der junge Mann seine Brille ab und starrte an ihm vorbei ins Leere. »Und was kann ich für Sie tun, Herr Kommissar?«, fragte er in wehmütigem Ton, anscheinend so etwas wie ein Kennzeichen von ihm.
Sydow atmete tief durch. »Eine Menge, Herr Borodin«, gab er unumwunden zu, »vorausgesetzt, Sie verfügen über die entsprechenden Informationen.«
»Insbesondere solche, die sich auf einen gewissen Paul Mertens beziehen?«
»Wenn Sie mich so fragen – ja.«
»Um mit der Tür ins Haus zu fallen, Herr Kommissar: Er heißt nicht so.«
»Mertens?«
»In der Tat«, bestätigte Borodin und setzte seine Brille wieder auf. »Zumindest nicht väterlicherseits.«
»Sondern?«
Borodin lächelte. »Ja, ja, so seid ihr Deutschen eben. Wozu sich mit langen Vorreden aufhalten, wenn es auch schneller geht.«
»Irre ich mich, oder sind nicht auch Sie hier groß geworden?«
»Gut herausgehört, Herr Kommissar. Ist aber schon ziemlich lange her.« Borodin trank seinen Kaffee aus, behielt den Becher jedoch in der Hand. »Zurück zum Thema – im Falle von Herrn Mertens, seines Zeichens Vorstandsvorsitzender der Mertens AG, handelt es sich in Wahrheit um SS-Obersturmführer Paul Ewald, 36 Jahre, ursprünglich wohnhaft in Berlin-Reinickendorf.«
Ohne dass er sich dessen bewusst wurde, brach Sydow der kalte Schweiß aus, und ihm dämmerte, dass er mit etwas konfrontiert werden würde, das seine Vorstellungskraft überstieg. In einem Ausmaß, wie er es nicht für möglich gehalten hätte.
»Ich sehe, Sie denken mit, Herr Kommissar«, fuhr Borodin mit ernster Miene fort, während sich der Pappbecher in seiner Hand allmählich zu verformen begann. »Paul Ewald alias Mertens gehört mit zum Schlimmsten, was sich auf Gottes Erdboden je herumgetrieben hat.«
»Kriegsverbrecher?«
Wieder dieses Lächeln, nur eine Spur resignierter. »Die Sprache unserer Väter besitzt kein Wort für das, was dieser Ewald angerichtet hat«, erklärte Borodin, nachdem der Pappbecher in seiner geschlossenen Faust verschwunden war. »Kein Wunder, so etwas hat es auch noch nie gegeben.«
Sydow überlegte hin und her, fand jedoch nicht die richtigen Worte. Gladys McCoy bemerkte es, sprang für ihn in die Bresche und sagte: »Ich denke, es ist am besten, Sie fangen noch einmal von vorne an. Finden Sie nicht auch, Herr Borodin?«
Nikolai Borodin, Überlebender des Massakers von Babi-Yar, Rotarmist wider Willen und Fahnenflüchtiger, nickte wie in Trance.
Und begann zu erzählen.
*
Zehn Minuten später, als der 22-jährige Ukrainer seine Erzählung beendet hatte, breitete sich in dem Gewölbe unter der ehemaligen Nobelvilla eine bedrückende Stille aus. Borodin wirkte wie erstarrt, und mit Ausnahme der Feuchtigkeit, die von der Decke herabtropfte, gab es nichts, das diese Stille durchbrach. Jeder der drei Anwesenden hing seinen Gedanken nach und scheute davor zurück, etwas zu sagen.
Erst als das Schweigen unerträglich zu werden drohte, ergriff Gladys McCoy das Wort. Sie tat dies behutsam, so rücksichtsvoll wie nur irgend möglich. »Und Sie können beschwören, dass es sich bei dem Obersturmführer, den Sie uns beschrieben haben, und Mertens um ein und dieselbe Person gehandelt hat?«, richtete sie das Wort an Borodin, was im Grunde nicht wie eine Frage, sondern wie ein verspätetes Fazit klang.
»Sicherer geht es nicht«, bekräftigte Borodin, aus dessen Tonfall ein Hauch von Unmut sprach. »Bei dem Mann, der meine Brille zertreten hat, hat es sich definitiv um Paul Ewald gehandelt. Um genau den Mann, den ich vorhin auf der Terrasse gesehen habe.«
»Sonst noch jemand, an den Sie sich erinnern können?«, wollte Sydow wissen, an dem die letzten zehn Minuten ebenfalls nicht spurlos vorübergegangen waren.
Borodin überlegte sich seine Antwort genau. »Ja«, bestätigte er, ließ einige Sekunden verstreichen und sagte: »Da war jemand, an den ich mich erinnere. Jemand, der mich am Arm gepackt und in die Schlucht hinunter geschleift hat.«
»Jemand von der SS?«
»Ich denke schon«, räumte der Ukrainer zögerlich ein. »Ohne meine Brille bin ich eben nur die Hälfte wert.«
»Dieser … dieser SS-Mann«, forschte Sydow gespannt nach, wobei er jedes Wort sorgfältig abwog, »ist Ihnen an ihm irgendetwas Besonderes aufgefallen? Stimme, Akzent, Gang oder was es sonst noch alles gibt?«
»Wenn Sie mich so fragen, Herr Kommissar – sein Gang«, antwortete Borodin, warf den Pappbecher achtlos weg und ergänzte: »An dem ist mir vor allem eins aufgefallen.«
»Nämlich?«
»Er hat gehinkt, Herr Kommissar«, erläuterte Borodin. »Aus welchem Grund, kann ich natürlich nicht sagen. Verstauchter Fuß, Verletzung – was weiß ich.«
In Sydows Gesicht, das im Verlauf des Gespräches immer blasser geworden war, war nun nicht einmal mehr die Andeutung eines Farbtons zu finden. Die Anspannung, unter der er stand, war nicht zu übersehen, und sein Blick verriet, wie sehr ihn Borodins Schicksal berührte. »Er hat gehinkt, sagen Sie«, hakte er mit tonloser Stimme nach, was Gladys McCoy instinktiv aufhorchen ließ.
Borodin nickte.
»Auf dem rechten oder linken Fuß?«
»Links«, antwortete Borodin verwirrt. »Wieso wollen Sie das eigentlich wissen?«