Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Nach zehn Minuten stand die Tafel, mit einem Tischtuch bedeckt, bereit. Darauf standen Schnaps, Rum in einem Fläschchen, Weißbrot und Hammelbraten mit Salz.
Als Petja mit den Offizieren am Tisch saß und mit den Fingern, an denen das Fett entlang tropfte, das lecker duftende Hammelfleisch auseinanderriß, befand er sich in einem kindlich verzückten Zustand zärtlicher Liebe zu allen Menschen und war deshalb auch überzeugt, daß alle Menschen ihn ebenso wiederliebten.
»Was denken Sie, Wassilij Fjodorowitsch«, wandte er sich an Denissow, »das macht doch nichts, wenn ich einen Tag bei Ihnen bleibe.« Und sich selber die Antwort gebend, fuhr er sogleich fort: »Ich habe doch den Befehl, Kundschaft einzuziehen, und das tue ich doch damit … Nur müssen Sie mich an den wichtigsten Punkt lassen … an die Hauptstelle … Ich brauche keine Auszeichnungen … ich will nur …«
Petja biß die Zähne zusammen, sah sich um, warf den erhobenen Kopf zurück und fuhr mit dem einen Arm durch die Luft.
»Also an die Hauptstelle …« wiederholte Denissow lächelnd.
»Oder übergeben Sie mir doch bitte das Kommando ganz, daß ich kommandieren kann«, fuhr Petja fort. »Das können Sie doch ganz leicht tun. Ach, Sie möchten wohl ein Messer?« wandte er sich an einen Offizier, der sich ein Stück Hammelbraten abschneiden wollte.
Er reichte ihm sein Taschenmesser. Der Offizier sprach sich lobend über das Messer aus.
»Behalten Sie es doch, ich bitte Sie darum. Ich besitze viele solche …« sagte Petja errötend. »Kinder! Das habe ich ja ganz vergessen!« rief er plötzlich aus. »Ich habe doch noch Rosinen mit, herrliche Rosinen! Solche ohne Kerne! Wir haben nämlich einen neuen Marketender, er hat ganz prächtige Sachen. Ich habe mir gleich zehn Pfund gekauft. Ich bin so an Süßigkeiten gewohnt. Wollen Sie welche?« Und Petja eilte auf den Flur zu seinem Kosaken und holte eine Tasche herein, in der fünf Pfund Rosinen waren. »Essen Sie, meine Herren, essen Sie!«
»Brauchen Sie nicht eine Kaffeemaschine?« wandte er sich dann an den Kosakenhauptmann. »Ich habe eine wundervolle bei unserem Marketender gekauft. Er hat famose Sachen. Und ist dabei ein ehrlicher Mann. Das ist doch die Hauptsache. Ich schicke sie Ihnen, unbedingt. Und wenn Ihnen die Feuersteine ausgegangen oder abgenutzt sein sollten – das kommt doch vor –, ich habe welche bei mir, da hier …« – er zeigte auf die Tasche – »sind hundert Stück. Ganz billig gekauft. Nehmen Sie nur bitte, soviel Sie brauchen, oder auch alle …«
Doch plötzlich bekam es Petja mit der Angst, ob er auch nicht zuviel schwatze, hielt inne und wurde rot.
Er dachte nach, ob er nicht noch andere Dummheiten begangen habe. Und wie er so in Gedanken den heutigen Tag noch einmal vorüberziehen ließ, fiel ihm der kleine französische Tambour wieder ein. Uns geht es so ausgezeichnet, ihm aber? Wo mögen sie ihn hingesteckt haben? Ob er auch etwas zu essen bekommen hat? Sie werden ihn doch nicht schlecht behandeln? dachte er. Da er aber nun einmal bemerkt hatte, daß er mit den Feuersteinen zu sehr ins Schwatzen gekommen war, hatte er Angst, seine Gedanken auszusprechen.
Wenn ich nur danach fragen könnte, dachte er, aber sie werden sagen: Er ist selber noch ein Knabe, drum hat er mit dem Burschen Mitleid. Doch ich werde es ihnen morgen schon zeigen, was für ein Knabe ich bin! Ob ich mich schämen muß, wenn ich danach frage? dachte Petja. Na, es ist ja alles einerlei! Und dann sagte er, während er rot wurde und schüchtern die Offiziere ansah, ob auf ihren Gesichtern kein Spott zu bemerken war: »Dürfte ich wohl diesen Knaben einmal herrufen, den Sie gefangengenommen haben, und ihm etwas zu essen geben? … Vielleicht …«
»Ja, der arme Junge«, sagte Denissow, der sichtlich an dieser Frage nichts Beschämendes fand. »Man soll ihn rufen. Vincent Bosse heißt er. Ruft ihn herein!«
»Ich werde ihn holen«, rief Petja.
»Ja, hole ihn nur, der arme Junge«, sagte Denissow noch einmal.
Petja stand schon an der Tür, als Denissow dies sagte. Aber er wand sich noch einmal zwischen den Offizieren hindurch und trat ganz nahe an Denissow heran.
»Darf ich Sie dafür küssen, Liebster, Bester?« sagte er. »Wie prächtig, wie wundervoll von Ihnen!«
Und er küßte Denissow und lief auf den Hof hinaus.
»Bosse! Vincent!« schrie Petja von der Tür aus.
»Wen wünschen Sie, Herr?« fragte eine Stimme aus der Finsternis.
Petja antwortete, er suche den französischen Knaben, den man heute gefangen habe.
»Ach, den Wessenni?« sagte der Kosak.
Die Kosaken hatten den Namen Vincent bereits in Wessennij[*] umgewandelt, die Bauern und Soldaten sagten Wissennja. In beiden Ummodelungen vereinigte sich die Erinnerung an den Frühling mit der Vorstellung der Jugendfrische des Knaben.
»Er wärmt sich dort am Feuer. He, Wissenja! Wissenja! Wessenni!« klangen lachende Stimmen durch die Dunkelheit, die den Ruf weitergaben. »Ein anstelliger Bursche ist das«, fuhr der Husar fort, der neben Petja stand. »Vorhin haben wir ihm zu essen gegeben. Der hatte ja einen Wolfshunger!«
Man hörte Schritte in der Dunkelheit, und der kleine Tambour trat, mit seinen nackten Füßen durch den Schmutz patschend, auf die Tür zu.
»Ah, da bist du ja«, sagte Petja auf französisch. »Möchtest du etwas zu essen haben? Fürchte dich nicht, wir tun dir nichts Böses«, fügte er hinzu und berührte schüchtern und freundlich seine Hand. »Komm mit herein.«
»Merci, monsieur«, erwiderte der kleine Tambour mit zitternder, kindlicher Stimme und strich sich an der Schwelle seine schmutzigen Füße ab.
Petja hätte ihm gern noch vieles gesagt, aber er hatte nicht den Mut dazu. Er stand neben ihm auf dem Flur und trat von einem Fuß auf den andern. Dann griff er in der Dunkelheit nach seiner Hand und drückte sie.
»Komm mit herein«, sagte er noch einmal zärtlich flüsternd. Ach, was könnte ich nur für ihn tun, dachte er, machte die Tür auf und ließ den Knaben vor sich eintreten.
Als der kleine Tambour im Zimmer war, nahm Petja etwas entfernt von ihm Platz, da er es für herabwürdigend hielt, wenn er ihm hier seine Aufmerksamkeit schenkte. Er fühlte nur in der Tasche nach seinem Geld und war sich nicht darüber klar, ob es beschämend sei oder nicht, wenn er das dem kleinen Tambour gab.
8
Von dem kleinen Tambour, dem man auf Denissows Befehl Schnaps und Hammelbraten gab, und dem Denissow einen russischen Kaftan anziehen ließ, um ihn nicht mit den anderen Gefangenen wegzuschicken, sondern bei der Freischar zu behalten, wurde Petjas Aufmerksamkeit durch die Ankunft Dolochows abgelenkt. Petja hatte bei der Armee schon viel von Dolochows außergewöhnlicher Tapferkeit und Grausamkeit gegen die Franzosen gehört und blickte deshalb, wie Dolochow nur in die Hütte eingetreten war, unverwandt zu ihm hin, warf sich noch mehr in die Brust und hielt den erhobenen Kopf noch höher, um sogar einer solchen Gesellschaft wie der Dolochows würdig zu scheinen.
Dolochows Äußeres fiel Petja durch seine Einfachheit seltsam auf.
Denissow war im Kosakenrock, hatte sich den Bart wachsen lassen, trug auf der Brust das Bild des heiligen Nikolaus, des Wundertäters, und in der Art, wie er sprach, und in seinem ganzen Benehmen drückte sich das Besondere seiner Lage aus. Dolochow dagegen, der früher in Moskau persische Tracht getragen hatte, sah jetzt wie der gepflegteste Gardeoffizier aus. Sein Gesicht war sauber rasiert, er trug einen wattierten Gardeüberrock mit dem Georgskreuz im Knopfloch und eine einfache, gerade aufgesetzte Mütze. Er nahm in der Ecke seinen nassen Filzmantel ab, trat, ohne jemanden zu begrüßen, auf Denissow zu und begann sogleich, sachliche Fragen zu stellen. Denissow erzählte ihm, daß die großen Abteilungen ebenfalls Absichten auf den Transport hätten, daß Petja aus diesem Grund abgesandt sei, und was er den beiden Generälen zur Antwort gegeben habe. Dann berichtete ihm Denissow alles, was er über die Lage der französischen Abteilung wußte.
Wesna = Frühling. (Anm. d. Übers.)