Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Ich kenne diesen Menschen«, sagte er in gemessenem, kaltem Ton, der offenbar darauf berechnet war, Pierre in Angst zu versetzen.
Der kalte Schauer, der vorher Pierre den Rücken entlanggelaufen war, erfaßte jetzt seinen Kopf, und Pierre hatte ein Gefühl, als würde ihm dieser in einem Schraubstock zusammengepreßt.
»Sie können mich nicht kennen, General«, sagte er, »ich habe Sie noch nie gesehen …«
»Es ist ein russischer Spion«, unterbrach ihn Davout, zu einem andern General gewendet, der im Zimmer anwesend war, den aber Pierre bisher nicht bemerkt hatte.
Davout wendete sich von ihm ab. Mit unerwartet lauter, erregter Stimme sagte Pierre auf einmal schnelclass="underline" »Nein, Monseigneur« (es war ihm plötzlich eingefallen, daß Davout Herzog war), »nein, Monseigneur, Sie können mich nicht kennen. Ich bin Landwehroffizier und habe Moskau nicht verlassen.«
»Ihr Name?« fragte Davout wieder.
»Besuchow.«
»Was beweist mir, daß Sie nicht lügen?«
»Monseigneur!« rief Pierre nicht in beleidigtem, sondern in bittendem Ton.
Davout hob die Augen in die Höhe und richtete einen prüfenden Blick auf Pierre. Einige Sekunden lang sahen sie einander an, und dieser Blick war Pierres Rettung. Durch diesen Blick bildeten sich, ohne alle Rücksicht auf Krieg und Gericht, zwischen diesen beiden Menschen menschliche Beziehungen. Beide machten in dieser kurzen Spanne Zeit eine unzählige Menge von Empfindungen durch, ohne sich derselben eigentlich klar bewußt zu werden, und kamen zu der Erkenntnis, daß sie beide Kinder der Menschheit, daß sie Brüder seien.
Vorhin, als Davout nur den Kopf von seiner Liste erhoben hatte, in der die Handlungen von Menschen und das Leben von Menschen mit Nummern bezeichnet waren, da war Pierre für ihn beim ersten Blick nur ein Gegenstand gewesen, und er hätte ihn können erschießen lassen, ohne sich aus dieser Untat ein Gewissen zu machen; aber jetzt erblickte er in ihm schon einen Menschen. Er überlegte einen Augenblick lang.
»Wie können Sie mir die Wahrheit dessen, was Sie mir sagen, Beweisen?« fragte er kalt.
Pierre dachte an Ramballe und nannte dessen Regiment und Namen sowie die Straße, in der das betreffende Haus lag.
»Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben«, sagte Davout wieder.
Pierre begann mit zitternder, stockender Stimme Beweise für die Richtigkeit seiner Angabe vorzubringen.
Aber in diesem Augenblick trat ein Adjutant ein und meldete dem Marschall etwas.
Davouts Gesicht strahlte bei der Nachricht, die ihm der Adjutant überbrachte, plötzlich auf, und er knöpfte sich die Uniform zu. Offenbar hatte er Pierre vollständig vergessen.
Als der Adjutant ihn an den Gefangenen erinnerte, machte er ein finsteres Gesicht und sagte, indem er mit dem Kopf nach Pierre hindeutete, man solle ihn abführen. Aber wohin er abgeführt werden sollte, das wußte Pierre nicht: ob in die Remise zurück oder nach dem bereits zurechtgemachten Richtplatz, den ihm seine Schicksalsgefährten, als sie über das Jungfernfeld gingen, gezeigt hatten.
Er drehte den Kopf zurück und sah, daß der Adjutant den Marschall noch nach etwas fragte.
»Jawohl, selbstverständlich!« antwortete Davout; aber was mit dem »Jawohl« gemeint war, das wußte Pierre nicht.
Pierre hatte kein Bewußtsein, wie und wie lange und wohin er ging. In einem Zustand völliger Stumpfheit und Benommenheit, ohne etwas um sich herum zu sehen, bewegte er mit den andern zusammen die Füße, bis alle stillstanden, und stand dann gleichfalls still. Diese ganze Zeit über hatte er nur einen einzigen Gedanken im Kopf: wer, wer war es denn nun eigentlich, der ihn zum Tod verurteilt hatte? Nicht jene Männer, die ihn in der Kommission verhört hatten; von denen hatte keiner es gewollt und auch augenscheinlich keiner die Berechtigung dazu gehabt. Auch nicht Davout, der ihn so menschlich angeblickt hatte. Noch eine Minute, und Davout hätte eingesehen, daß sie unrecht taten; aber diese Minute hatte der eintretende Adjutant unterbrochen. Auch dieser Adjutant hatte offenbar nichts Böses beabsichtigt; aber warum war er gerade jetzt hereingekommen? Wer war es also eigentlich, der ihn hinrichtete, tötete, des Lebens beraubte, ihn, Pierre, mit allen seinen Erinnerungen, Bestrebungen, Hoffnungen und Ideen? Wer tat das? Pierre sagte sich, daß es niemand tat.
Es war der Gang der Dinge, das Zusammentreffen der Umstände.
Der Gang der Dinge tötete ihn, ihn, Pierre, und raubte ihm das Leben und alles und vernichtete ihn.
XI
Von dem Hause des Fürsten Schtscherbatow wurden die Gefangenen geradewegs das Jungfernfeld hinuntergeführt, links vom Nowodjewitschi-Kloster, nach einem umzäunten Gemüsegarten, in dem ein Pfahl stand. Hinter dem Pfahl befand sich eine große Grube mit frisch ausgegrabener Erde, und um die Grube und den Pfahl herum stand im Halbkreis eine große Menge Menschen. Diese Menge bestand aus einigen wenigen Russen und einer großen Anzahl napoleonischer Soldaten, die sich außerdienstlich eingefunden hatten: Deutsche, Italiener und Franzosen in mannigfaltigen Uniformen. Rechts und links von dem Pfahl standen in Reih und Glied französische Truppen, in blauen Uniformen, mit roten Epauletten, mit Stiefeletten und Tschakos.
Die Gefangenen wurden in derselben Ordnung aufgestellt, in der sie in der Liste aufgeführt waren (Pierre stand als sechster), und in die Nähe des Pfahles geführt. Plötzlich wurden auf beiden Seiten mehrere Trommeln geschlagen, und Pierre hatte das Gefühl, als ob ihm mit diesem Ton ein Stück seiner Seele weggerissen werde. Er verlor die Fähigkeit, Gedanken und Vorstellungen zu bilden; er konnte nur noch sehen und hören. Und nur einen Wunsch hatte er: daß das Schreckliche, das geschehen mußte, recht bald geschehen möchte. Er sah nach seinen Leidensgefährten hin und betrachtete sie.
Die beiden Männer am Anfang der Reihe waren Zuchthäusler mit rasiertem Kopf, der eine groß und hager, der andere muskulös, mit plattgedrückter Nase und schwarzem, struppigem Bart. Der dritte war ein herrschaftlicher Diener, ungefähr fünfunddreißig Jahre alt, mit ergrauendem Haar und wohlgenährtem, fleischigem Körper. Der vierte war ein Bauer, ein sehr schöner Mann mit breitem, dunkelblondem Bart und schwarzen Augen. Der fünfte war ein Fabrikarbeiter, der einen Kittel trug, ein magerer, etwa achtzehnjähriger Bursche mit gelblichem Teint.
Pierre hörte die Franzosen sich darüber beraten, wie sie die Verurteilten erschießen sollten, ob jedesmal einen oder jedesmal zwei. »Jedesmal zwei«, entschied der oberste Offizier kalt und ruhig. In den Reihen der Soldaten entstand eine Bewegung, und es war zu merken, daß sich alle beeilten; und zwar beeilten sie sich nicht so, wie man sich beeilt, eine allen verständliche Aufgabe auszuführen, sondern so, wie man sich beeilt, eine nicht zu umgehende, aber unangenehme und unbegreifliche Aufgabe zu erledigen.
Ein französischer Beamter mit einer Schärpe trat an den rechten Flügel der in einer Reihe aufgestellten Verbrecher und verlas das Urteil in russischer und in französischer Sprache.
Dann traten zwei Paar Franzosen zu den Verbrechern hin und nahmen auf Befehl des Offiziers die beiden Zuchthäusler, die am Anfang der Reihe standen. Die Zuchthäusler gingen zu dem Pfahl hin, blieben dort stehen und blickten, während die Säcke gebracht wurden, schweigend um sich, so wie ein angeschossenes Wild den herannahenden Jäger anblickt. Der eine bekreuzte sich fortwährend; der andere kratzte sich den Rücken und machte mit den Lippen eine Bewegung, die wie ein Lächeln aussah. Die Soldaten banden ihnen eilig die Augen zu, zogen ihnen die Säcke über den Kopf und banden sie an den Pfahl.