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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Von dem Augenblick an, wo Pierre diese furchtbaren Mordtaten mit angesehen hatte, die von Menschen ausgeführt wurden, die das gar nicht nach eigenem Willen taten, war gleichsam aus seiner Seele die Triebfeder herausgerissen, die alles zusammenhielt und dem ganzen Leben verlieh, und nun war alles zu einem Haufen wertlosen Gerümpels zusammengefallen. In seinem Innern war, obgleich er sich darüber keine Rechenschaft gab, der Glaube an eine vernünftige Einrichtung der Welt und an die menschliche Seele und an seine eigene Seele und an Gott vernichtet. Diesen Zustand hatte Pierre schon früher durchgemacht, aber nie in solcher Stärke wie jetzt. Wenn ihn früher solche Zweifel befallen hatten, so war die Quelle dieser Zweifel ein eigenes Verschulden seinerseits gewesen. Und Pierre hatte dann in tiefster Seele die Empfindung gehabt, daß er die Möglichkeit einer Rettung aus dieser Verzweiflung und diesen Zweifeln in sich selbst besaß. Aber jetzt fühlte er, daß nicht ein eigenes Verschulden die Ursache davon war, daß die Welt vor seinen Augen zusammengestürzt und nur wertlose Trümmer übriggeblieben waren. Er fühlte, daß es nicht in seiner Macht lag, zum Glauben an das Leben zurückzukehren.

Um ihn herum standen im Dunkeln Menschen; es mußte sie wohl etwas an ihm sehr interessieren. Sie erzählten ihm etwas, fragten ihn nach etwas und führten ihn dann irgendwohin, und er befand sich endlich in einer Ecke der Baracke neben einer Anzahl von Menschen, die herüber und hinüber miteinander redeten und lachten.

»Und nun seht mal, liebe Brüder: derselbe Prinz, welcher …«, sagte ein Märchenerzähler in der gegenüberliegenden Ecke der Baracke; auf das Wort »welcher« legte er einen ganz besonderen Nachdruck.

Schweigend und ohne sich zu rühren saß Pierre an der Wand auf dem Stroh und hielt die Augen bald geöffnet, bald geschlossen. Aber sowie er die Augen schloß, sah er vor sich das entsetzliche, gerade durch seinen einfältigen Ausdruck besonders entsetzliche Gesicht des Fabrikarbeiters und die in ihrer Unruhe noch entsetzlicheren Gesichter der unfreiwilligen Mörder. Und er öffnete die Augen wieder und blickte gedankenlos in der Dunkelheit um sich.

Neben ihm saß zusammengekrümmt ein kleiner Mensch, dessen Anwesenheit Pierre zuerst an dem starken Schweißgeruch wahrnahm, der von ihm bei jeder Bewegung ausging. Dieser Mensch nahm in der Dunkelheit irgend etwas mit seinen Füßen vor, und obwohl Pierre sein Gesicht nicht sah, hatte er doch das Gefühl, daß dieser Mensch ihn unverwandt anblickte. Genauer in der Dunkelheit hinsehend, erkannte Pierre, daß der Mensch sich das Schuhzeug auszog. Und die Art, in der er das tat, erweckte Pierres Interesse.

Nachdem er die Schnüre abgewickelt hatte, mit denen das eine Bein umwunden war, legte er sie sorgsam zusammen und nahm sogleich das andere Bein in Angriff, hielt aber dabei seinen Blick auf Pierre gerichtet. Während dann die eine Hand jene Schnüre anhängte, war die andere schon dabei, das andere Bein aufzuwickeln. Nachdem der Mann auf diese Weise sorgfältig mit geschickten, zweckmäßigen, ohne Zögern aufeinanderfolgenden Bewegungen sich seines Schuhzeugs entledigt hatte, hängte er es an Pflöcke, die über seinem Kopf an der Wand angebracht waren, holte ein Messerchen hervor, schnitt irgend etwas ab, klappte das Messerchen wieder zusammen und schob es unter das Kopfkissen; dann setzte er sich bequemer hin, umfaßte seine hochgezogenen Knie mit beiden Händen und blickte Pierre gerade an. Pierre hatte ein angenehmes Gefühl der Beruhigung und Befriedigung bei diesen zweckmäßigen Bewegungen, bei dieser wohleingerichteten Wirtschaft in der Ecke, sogar bei dem Geruch dieses Menschen, und sah ihn auch seinerseits mit unverwandten Augen an.

»Sie haben auch wohl schon viel Schlimmes erlebt, gnädiger Herr? Wie?« fragte der kleine Mensch auf einmal.

In dem singenden Ton des Menschen lag soviel schlichte Freundlichkeit, daß Pierre ihm schon antworten wollte; aber der Unterkiefer begann ihm zu zittern, und er fühlte, daß ihm die Tränen kamen. Der kleine Mensch jedoch fuhr gleich in demselben Augenblick, ohne ihm Zeit dazu zu lassen, seine Gemütsbewegung zu zeigen, in demselben angenehmen Ton fort.

»Ei was, mein lieber Falke, laß den Kopf nicht hängen«, sagte er in jener zärtlich singenden, freundlichen Art, in der die alten Frauen in Rußland zu reden pflegen. »Laß den Kopf nicht hängen, lieber Freund; das Leben ist lang, und das Leid währt nur ein Stündchen. Ja gewiß, so ist das, mein Lieber. Und hier, wo wir jetzt sind, geschieht uns ja, Gott sei Dank, nichts Böses. Es gibt auch bei den Franzosen gute und schlechte Menschen.« Während er noch so sprach, bog er sich mit einer geschmeidigen Bewegung nach vorn, so daß er kniete, stand dann auf und ging hüstelnd weg; wohin, konnte Pierre nicht sehen.

»Ei sieh mal, du Schelm, bist du gekommen?« hörte Pierre vom andern Ende der Baracke her dieselbe freundliche Stimme sagen. »Bist du gekommen, du Schelm? Hast du an mich gedacht? Na, na, nun laß nur gut sein!«

Der Soldat wehrte ein Hündchen ab, das an ihm in die Höhe sprang, kehrte zu seinem Platz zurück und setzte sich wieder hin. In der Hand hatte er etwas, was in einen Lappen gewickelt war.

»Hier, essen Sie, gnädiger Herr!« sagte er, indem er wieder zu dem früheren respektvollen Ton zurückkehrte; er schlug den Lappen auseinander und reichte Pierre einige gebratene Kartoffeln hin. »Zum Mittagessen haben wir Suppe gehabt. Aber die Kartoffeln sind ausgezeichnet!«

Pierre hatte den ganzen Tag über noch nichts gegessen, und die Kartoffeln rochen ihm höchst angenehm. Er dankte dem Soldaten und begann zu essen.

»Aber so ißt du?« sagte der Soldat lächelnd und nahm eine von den Kartoffeln. »Sieh mal, so mußt du es machen!«

Er holte das Taschenmesser wieder hervor, zerschnitt die Kartoffel auf seiner flachen Hand in zwei gleiche Teile, bestreute sie mit Salz aus dem Lappen und hielt sie Pierre hin.

»Die Kartoffeln sind ausgezeichnet«, sagte er noch einmal. »Iß sie nur so!«

Es kam Pierre vor, als habe er noch nie ein wohlschmeckenderes Gericht als dieses genossen.

»Nein, mir ist nichts besonders Schlimmes widerfahren«, sagte Pierre. »Aber warum haben sie diese Unglücklichen erschossen …! Der letzte war erst gegen zwanzig Jahre alt.«

»Sst … sst …«, machte der kleine Mensch. »So etwas darf man hier nicht sagen …«, fügte er schnell hinzu, und wie wenn die Worte in seinem Munde immer fertig und bereit wären und ohne sein Zutun herausflatterten, fuhr er fort: »Wie hängt denn das zusammen, gnädiger Herr? Sind Sie so ohne Grund in Moskau geblieben?«

»Ich dachte nicht, daß sie so schnell kommen würden. Ich bin aus Versehen dageblieben«, antwortete Pierre.

»Aber wie haben sie dich denn gefangengenommen, mein lieber Falke? Aus deinem Haus heraus?«

»Nein, ich war gegangen, um mir die Feuersbrunst anzusehen, und da haben sie mich gegriffen und wegen Brandstiftung über mich Gericht gehalten.«

»Menschliches Gericht weiß von Wahrheit nicht«, schaltete der kleine Mensch ein.

»Und du, bist du schon lange hier?« fragte Pierre, während er die letzte Kartoffel kaute.

»Ich? Am vorigen Sonntag nahmen sie mich im Hospital in Moskau gefangen und brachten mich hierher.«

»Was bist du denn, Soldat?«

»Ja, vom Apscheroner Regiment. Ich war schwerkrank am Fieber. Kein Mensch hatte uns gesagt, wie es draußen stand. Wir lagen unser zwanzig Mann da. Wir wußten von nichts und ahnten nichts.«

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