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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Sonja war in nicht geringerer Aufregung als Natascha, sowohl wegen der Angst und des Kummers der Freundin als auch wegen ihrer eigenen Gedanken, die sie zu niemandem aussprach. Sie schluchzte und küßte Natascha und redete ihr tröstend zu. »Wenn er nur am Leben bliebe!« dachte sie. Nachdem die beiden Freundinnen eine Weile geweint, miteinander geredet und sich die Tränen abgewischt hatten, gingen sie an die Tür des Fürsten Andrei. Natascha öffnete behutsam die Tür und sah ins Zimmer hinein. Sonja stand neben ihr bei der halbgeöffneten Tür.

Fürst Andrei lag mit hochgerichtetem Oberkörper auf drei Kissen. Sein blasses Gesicht war ruhig, die Augen geschlossen, und man sah, daß er gleichmäßig atmete.

»Ach, Natascha!« sagte Sonja auf einmal, kaum einen Schrei unterdrückend, ergriff ihre Kusine bei der Hand und trat von der Tür zurück.

»Was ist? Was ist?« fragte Natascha.

»Das ist ganz das … ganz das … sieh nur …«, sagte Sonja mit blassem Gesicht und zitternden Lippen.

Natascha machte leise die Tür wieder zu und trat mit Sonja an das Fenster. Sie verstand noch nicht, was diese meinte.

»Erinnerst du dich wohl«, sagte Sonja mit tiefernster, ängstlicher Miene, »erinnerst du dich wohl, wie ich für dich in den Spiegel sah … in Otradnoje, in den Weihnachtstagen … erinnerst du dich noch, was ich da sah …?«

»Ja, ja«, erwiderte Natascha mit weitgeöffneten Augen; sie erinnerte sich dunkel, daß Sonja damals etwas vom Fürsten Andrei gesagt hatte, den sie hatte daliegen sehen.

»Erinnerst du dich?« fuhr Sonja fort. »Ich habe es damals gesehen und zu allen gesagt, zu dir und zu Dunjascha. Ich sah, wie er auf einem Bett lag«, sagte sie und machte bei jeder Einzelheit eine Armbewegung mit aufgehobenem Finger, »und wie er die Augen geschlossen hielt, und wie er mit einer Decke, gerade mit einer rosa Decke, zugedeckt war, und wie er die Hände gefaltet hatte.« Und in dem Maße, wie sie die von ihr jetzt eben gesehenen Einzelheiten beschrieb, wurde sie immer fester in der Überzeugung, daß sie dieselben Einzelheiten auch damals gesehen habe.

In Wirklichkeit hatte sie damals überhaupt nichts gesehen, sondern von dem, was ihr in den Sinn kam, erzählt, daß sie es gesehen habe; aber das, was sie sich damals ausgedacht hatte, erschien ihr jetzt als ebenso tatsächlich wie jedes andere Ereignis, an das sie sich erinnerte. Und nicht etwa, daß sie sich nur an das erinnert hätte, was sie damals gesagt hatte, nämlich daß er sich nach ihr umgesehen und gelächelt habe und mit etwas Rotem zugedeckt gewesen sei; vielmehr war sie fest überzeugt, daß sie schon damals gesehen und gesagt habe, er habe unter einer rosa Decke, gerade unter einer rosa Decke, gelegen, und seine Augen seien geschlossen gewesen.

»Ja, ja, gerade eine rosa Decke war es«, sagte Natascha, die sich jetzt gleichfalls zu erinnern glaubte, daß damals eine rosa Decke erwähnt worden war, und erblickte gerade darin ein besonders auffälliges, geheimnisvolles Moment der Prophezeiung.

»Aber was mag das denn zu bedeuten haben?« sagte Natascha nachdenklich.

»Ach, ich weiß es nicht; wie seltsam und außerordentlich das alles doch ist!« sagte Sonja und griff sich an den Kopf.

Einige Minuten darauf klingelte Fürst Andrei, und Natascha ging zu ihm hinein; Sonja aber, die eine Erregung und Rührung empfand, wie sie bei ihr nur selten vorkam, blieb am Fenster stehen und dachte über die Seltsamkeit dieser Vorgänge nach.

An diesem Tag bot sich eine Gelegenheit, Briefe zur Armee zu schicken, und die Gräfin schrieb an ihren Sohn.

»Sonja«, sagte die Gräfin und hob den Kopf von ihrem Brief auf, als ihre Nichte an ihr vorbeiging. »Sonja«, fuhr sie mit leiser, zitternder Stimme fort, »willst du nicht an Nikolai schreiben?«

Und in dem Blick ihrer müden, durch die Brille schauenden Augen las Sonja alles, was die Gräfin mit diesen Worten meinte. Es lag in diesem Blick eine flehende Bitte, und Furcht vor einer abschlägigen Antwort, und ein Gefühl der Scham darüber, daß sie bitten mußte, und die Absicht, im Fall der Weigerung zu einem unversöhnlichen Haß überzugehen.

Sonja trat zur Gräfin hin, kniete vor ihr nieder und küßte ihr die Hand.

»Ja, ich werde an ihn schreiben, Mama«, sagte sie.

Sonja war durch alles an diesem Tag Geschehene weich gestimmt, erregt und gerührt, namentlich durch die geheimnisvolle Erfüllung des Spiegelorakels, die sie soeben mit Augen gesehen hatte. Jetzt, wo sie wußte, daß infolge der Erneuerung des Verhältnisses zwischen Natascha und dem Fürsten Andrei Nikolai die Prinzessin Marja nicht heiraten konnte, fühlte sie mit Freude, daß jene Stimmung der Selbstaufopferung, die ihr eine liebe Gewohnheit war, wieder von ihrer Seele Besitz ergriff. Und mit Tränen in den Augen und mit dem freudigen Bewußtsein, daß sie eine Handlung des Edelmutes ausführe, schrieb sie, einige Male von Tränen unterbrochen, die ihre samtenen, schwarzen Augen wie mit einem Nebel überzogen, jenen rührenden Brief, bei dessen Empfang Nikolai so überrascht gewesen war.

IX

Auf der Hauptwache, wohin Pierre gebracht worden war, behandelten ihn der Offizier und die Soldaten, die ihn arretiert hatten, feindselig, aber zugleich mit einem gewissen Respekt. Man konnte aus ihrem Benehmen gegen ihn noch ihre Ungewißheit darüber herausmerken, was er wohl für einer sein möchte, ob vielleicht eine hochgestellte Persönlichkeit, sowie eine Feindseligkeit infolge ihres noch frischen persönlichen Kampfes mit ihm.

Aber als am Morgen des nächsten Tages die Ablösung kam, da merkte Pierre, daß er für die neue Wachmannschaft, den Offizier und die Soldaten, nicht mehr die Bedeutung besaß, die er für diejenigen besessen hatte, von denen er festgenommen worden war. Und wirklich sah die Wachmannschaft des nächsten Tages in diesem großen, dicken Menschen mit dem gewöhnlichen Kaftan nicht mehr das eigenartige Individuum, das sich so grimmig mit den Plünderern und den Soldaten von der Patrouille herumgeschlagen und die hochtrabende Redensart von der Rettung eines Kindes geäußert hatte, sondern lediglich Nummer siebzehn derjenigen Russen, die für irgend etwas, was sie begangen hatten, gemäß höherem Befehl festgenommen waren und in Gewahrsam gehalten wurden. Und wenn ihnen wirklich etwas an Pierre auffiel, so war es nur seine feste, ernstnachdenkliche Miene und sein Französisch; denn darüber wunderten sich die Franzosen allerdings, daß er sich so gut auf französisch ausdrückte.

Trotzdem wurde Pierre noch an demselben Tag mit den andern als verdächtig Arretierten zusammengebracht, da man das besondere Zimmer, das er zunächst innegehabt hatte, für einen Offizier benötigte.

Die Russen, die mit Pierre zusammen gefangengehalten wurden, gehörten sämtlich der niedrigsten Bevölkerungsschicht an. Und alle hielten sie sich, da sie in Pierre einen vornehmen Herrn erkannten, von ihm fern, um so mehr, da er französisch sprach. Mit einer schmerzlichen Empfindung hörte Pierre, daß sie sich über ihn lustig machten.

Am nächsten Tag gegen Abend erfuhr Pierre, daß alle diese Arrestanten, und mit ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach auch er, wegen Brandstiftung vor Gericht gestellt werden sollten. Am dritten Tag wurde Pierre mit den andern in ein Haus transportiert, wo ein französischer General mit weißem Schnurrbart, zwei Obersten und noch einige andere Franzosen mit Binden am Arme saßen. Mit jener scheinbar über alle menschliche Schwäche erhabenen Peinlichkeit und Akkuratesse, mit welcher Angeklagte gewöhnlich behandelt werden, wurden an Pierre, ebenso wie an die andern, allerlei Fragen gerichtet: wer er sei, wo er gewesen sei, was er beabsichtigt habe, usw.

Diese Fragen, die das wahre Wesen der Sache unberührt ließen und zur Klarstellung desselben nicht das geringste beitrugen, hatten, wie alle Fragen, die in Gerichtsverhandlungen gestellt werden, nur den Zweck, gleichsam die Rinne aufzustellen, in der nach dem Wunsch der Richter die Antworten des Angeklagten fließen sollten, damit er zu dem von ihnen gewünschten Ziel, d.h. zur Verurteilung, hingeleitet werde. Sobald er anfing etwas zu sagen, was für dieses Ziel nicht taugte, wurde die Rinne weggenommen, und nun mochte das Wasser fließen, wohin es wollte. Außerdem hatte Pierre dasselbe Gefühl, das der Angeklagte in allen Gerichtsverhandlungen hat: ein Gefühl der Verwunderung, weshalb ihm alle diese Fragen gestellt wurden. Es kam ihm so vor, als bediene man sich dieses Manövers mit der untergestellten Rinne nur aus Herablassung oder aus einer Art von Höflichkeit. Er wußte, daß er sich in der Gewalt dieser Menschen befand, daß nur die Gewalt ihn hierhergebracht hatte, daß nur die Gewalt ihnen ein Recht gab, Antworten auf ihre Fragen zu verlangen, daß der einzige Zweck, zu dem dieses Richterkollegium gebildet war, darin bestand, ihn schuldig zu finden. Da also die Gewalt da war und der Wunsch, ihn schuldig zu finden, da war, so bedurfte es gar nicht erst des Manövers mit den Fragen und mit der Gerichtsverhandlung. Es war offensichtlich, daß alle Antworten dazu dienen sollten, ihn schuldig erscheinen zu lassen. Auf die Frage, was er getan habe, als er festgenommen wurde, antwortete Pierre in etwas pathetischer Weise, er habe ein Kind, das er aus den Flammen gerettet habe, zu den Eltern gebracht. Warum er auf die Plünderer losgeschlagen habe? Pierre antwortete, er habe ein Weib verteidigt; ein angegriffenes Weib zu verteidigen, sei die Pflicht eines jeden Mannes, und … Hier unterbrach man ihn: das gehöre nicht zur Sache. Warum er sich auf dem Hof des brennenden Hauses aufgehalten habe, wo ihn die Zeugen gesehen hätten? Er erwiderte, er sei ausgegangen, um zu sehen, was in Moskau vorginge. Wieder unterbrach man ihn: er sei nicht gefragt worden, wozu er ausgegangen sei, sondern warum er sich in der Nähe des Brandes aufgehalten habe. Wer er sei? Dies war eine Wiederholung der ersten Frage, auf die er erwidert hatte, er könne diese Frage nicht beantworten. Er antwortete auch diesmal, das könne er nicht sagen.

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