Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der Prinzessin traten vor Verdruß die Tränen in die Augen. Sie wandte sich ab und wollte eben die Gräfin wieder fragen, wo es zu ihm hinginge, als in der Tür leichte, eilige, sozusagen fröhliche Schritte sich hören ließen. Die Prinzessin sah sich um und erblickte Natascha, die beinahe laufend hereinkam, jene Natascha, die ihr bei der nun schon weit zurückliegenden Begegnung in Moskau so wenig gefallen hatte.
Aber sowie die Prinzessin dieser Natascha ins Gesicht blickte, erkannte sie auch, daß dies eine aufrichtige Teilnehmerin an ihrem Kummer und darum ihre Freundin war. Sie eilte ihr entgegen, umarmte sie und weinte an ihrer Schulter.
Natascha hatte beim Fürsten Andrei am Kopfende seines Lagers gesessen, war, sobald sie von der Ankunft der Prinzessin Marja gehört hatte, leise mit jenen schnellen und, wie es der Prinzessin Marja vorkam, gewissermaßen fröhlichen Schritten aus seinem Zimmer gegangen und zu ihr geeilt.
Als sie ins Zimmer hereingelaufen kam, trug ihr aufgeregtes Gesicht nur einen Ausdruck, den Ausdruck der Liebe, der grenzenlosen Liebe zu ihm, zu der Prinzessin Marja, zu jedem, der dem geliebten Mann nahestand, den Ausdruck des Schmerzes und der Teilnahme für andere und des leidenschaftlichen Wunsches, sich selbst aufzuopfern, um ihnen zu helfen. Es war offensichtlich, daß Natascha in diesem Augenblick keinen Gedanken an sich und an ihr Verhältnis zu ihm in ihrer Seele hatte.
Die feinfühlige Prinzessin hatte dies alles beim ersten Blick in Nataschas Gesicht erkannt und weinte nun mit schmerzlichem Genuß an ihrer Schulter.
»Kommen Sie, Marja, wir wollen zu ihm hingehen«, sagte Natascha und führte sie in ein anderes Zimmer.
Prinzessin Marja hob ihr Gesicht in die Höhe, trocknete sich die Augen und wandte sich zu Natascha. Sie fühlte, daß sie von dieser alles erfahren und so alles verstehen werde.
»Wie …«, begann sie ihre Frage, hielt aber plötzlich inne.
Sie sagte sich, daß hier nicht mit Worten gefragt und geantwortet werden könne, sondern Nataschas Gesicht und Augen alles deutlicher und mit mehr Empfindung sagen würden.
Natascha sah sie an, schien aber in Angst und Zweifel zu sein, ob sie ihr alles, was sie wußte, sagen sollte oder nicht; sie hatte die Empfindung, als könne sie diesen leuchtenden Augen gegenüber, die bis in den tiefsten Grund des Herzens drangen, nicht umhin, die ganze Wahrheit, so wie sie sie kannte, auszusprechen. Nataschas Lippen fingen auf einmal an zu zucken, häßliche Falten bildeten sich um ihren Mund, und aufschluchzend verbarg sie ihr Gesicht in den Händen.
Prinzessin Marja verstand das alles.
Aber sie hoffte doch immer noch und fragte mit Worten, an die sie selbst nicht glaubte: »Aber wie steht es mit seiner Wunde? Und in welchem Zustand befindet er sich überhaupt?«
»Sie … Sie werden es sehen«, antwortete Natascha, außerstande noch etwas hinzuzufügen.
Sie saßen beide eine Zeitlang unten in einem Zimmer neben dem Krankenzimmer, um mit dem Weinen aufzuhören und dann mit ruhigen Gesichtern zu ihm hineinzugehen.
»Welchen Gang hat denn die Krankheit genommen? Ist es schon länger her, daß es mit ihm so schlecht steht? Wann ist das eingetreten?« fragte Prinzessin Marja.
Natascha erzählte, in der ersten Zeit habe infolge des fieberhaften, leidenden Zustandes Gefahr bestanden; aber im Troiza-Kloster sei dies vorübergegangen, und der Arzt habe nur noch vor dem Eintreten des kalten Brandes Besorgnis gehabt. Aber auch diese Gefahr sei geschwunden. Als sie nach Jaroslawl gekommen wären, habe die Wunde zu eitern begonnen (Natascha wußte mit Eiterung und dergleichen sehr gut Bescheid), und der Arzt habe gesagt, die Eiterung werde wohl einen normalen Verlauf nehmen. Dann habe sich Fieber eingestellt. Der Arzt habe gesagt, dieses Fieber sei nicht besonders gefährlich.
»Aber vor zwei Tagen«, berichtete Natascha weiter, »trat auf einmal das ein …« (Sie hielt mit Anstrengung das Schluchzen zurück.) »Ich weiß nicht, woher es gekommen ist; aber Sie werden sehen, in welchen Zustand er geraten ist.«
»Ist er schwach geworden? Abgemagert?« fragte die Prinzessin.
»Nein, das nicht, aber schlimmer. Sie werden ja sehen. Ach, Marja, er ist zu gut, zu gut; er kann nicht, kann nicht am Leben bleiben, weil …«
XV
Als Natascha mit einem geschickten, ihr bereits geläufig gewordenen Griff die Tür zum Zimmer des Fürsten Andrei öffnete und die Prinzessin vor sich eintreten ließ, da fühlte Prinzessin Marja schon, wie ihr das Schluchzen in die Kehle steigen wollte. Soviel sie sich auch vorbereitet und sich zu beruhigen versucht hatte, so war sie doch überzeugt, daß sie nicht imstande sein werde, bei dem Wiedersehen mit ihm die Tränen zurückzuhalten.
Prinzessin Marja glaubte verstanden zu haben, was Natascha mit den Worten: »Vor zwei Tagen trat auf einmal das ein«, hatte sagen wollen. Sie meinte, daß dies bedeuten sollte, er sei auf einmal weich geworden, und diese Weichheit und Rührung sei ein Anzeichen des nahen Todes. Als sie sich der Tür näherte, hatte sie schon im Geist Andreis Gesicht vor sich zu sehen geglaubt, so wie sie es in der Kindheit gekannt hatte, zärtlich, sanft, voll Rührung, wie sie es aber in späterer Zeit nur selten an ihm gesehen hatte, wo es dann eben deshalb immer besonders stark auf sie gewirkt hatte. Sie war überzeugt gewesen, daß er leise, zärtliche Worte zu ihr sprechen werde, so wie es der Vater vor seinem Tod getan hatte, und daß sie das nicht werde ertragen können, sondern an seinem Lager in Schluchzen ausbrechen werde. Aber ob früher oder später, es mußte sein, und sie trat ins Zimmer. Das Schluchzen rückte ihr immer näher an die Kehle, während sie mit ihren kurzsichtigen Augen immer deutlicher seine Gestalt unterschied und seine Züge zu erkennen suchte; und da sah sie auf einmal sein Gesicht, und ihre Blicke trafen einander.
Er lag auf einem Sofa, von Kissen umgeben, in einem mit Eichhornpelz gefütterten Schlafrock. Er war mager und blaß. In der einen seiner mageren, durchsichtig weißen Hände hielt er ein Taschentuch, mit der anderen berührte er, leise die Finger bewegend, den schmalen Schnurrbart, der ihm jetzt ohne Pflege lang gewachsen war. Seine Augen blickten nach den Eintretenden hin.
Als Prinzessin Marja sein Gesicht sah und ihre Blicke einander begegneten, mäßigte sie die Schnelligkeit ihres Ganges und fühlte, daß ihre Tränen auf einmal versiegten und ihr Schluchzen abbrach. Nachdem sie den Ausdruck seines Gesichtes und Blickes erfaßt hatte, wurde sie auf einmal befangen und fühlte sich schuldig.
»Aber inwiefern habe ich mich denn schuldig gemacht?« fragte sie sich.
»Deine Schuld besteht darin, daß du lebst und an einen Lebenden denkst, während ich …«, antwortete sein kalter, strenger Blick. In diesem tiefen Blick, mit welchem Fürst Andrei nicht aus sich heraus, sondern in sich hinein sah, lag beinahe etwas Feindseliges, als Fürst Andrei ihn langsam auf seine Schwester und auf Natascha richtete.
Die Geschwister küßten sich, indem sie einander zugleich die Hand drückten, wie sie das zu tun pflegten.
»Guten Abend, Marja, wie kommst du denn hierher?« sagte er mit einer Stimme, die so gleichmütig und fremdartig war wie sein Blick.
Hätte er voller Verzweiflung geschrien und gewinselt, so wäre Prinzessin Marja darüber weniger erschrocken gewesen als über den Klang dieser Stimme.
»Und auch Nikolenka hast du mitgebracht?« fuhr er ebenso gleichmütig und langsam fort; es kostete ihn augenscheinlich eine Anstrengung, sich zu erinnern.
»Wie steht es denn jetzt mit deinem Befinden?« fragte Prinzessin Marja; sie war selbst erstaunt darüber, daß sie redete.
»Danach mußt du den Arzt fragen, meine Liebe«, erwiderte er. Dann machte er offenbar wieder eine neue Anstrengung, um freundlich zu sein, und sagte auf französisch, nur mit dem Mund (es war klar, daß er das, was er sagte, überhaupt nicht dachte):