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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Sag mal, ist es dir ein Schmerz, hier zu sein?« sagte Pierre.

»Wie sollte es mir nicht ein Schmerz sein, lieber Falke? Ich heiße Platon, mit dem Familiennamen Karatajew«, fügte er hinzu, offenbar in der Absicht, wenn Pierre ihn anreden wollte, es ihm zu erleichtern. »Im Dienst hatten sie mir den Beinamen ›Falke‹ gegeben. Wie sollte es mir nicht ein Schmerz sein, lieber Falke? Moskau, das ist die Mutter aller unserer Städte. Wie sollte es einem nicht ein Schmerz sein, das zu sehen? Aber der Wurm nagt am Kohl und kommt doch selbst früher um als der; so pflegten die alten Leute zu sagen«, fügte er schnell hinzu.

»Wie war das? Was sagtest du da?« fragte Pierre.

»Ich?« erwiderte Karatajew. »Ich sagte: ›Der Mensch denkt, Gott lenkt.‹« Er glaubte wirklich, er habe das gesagt und wiederholte das Gesagte; dann fuhr er sogleich fort: »Haben Sie auch ein Erbgut, gnädiger Herr? Und ein Haus? Gewiß alles im Überfluß! Und auch eine Frau? Und sind Ihre alten Eltern noch am Leben?« fragte er.

Und obgleich Pierre es in der Dunkelheit nicht sehen konnte, so merkte er doch, daß die Lippen des Soldaten sich bei diesen Fragen zu einem leisen, freundlichen Lächeln verzogen. Und dann war es diesem offenbar ein Schmerz, zu hören, daß Pierre keine Eltern und besonders keine Mutter mehr habe.

»Man sagt wohclass="underline" mit der Frau in bester Eintracht, mit der Schwiegermutter auf freundlichem Fuß. Alles schön und gut; aber niemand ist doch liebevoller als die eigene Mutter!« sagte er. »Nun, und haben Sie Kinderchen?« fragte er weiter.

Pierres verneinende Antwort betrübte ihn offenbar wieder, und er bemerkte eilig:

»Nun, Sie und Ihre Frau sind ja noch jung; so Gott will, werden Sie schon noch welche bekommen. Nur hübsch einträchtig zusammenleben!«

»Ach, jetzt ist ja doch alles gleich«, sagte Pierre unwillkürlich.

»Ja, ja, mein Bester«, erwiderte Platon, »vor Armut und Gefängnis ist kein Mensch sicher.«

Er setzte sich bequemer zurecht, räusperte sich und schickte sich offenbar zu einer längeren Erzählung an.

»Ja, also, mein lieber Freund, ich wohnte damals noch bei uns zu Hause«, begann er. »Wir hatten ein schönes Erbgut, viel Land, die Bauern leben nicht schlecht, und es war unser eigenes Haus, Gott sei Dank. Mit sechs Mann ging der Vater zum Mähen. Wir hatten ein schönes Leben und hielten uns als rechte Christen. Da begab es sich …«

Und nun erzählte Platon Karatajew eine lange Geschichte, wie er einmal in einen fremden Wald gefahren sei, um Holz zu holen, und wie ihn der Waldaufseher dabei betroffen habe, und wie er durchgeprügelt und vor Gericht gestellt und unter die Soldaten gesteckt worden sei.

»Aber siehst du, mein lieber Falke«, fuhr er fort, und zwar in verändertem Ton, da er lächelte, »sie gedachten es böse mit mir zu machen, und es wurde doch gut. Mein Bruder hätte Soldat werden müssen, wenn ich es nicht für meine Sünde geworden wäre. Und mein jüngerer Bruder hatte schon fünf Kinderchen, während ich, siehst du wohl, nur eine Frau zurückließ, als ich Soldat wurde. Wir hatten ein kleines Mädchen gehabt; aber das hatte Gott noch vor meiner Soldatenzeit wieder zu sich genommen. Da kam ich nun einmal nach Hause, auf Urlaub, weißt du. Und da sah ich: sie lebten noch besser als früher. Der Hof voll Vieh, im Haus die Weiber, zwei Brüder standen auswärts in Arbeit. Nur Michail, der jüngste, war zu Hause. Und da sagte der Vater: ›Mir sind alle meine Kinder gleich lieb; jeder Finger, den man sich abhackt, tut gleich weh. Wenn sie Platon damals nicht zu den Soldaten genommen hätten, dann hätte Michail gehen müssen.‹ Und dann, kannst du das glauben? rief er uns alle zusammen und stellte uns vor die Heiligenbilder hin. ›Michail‹, sagte er, ›komm her und verneige dich tief vor deinem Bruder, und du, Weib, verneige dich auch, und ihr auch, ihr Enkelkinder. Versteht ihr wohl, warum?‹ sagte er. Ja, ja, so ist das, mein lieber Freund. Das Schicksal sucht sich immer den Richtigen. Aber wir räsonieren beständig: das ist nicht gut, und das ist nicht recht. Unser Glück, lieber Freund, ist wie ein Zugnetz im Wasser: wenn man’s schleppt, bauscht es sich auf, daß man sich Wunder was für Hoffnungen macht, und zieht man’s dann heraus, so ist nichts drin. Ja, so ist das.«

Platon setzte sich auf seinem Stroh anders zurecht.

Nachdem er ein Weilchen geschwiegen hatte, stand er auf.

»Nun, ich denke mir, du möchtest schlafen«, sagte er und begann sich schnell zu bekreuzen, wobei er sprach:

»Herr Jesus Christus, heiliger Nikola, Frola und Lawra! Herr Jesus Christus, heiliger Nikola, Frola und Lawra! Herr Jesus Christus, erbarme dich unser und rette uns!« schloß er, verbeugte sich bis zur Erde, seufzte und setzte sich wieder auf das Stroh. »Ja, so ist das. Gott, laß mich schlafen wie ein Stein und morgen frisch wie ‘n Kuchen sein«, sagte er, legte sich hin und zog den Mantel über sich.

»Was hast du denn da für ein Gebet gesprochen?« fragte Pierre.

»Was?« erwiderte Platon, der schon im Begriff war einzuschlafen. »Was ich gesprochen habe? Ich habe gebetet. Betest du denn nicht?«

»Doch, ich bete auch«, antwortete Pierre. »Aber was hast du da gesagt: Frola und Lawra?«

»Aber natürlich!« erwiderte Platon schnell. »Es ist doch ein Pferde-Festtag. Man muß sich auch des Viehes erbarmen … Ei sieh mal, du Schelm, hat er sich da zusammengerollt! Hat sich gewärmt, der Racker!« fuhr er fort, da er den Hund an seinen Füßen fühlte. Darauf drehte er sich wieder um und schlief sofort ein. Draußen ertönte irgendwo in der Ferne Jammern und Schreien, und durch die Ritzen der Baracke konnte man den Feuerschein sehen; aber in der Baracke war es still und dunkel.

Pierre konnte lange Zeit nicht einschlafen, sondern lag mit offenen Augen in der Dunkelheit auf seinem Platz da, horchte auf das gleichmäßige Schnarchen des neben ihm liegenden Platon und fühlte, daß in seiner Seele die vorhin zertrümmerte Welt jetzt in neuer Schönheit auf neuer, unerschütterlicher Grundlage sich wieder erhob.

XIII

In der Baracke, in die Pierre gebracht worden war und in der er dann vier Wochen verlebte, befanden sich als Gefangene drei Offiziere, dreiundzwanzig Gemeine und zwei Beamte.

Sie alle standen, wenn Pierre später an diese Zeit zurückdachte, ihm nur wie in einem Nebel vor Augen; Platon Karatajew jedoch blieb ihm für immer die lebhafteste und teuerste Erinnerung, eine Verkörperung alles Guten, harmonisch Abgestimmten und Tüchtigen, was im Wesen des russischen Volkes liegt. Als Pierre am andern Tag beim Morgengrauen seinen Nachbar erblickte, fand er seinen ersten Eindruck der Tüchtigkeit und Harmonie voll bestätigt. Und zwar trug dazu in eigentümlicher Weise das Vorherrschen der rundlichen Formen in Platons äußerer Erscheinung bei: seine ganze Figur, in dem mit einem Strick umgürteten französischen Mantel, der Uniformmütze und den Bastschuhen, hatte etwas Rundliches. Sein Kopf war vollkommen rund, der Rücken, die Brust, die Schultern waren rundlich, sogar die Arme, die er immer so hielt, als ob er jeden Augenblick etwas umfassen wollte; auch sein angenehmes Lächeln und seine großen, braunen, zärtlich blickenden Augen waren rundlich.

Platon Karatajew mußte über fünfzig Jahre alt sein, nach seinen Erzählungen von den Feldzügen zu urteilen, die er vor langer Zeit als Soldat mitgemacht hatte. Er selbst wußte nicht, wie alt er war, und vermochte schlechterdings nicht, es genauer anzugeben. Aber seine leuchtend weißen, kräftigen Zähne, die sämtlich als zwei Halbkreise sichtbar wurden, sobald er lachte (was er oft tat), waren noch alle gut und heil; in seinem Bart und auf seinem Kopf fand sich noch kein einziges graues Haar, und sein ganzer Körper machte den Eindruck der Biegsamkeit und ganz besonders der Festigkeit und Ausdauer.

Sein Gesicht trug trotz der kleinen, rundlichen Runzeln das Gepräge der Harmlosigkeit und Jugendlichkeit; seine Stimme war angenehm und hatte etwas Singendes. Die Haupteigentümlichkeit seiner Redeweise aber bestand in einer frischen Natürlichkeit und in den gesunden Gedanken. Offenbar dachte er nie an das, was er gesagt hatte und noch sagen wollte, und daher lag in der Schnelligkeit und Treuherzigkeit, mit der er sprach, eine ganz besondere unwiderstehliche Überzeugungskraft.

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