Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Schreiben Sie das nieder«, sagte der General mit dem weißen Schnurrbart und der gesunden, roten Hautfarbe zu dem Protokollführer. Und zu Pierre gewendet, fügte er in strengem Ton hinzu: »Schlimm, sehr schlimm.«
Am vierten Tag brachen Feuersbrünste am Subowski-Wall aus.
Pierre wurde mit dreizehn anderen nach der Krimfurt in die Wagenremise eines Kaufmannshauses gebracht. Auf dem Weg durch die Straßen konnte Pierre kaum atmen in dem Rauch, der, wie es schien, über der ganzen Stadt lagerte. Auf verschiedenen Seiten waren Brände zu sehen. Pierre verstand damals noch nicht, welche Bedeutung der Brand von Moskau hatte, und blickte mit Schrecken auf alle diese Feuersbrünste.
In der Wagenremise dieses Hauses an der Krimfurt verbrachte Pierre noch vier Tage und erfuhr im Laufe dieser Zeit aus den Gesprächen der französischen Soldaten, daß alle hier Inhaftierten täglich die Entscheidung des Marschalls zu erwarten hätten. Welchen Marschalls, das konnte Pierre aus den Äußerungen der Soldaten nicht entnehmen. Den Soldaten erschien der Marschall offenbar als ein sehr hohes und einigermaßen geheimnisvolles Mitglied der Obergewalt.
Diese ersten Tage bis zum 8. September, an welchem Tag die Gefangenen zum zweiten Verhör geführt wurden, waren für Pierre am schwersten zu ertragen.
X
Am 8. September kam in die Remise zu den Gefangenen ein Offizier, und zwar von sehr hohem Rang, nach dem Respekt zu urteilen, den ihm die Wachmannschaft erwies. Dieser Offizier, wahrscheinlich einer vom Stab, rief, mit einem Verzeichnis in der Hand, alle Russen bei Namen auf, wobei er Pierre so bezeichnete: »Der, der seinen Namen nicht angibt.« Gleichgültig und lässig ließ er seinen Blick über die Gefangenen hinschweifen und befahl dem Wachoffizier, dafür zu sorgen, daß sie gewaschen, gekämmt und ordentlich gekleidet seien, wenn sie zum Marschall geführt würden. Eine Stunde darauf erschien eine Kompanie Soldaten, und Pierre wurde mit den andern dreizehn auf das Jungfernfeld gebracht. Es war, nachdem es vorher geregnet hatte, ein klarer, sonniger Tag geworden, und die Luft war ungewöhnlich rein. Der Rauch breitete sich nicht unten aus, wie an dem Tag, als Pierre von der Hauptwache am Subowski-Wall weggeführt wurde, sondern stieg in der klaren Luft säulenförmig in die Höhe. Feuer von Bränden war nirgends sichtbar; aber Rauchsäulen erhoben sich auf allen Seiten, und ganz Moskau, alles, was Pierre nur sehen konnte, war eine einzige Brandstätte. Ringsum sah man leere Hausstellen mit Öfen und Schornsteinen und an einzelnen Orten die ausgebrannten Mauern steinerner Häuser. Pierre blickte nach den Brandstätten hin und erkannte die ihm so wohlbekannten Stadtteile nicht wieder. Hier und da standen Kirchen, die verschont geblieben waren. Der Kreml war nicht zerstört; seine Türme leuchteten aus der Ferne weiß herüber, darunter der mächtige Glockenturm Iwan Weliki. In der Nähe glänzte fröhlich die Kuppel des Nowodjewitschi-Klosters, und das Geläut erklang von dorther an diesem Tag besonders hell. Bei diesem Geläut erinnerte sich Pierre daran, daß Sonntag war und Mariä Geburt. Aber niemand schien dieses Fest feiern zu wollen: überall sah man nur die Verwüstung des Brandes, und von der russischen Bevölkerung zeigten sich nur hier und da zerlumpte, ängstliche Gestalten, die sich beim Anblick der Franzosen versteckten.
Rußlands Mutterstadt war augenscheinlich zerstört und vernichtet; aber es drängte sich Pierre die Wahrnehmung auf, daß nach Vernichtung der russischen Lebensordnung in dieser zerstörten Mutterstadt sich eine eigenartige, ganz andere Ordnung, die feste französische Ordnung, etabliert hatte. Er merkte das beim Anblick dieser flott und munter in regelmäßigen Reihen marschierenden Soldaten, die ihn nebst den anderen Arrestanten eskortierten; er merkte es beim Anblick eines höheren französischen Beamten, der ihnen in einer zweispännigen, von einem Soldaten gelenkten Kalesche begegnete. Er merkte es an den lustigen Klängen einer Regimentsmusik, die von der linken Seite des Feldes herübertönte, und namentlich war es ihm durch jene Liste zum Gefühl und zum Verständnis gekommen, nach welcher der an diesem Morgen erschienene französische Offizier die Gefangenen aufgerufen hatte. Pierre war nur durch eine Patrouille arretiert und dann mit soundsoviel anderen Menschen zuerst nach dem einen, dann nach einem anderen Ort transportiert worden; man hätte meinen mögen, daß er vergessen oder mit andern verwechselt werden konnte. Aber nein: seine Antworten, die er beim Verhör gegeben hatte, hatte man ihm unter der Bezeichnung: »Der, der seinen Namen nicht angibt«, angeschrieben. Und unter dieser Bezeichnung, die ihm fürchterlich war, transportierten ihn jetzt die Soldaten irgendwohin, mit der auf ihren Gesichtern zu lesenden zweifellosen Überzeugung, daß er und die übrigen Gefangenen die richtigen Personen seien und nach dem richtigen Ort geführt würden. Pierre kam sich wie ein winziges Spänchen vor, das in die Räder einer ihm unbekannten, aber regelrecht arbeitenden Maschine hineingeraten war.
Pierre wurde mit den anderen Arrestanten nach der rechten Seite des Jungfernfeldes gebracht, nicht weit vom Kloster, nach einem großen, weißen Haus mit einem gewaltigen Garten. Es war das Haus des Fürsten Schtscherbatow, in welchem Pierre früher gesellschaftlich viel verkehrt hatte und wo jetzt, wie er aus dem Gespräch der Soldaten erfuhr, der Marschall Herzog von Eggmühl wohnte.
Sie wurden zur Haustür geführt und einzeln in das Haus hineingeleitet. Pierre kam dabei als sechster an die Reihe. Durch eine Glasgalerie, einen Flur und ein Vorzimmer, lauter Räumlichkeiten, die Pierre wohl kannte, wurde er in ein langes, niedriges Arbeitszimmer geführt, an dessen Tür ein Adjutant stand.
Davout saß am Ende des Zimmers an einem Tisch; er trug eine Brille. Pierre trat nahe an ihn heran. Davout hob die Augen nicht in die Höhe: er war offenbar damit beschäftigt, sich aus einem vor ihm liegenden Aktenstück zu informieren. Mit leiser Stimme fragte er: »Wer sind Sie?«
Pierre schwieg, weil er nicht imstande war, ein Wort herauszubringen. Davout war für Pierre nicht einfach nur ein französischer General, sondern ein durch seine Grausamkeit berüchtigter Mensch. Pierre blickte in das kalte Gesicht Davouts, der, wie ein strenger Lehrer, sich dazu verstand, eine Weile Geduld zu haben und auf die Antwort zu warten, und sagte sich, daß jeder Augenblick des Zögerns ihm das Leben kosten könne; aber er wußte nicht, was er sagen sollte. Dasselbe zu sagen, was er bei dem ersten Verhör gesagt hatte, dazu konnte er sich nicht entschließen; aber seinen Namen und Stand anzugeben schien ihm gefährlich und beschämend. Pierre schwieg. Aber ehe er noch zu einem Entschluß gekommen war, hob Davout den Kopf in die Höhe, schob die Brille auf die Stirn, kniff die Augen zusammen und blickte Pierre forschend an.