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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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In der letzten Zeit ihres Aufenthalts in Woronesch hatte Prinzessin Marja das schönste Glücksgefühl ihres Lebens empfunden. Ihre Liebe zu Rostow quälte und beunruhigte sie nicht mehr. Diese Liebe erfüllte ihre ganze Seele und war ein untrennbarer Teil ihres eigenen Selbst geworden, und sie kämpfte nicht mehr gegen diese Liebe an. In der letzten Zeit hatte Prinzessin Marja, obgleich sie es sich nie mit klaren, bestimmten Worten sagte, die Überzeugung gewonnen, daß sie geliebt wurde und liebte. Davon hatte sie sich bei ihrer letzten Begegnung mit Nikolai überzeugt, als dieser zu ihr gekommen war, um ihr mitzuteilen, daß ihr Bruder bei Rostows sei. Nikolai hatte mit keinem Wort darauf hingedeutet, daß jetzt (im Fall der Genesung des Fürsten Andrei) die früheren Beziehungen zwischen diesem und Natascha vielleicht wiederhergestellt werden würden; aber Prinzessin Marja hatte an seinem Gesicht gesehen, daß er dies dachte und glaubte. Und trotzdem war sein rücksichtsvolles, zartes, liebenswürdiges Benehmen ihr gegenüber unverändert geblieben; ja noch mehr: er schien sich sogar darüber zu freuen, daß nun das Verwandtschaftsverhältnis, in das er mit Prinzessin Marja treten werde, ihm erlaubte, seiner freundschaftlichen Liebe zu ihr (wie Prinzessin Marja manchmal dachte) einen freieren Ausdruck zu geben. Prinzessin Marja wußte, daß sie zum ersten- und letztenmal in ihrem Leben liebte, und war überzeugt, daß sie geliebt wurde, und fühlte sich glücklich und ruhig in diesem wechselseitigen Verhältnis.

Aber dieses Glück der einen Seite ihres Seelenlebens hinderte sie nicht, den Kummer um ihren Bruder in seiner vollen Gewalt zu empfinden; ja im Gegenteil, die geistige Ruhe, die sie nach dieser einen Richtung hin empfand, ermöglichte es ihr noch mehr, sich völlig ihrem Gefühl für ihren Bruder hinzugeben. Dieses Gefühl war im Augenblick ihrer Abreise von Woronesch so stark, daß ihre Reisegenossen beim Anblick ihres abgematteten, verzweifelten Gesichts überzeugt waren, sie werde sicher unterwegs krank werden; aber gerade die Schwierigkeiten und Sorgen der Reise, denen sich Prinzessin Marja mit solcher Energie widmete, retteten sie für einige Zeit vor ihrem Kummer und verliehen ihr Kraft.

Wie das während einer Reise immer so zu gehen pflegt, dachte Prinzessin Marja nur an die Reise selbst und vergaß darüber den Zweck der Reise. Aber als sie sich Jaroslawl näherten und sich ihr wieder der Gedanke an das aufdrängte, was ihr möglicherweise bevorstand, und nicht erst in einigen Tagen, sondern am Abend dieses selben Tages, da stieg die Aufregung der Prinzessin Marja auf den höchsten Grad. Der Heiduck war vorausgeschickt worden, um in Jaroslawl Erkundigungen einzuziehen, wo Rostows Quartier genommen hätten und in welchem Zustand sich Fürst Andrei befinde; und als er nun am Schlagbaum die große einfahrende Kutsche empfing, da erschrak er beim Anblick des entsetzlich blassen Gesichtes der Prinzessin, die sich aus dem Wagenfenster zu ihm hinauslehnte.

»Ich habe alles in Erfahrung gebracht, Euer Durchlaucht: Rostows wohnen am Markt, im Haus des Kaufmanns Bronnikow. Es ist nicht weit von hier, ganz dicht an der Wolga«, sagte der Heiduck.

Prinzessin Marja blickte ängstlich fragend nach seinem Gesicht und begriff nicht, warum er nicht auf die Hauptfrage antwortete: wie es ihrem Bruder gehe. Mademoiselle Bourienne stellte diese Frage für die Prinzessin.

»Was macht der Fürst?« fragte sie.

»Seine Durchlaucht wohnen mit ihnen in demselben Haus.«

»Also ist er doch am Leben«, dachte die Prinzessin und fragte lese: »Und wie geht es ihm?«

»Die Leute sagen: er befindet sich immer noch in demselben Zustand.«

Was das bedeutete: »immer noch in demselben Zustand«, danach wollte die Prinzessin nicht fragen; sie warf nur einen kurzen, unauffälligen Blick nach dem siebenjährigen Nikolenka hin, der vor ihr saß und sich über die fremde Stadt freute; dann ließ sie den Kopf sinken und hob ihn nicht eher wieder in die Höhe, als bis die schwere Kutsche polternd, schütternd und schaukelnd noch eine Strecke weitergefahren war und dann hielt. Rasselnd wurde der Wagentritt heruntergeschlagen.

Der Wagenschlag wurde geöffnet. Links war Wasser, ein großer Fluß, rechts eine Haustür mit Stufen davor; auf den Stufen standen Leute von der Dienerschaft und ein rotwangiges junges Mädchen mit einem großen schwarzen Zopf, das, wie es der Prinzessin Marja vorkam, in einer unangenehm gezwungenen Manier lächelte (es war Sonja). Die Prinzessin lief im Haus die Treppe hinauf, das junge Mädchen mit dem gezwungenen Lächeln sagte: »Hier, hier!«, und die Prinzessin befand sich im Vorzimmer einer alten Dame vom orientalischen Typus gegenüber, die ihr mit einem gerührten Gesichtsausdruck schnell entgegenkam. Es war die alte Gräfin. Sie umarmte Prinzessin Marja und küßte sie.

»Mein liebes Kind!« sagte sie. »Ich kenne und liebe Sie schon lange.«

Trotz all ihrer Aufregung merkte Prinzessin Marja doch, daß dies die Gräfin war, und fühlte, daß sie ihr etwas erwidern mußte. Ohne selbst zu wissen, wie sie es fertigbrachte, sagte sie zu ihr einige höfliche französische Worte in demselben Ton, in dem sie angeredet worden war, und fragte dann: »Wie geht es ihm?«

»Der Arzt sagt, es sei keine Gefahr vorhanden«, antwortete die Gräfin; aber während sie das sagte, richtete sie gleichzeitig die Augen nach oben, und in dieser Gebärde lag ein Ausdruck, der ihren Worten widersprach.

»Wo ist er? Kann ich ihn sehen? Ja?« fragte die Prinzessin.

»Sogleich, Prinzessin, sogleich, meine Liebe! Und das ist sein Sohn?« sagte die Gräfin, sich zu Nikolenka wendend, der soeben mit Dessalles eintrat. »Wir haben hier alle Platz; das Haus ist geräumig. Ach, was für ein allerliebster Knabe!«

Die Gräfin führte die Prinzessin in den Salon. Sonja war in einem Gespräch mit Mademoiselle Bourienne begriffen. Die Gräfin liebkoste den Knaben. Der alte Graf trat ins Zimmer und begrüßte die Prinzessin. Der alte Graf hatte sich außerordentlich verändert, seit die Prinzessin ihn zum letztenmal gesehen hatte. Damals war er ein frischer, heiterer, selbstbewußter alter Herr gewesen; jetzt machte er den Eindruck eines bemitleidenswerten, innerlich gebrochenen Menschen. Während er mit der Prinzessin sprach, blickte er beständig um sich, wie wenn er alle fragen wollte, ob er sich auch richtig benehme. Nach der Zerstörung Moskaus und dem Verlust seines Vermögens hatte er, aus seinem gewohnten Geleis herausgeworfen, offenbar das Bewußtsein seiner Position verloren und fühlte, daß er keine rechte Stelle mehr im Leben hatte.

Trotzdem Prinzessin Marja nur den einen Wunsch hatte, recht schnell ihren Bruder zu sehen, und es als peinlich empfand, daß Rostows in einem solchen Augenblick mit ihr ein Gespräch führten und heuchlerischerweise ihren Neffen lobten, bemerkte sie doch alles, was um sie herum geschah, und fühlte die Notwendigkeit, sich zunächst der neuen Ordnung des Hauses, in das sie eingetreten war, zu fügen. Sie wußte, daß all dies nun einmal nicht zu umgehen war, und es war ihr lästig; aber sie zürnte den Rostows deswegen nicht.

»Dies ist meine Nichte«, sagte der Graf, indem er Sonja vorstellte. »Sie kennen sie wohl noch nicht, Prinzessin?«

Die Prinzessin wandte sich zu ihr, suchte das feindliche Gefühl, das in ihrem Herzen gegen dieses Mädchen aufstieg, zu unterdrücken und küßte sie. Aber sie fühlte sich beklommen, weil die Stimmung all der Menschen, die sie umgaben, so sehr weit von den Empfindungen ablag, die ihre eigene Seele erfüllten.

»Wo ist er?« fragte sie noch einmal, sich an alle zugleich wendend.

»Er ist unten; Natascha ist bei ihm«, antwortete Sonja und errötete dabei. »Es ist schon jemand hingeschickt, um zu fragen, ob Sie zu ihm können. Aber ich meine, Sie werden müde sein von der Reise, Prinzessin?«

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