Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Zwölf Schützen mit Gewehren traten in gleichmäßigem, festem Schritt aus den Reihen heraus und stellten sich acht Schritte von dem Pfahl entfernt auf. Pierre wandte sich ab, um das, was nun kommen sollte, nicht zu sehen. Plötzlich erscholl ein Knattern und Krachen, das ihm lauter als der furchtbarste Donner vorkam, und er sah sich um. Er erblickte eine Rauchwolke und sah, wie die Franzosen mit blassen Gesichtern und zitternden Händen bei der Grube etwas taten. Dann wurden zwei andere hingeführt. Ganz ebenso, mit denselben Augen blickten auch diese beiden bei allen umher und flehten vergeblich nur mit den Blicken schweigend um Schutz; offenbar begriffen sie nicht, was ihnen bevorstand, und glaubten es nicht. Sie konnten es nicht glauben, weil sie allein wußten, welchen Wert das Leben für sie hatte, und daher nicht begriffen und nicht glaubten, daß man es ihnen nehmen könnte.
Pierre wollte es nicht sehen und wandte sich wieder ab; aber wieder schlug ein Schall wie eine furchtbare Explosion an sein Ohr, und gleich nach diesem Schall sah er Rauch und Blut und die blassen, verstörten Gesichter der Franzosen, die wieder bei dem Pfahl irgend etwas vornahmen, wobei sie mit zitternden Händen einander stießen. Schweratmend blickte Pierre um sich, als ob er fragen wollte: »Was bedeutet nur das alles?« Und dieselbe Frage lag auch in all den Blicken, die dem seinigen begegneten.
Auf den Gesichtern aller Russen und aller französischen Soldaten und Offiziere, auf allen Gesichtern ohne Ausnahme las er dieselbe Angst, dasselbe Entsetzen und denselben Kampf, die sein Herz erfüllten. »Aber wer tut denn das nun eigentlich? Sie leiden doch alle darunter ebenso wie ich. Wer tut es denn? Ja, wer?« Diese Frage blitzte eine Sekunde lang in seinem Geist auf.
»Die Schützen vom sechsundachtzigsten Regiment, vortreten!« rief jemand. Es wurde der fünfte, der neben Pierre stand, geholt, er allein. Pierre begriff nicht, daß er gerettet war, daß er und alle übrigen nur hierhergeführt waren, um der Hinrichtung beizuwohnen. Mit immer wachsendem Grauen, ohne etwas von Freude oder Beruhigung zu verspüren, blickte er auf das, was da vorging, hin. Der fünfte war der Fabrikarbeiter im Kittel. Sowie die Soldaten ihn anrührten, sprang er voll Entsetzen zurück und klammerte sich an Pierre. Pierre fuhr zusammen und riß sich von ihm los. Der Fabrikarbeiter war nicht imstande zu gehen. Die Soldaten faßten ihn unter die Arme und schleppten ihn, wobei er etwas Unverständliches schrie. Als sie ihn zum Pfahl hingebracht hatten, verstummte er plötzlich. Er schien auf einmal etwas eingesehen zu haben. Ob er nun eingesehen hatte, daß sein Schreien nutzlos sei, oder ob er einzusehen glaubte, daß diese Menschen doch unmöglich vorhaben könnten, ihn zu töten, jedenfalls stand er am Pfahl, wartete darauf, daß ihm wie den andern die Augen verbunden würden, und blickte wie ein angeschossenes Wild mit glänzenden Augen um sich.
Pierre brachte es diesmal nicht mehr fertig, sich wegzuwenden und die Augen zu schließen. Seine Neugier und seine Aufregung hatten bei diesem fünften Mord den höchsten Grad erreicht, und dasselbe war augenscheinlich bei der ganzen Zuschauermenge der Fall. Ebenso wie die andern schien auch dieser fünfte ruhig: er schlug die Schöße seines Arbeitskittels übereinander und scheuerte sich mit dem einen nackten Bein am andern.
Als ihm die Augen verbunden wurden, schob er selbst den Knoten am Hinterkopf zurecht, weil er ihn drückte; als man ihn dann gegen den blutigen Pfahl lehnen wollte, ließ er sich gegen ihn zurückfallen, und da ihm diese Stellung unbequem war, verbesserte er sie, stellte die Füße gleichmäßig nebeneinander und lehnte sich ruhig an. Pierre verwandte kein Auge von ihm, so daß ihm auch nicht die kleinste Bewegung entging.
Jedenfalls ertönte jetzt das Kommando, und jedenfalls krachten nach dem Kommando die Schüsse aus acht Gewehren. Aber so sehr sich Pierre nachher auch daran zu erinnern suchte, er hatte nicht den leisesten Ton von den Schüssen vernommen. Er hatte nur gesehen, wie aus irgendeinem Grund der Fabrikarbeiter plötzlich in den Stricken zusammensank, wie sich an zwei Stellen Blut zeigte, wie sich die Stricke unter der Last des in ihnen hängenden Körpers lockerten, wie der Arbeiter in unnatürlicher Weise den Kopf sinken ließ, das eine Bein unterschob und in eine sitzende Stellung zusammenknickte. Pierre lief nach dem Pfahl hin, ohne daß ihn jemand zurückgehalten hätte. Um den Arbeiter waren Menschen mit verstörten, bleichen Gesichtern beschäftigt, etwas zu tun. Einem alten, schnurrbärtigen Franzosen zitterte der Unterkiefer, als er die Stricke losband. Der Körper sank zu Boden. Die Soldaten schleppten ihn unbeholfen und eilig hinter den Pfahl und stießen ihn in die Grube.
Offenbar waren alle, ohne irgendwie daran zu zweifeln, sich dessen bewußt, daß sie Verbrecher waren, die die Spuren ihres Verbrechens so schnell wie möglich beseitigen mußten.
Pierre blickte in die Grube und sah den Fabrikarbeiter darin liegen: die Knie waren nach oben gebogen, bis nahe an den Kopf heran, die eine Schulter höher hinaufgezogen als die andere. Und diese Schulter hob und senkte sich krampfhaft und gleichmäßig. Aber schon warfen die Spaten Erde in Menge über den ganzen Körper. Einer der Soldaten schrie in einem Ton, in dem sich Zorn, Grimm und Schmerz mischten, Pierre an, er solle zurückgehen. Aber Pierre verstand ihn gar nicht; er blieb an der Grube stehen, und niemand trieb ihn von dort weg.
Als die Grube dann zugeschüttet war, ertönte ein Kommando. Pierre wurde wieder auf seinen Platz geführt; die französischen Truppen, die auf beiden Seiten des Pfahls mit der Front nach diesem hin gestanden hatten, machten eine halbe Schwenkung und begannen in gleichmäßigem Schritt an dem Pfahl vorbeizumarschieren. Die Schützen, die bei der Exekution geschossen hatten und innerhalb des Kreises standen, begaben sich, während ihre Kompanien an ihnen vorbeimarschierten, im Laufschritt an ihre Plätze.
Gedankenlos blickte Pierre jetzt nach diesen Schützen hin, die paarweise aus dem Kreis herausliefen. Alle außer einem waren wieder in ihre Kompanien eingetreten. Nur ein junger Soldat stand immer noch mit leichenblassem Gesicht der Grube gegenüber auf dem Fleck, von dem aus er geschossen hatte; der Tschako war ihm weit nach hinten gerutscht, das Gewehr hielt er gesenkt. Er taumelte wie ein Betrunkener und machte bald ein paar Schritte vorwärts, bald rückwärts, um seinem Körper, der zu fallen drohte, eine Stütze zu geben. Ein alter Soldat, ein Unteroffizier, lief aus Reih und Glied zu ihm, faßte den jungen Soldaten an der Schulter und zog ihn in die Kompanie herein. Der Haufe der zuschauenden Russen und Franzosen begann sich zu verteilen. Alle gingen schweigend mit gesenkten Köpfen.
»Nun wird ihnen die Lust zu Brandstiftungen schon vergehen!« sagte einer der Franzosen.
Pierre wandte sich nach dem Sprecher um und sah, daß es ein Soldat war, der sich, so gut es ging, über das Geschehene trösten wollte, es aber doch nicht vermochte. Ohne noch etwas hinzuzufügen, machte er eine Handbewegung, als würfe er etwas hinter sich, und ging weiter.
XII
Nach der Exekution wurde Pierre von den andern Inhaftierten abgesondert und allein in einer kleinen verwüsteten und beschmutzten Kirche untergebracht.
Gegen Abend kam ein Unteroffizier von der Wache mit zwei Soldaten in die Kirche und kündigte Pierre an, er sei begnadigt und komme jetzt in die Baracken der Kriegsgefangenen. Ohne zu verstehen, was zu ihm gesagt wurde, stand Pierre auf und ging mit den Soldaten mit. Er wurde nach den Baracken gebracht, die oberhalb des Feldes aus angebrannten Dielen, Balken und Brettern errichtet waren, und in eine derselben hineingeführt. In der fast völligen Dunkelheit umringten ihn etwa zwanzig Menschen. Er sah sie an, ohne zu begreifen, was das für Menschen waren, warum sie da waren und was sie von ihm wollten. Er hörte die Worte, die sie zu ihm sagten; aber er konnte nichts daraus entnehmen und folgern, da er ihren Sinn nicht ordentlich verstand. Er antwortete zwar auf das, wonach er gefragt wurde; aber er machte sich kein Bild von demjenigen, der seine Antwort hörte, und dachte gar nicht daran, wie seine Antwort aufgenommen werden mochte. Er blickte die Gesichter und Gestalten an, und alle erschienen ihm in gleicher Weise unverständlich.