Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Als wir heimkamen, bot ich ihm ein Glas Tee an. Er sagte nicht nein, trank den Tee aus und dankte. Nun fiel mir ein, tiefer in die Tasche zu greifen und ihn mit einem Fläschchen Branntwein zu traktieren. Ein solches fand sich auch in unserer Kaserne. Petrow war außerordentlich zufrieden; er trank den Branntwein aus, räusperte sich, erklärte, ich hätte ihn zum neuen Leben erweckt, und eilte in die Küche, als ob man dort ohne ihn nichts anfangen könnte. An seiner Statt erschien jetzt ein anderer Gesprächspartner, Bakluschin (der Pionier), den ich schon im Bade zum Tee eingeladen hatte.
Ich kenne keinen liebenswürdigeren Menschen als diesen Bakluschin. Er gab zwar niemand etwas nach, zankte oft mit den anderen, liebte es nicht, wenn man sich in seine Angelegenheiten mischte, und verstand, mit einem Worte, für seine Person einzutreten. Aber er war niemand lange böse, und alle Leute bei uns schienen ihn gern zu haben. Wo er auch eintrat, überall wurde er mit Vergnügen empfangen. Man kannte ihn sogar in der Stadt als den amüsantesten Menschen von der Welt, der nie seine Heiterkeit verlor. Er war ein hochgewachsener Bursche von etwa dreißig Jahren, mit kühnem und gutmütigem, ziemlich hübschem Gesicht, mit einer Warze. Dieses Gesicht verstand er manchmal, wenn er jemand nachäffte, so komisch zu verziehen, daß alle, die herumstanden, lachen mußten. Er gehörte auch zu den Spaßvögeln, aber er war unversöhnlich gegen unsere mürrischen Hasser des Lachens, und darum schalt ihn niemand, daß er ein »hohler und unnützer« Mensch sei. Er war voll Feuer und Leben. Er hatte meine Bekanntschaft schon in den ersten Tagen gemacht und mir erklärt, daß er einst Kantonist gewesen, später bei den Pionieren gedient habe und sogar von gewissen hochstehenden Persönlichkeiten ausgezeichnet und geliebt gewesen sei, worauf er noch immer sehr stolz war. Mich begann er sogleich über Petersburg auszufragen. Er hatte sogar Bücher gelesen. Bevor er zu mir zum Tee kam, hatte er schon die ganze Kaserne zum Lachen gebracht, indem er erzählte, wie der Leutnant Sch. am Morgen unseren Platzmajor abgefertigt habe. Nun setzte er sich neben mich und berichtete mir mit vergnügter Miene, daß die Theateraufführung wohl zustande kommen würde. Im Zuchthause war für die Feiertage eine Aufführung geplant. Es hatten sich schon Schauspieler gefunden, und man arbeitete gemächlich an den Dekorationen. Einige Leute in der Stadt versprachen uns ihre Kleider für die Schauspieler, sogar für die weiblichen Rollen; man hoffte sogar, durch die Vermittlung eines Offiziersburschen eine Offiziersuniform mit Fangschnüren zu beschaffen. Wenn es nur dem Platzmajor nicht einfiele, die Aufführung wie im vorigen Jahre zu verbieten. Aber im vorigen Jahre war der Platzmajor in der Weihnachtszeit schlechter Laune: er hatte irgendwo im Kartenspiel verloren, außerdem hatte man im Zuchthause etwas angestellt; darum verbot er aus Ärger die Aufführung; diesmal würde er sie aber vielleicht nicht verhindern wollen. Mit einem Worte, Bakluschin war in einer erregten Stimmung. Offenbar gehörte er zu den Haupturhebern der Theateraufführung, und ich gab mir das Wort, unbedingt dieser Aufführung beizuwohnen. Die einfältige Freude Bakluschins über das Gelingen des Planes gefiel mir sehr gut. Ein Wort gab das andere, und wir kamen ins Gespräch. Unter anderem erzählte er mir, daß er nicht immer in Petersburg gedient habe; er hätte sich dort etwas zuschulden kommen lassen und sei nach R. versetzt worden, übrigens als Unteroffizier in ein Garnisonsbataillon.
»Von dort hat man mich aber hergeschickt«, bemerkte Bakluschin.
»Weswegen denn?« fragte ich ihn.
»Weswegen? Wie glauben Sie, Alexander Petrowitsch, weswegen? Nun, weil ich mich verliebt hatte.«
»Nun, deshalb schickt man doch nicht einen Menschen her,« entgegnete ich lachend. »Allerdings,« fügte Bakluschin hinzu, »allerdings habe ich bei dieser Gelegenheit einen dortigen Deutschen mit der Pistole erschossen. Aber man darf doch nicht einen Menschen wegen eines Deutschen verschicken, urteilen Sie doch selbst!«
»Wie war es denn? Erzählen Sie es mir, es interessiert mich.«
»Es ist eine komische Geschichte, Alexander Petrowitsch.«
»Um so besser. Erzählen Sie.«
»Soll ich erzählen? Nun, hören Sie zu...«
Ich bekam eine wenn auch gar nicht komische, dafür aber sehr seltsame Geschichte eines Mordes zu hören...
»Die Sache war so«, begann Bakluschin. »Als man mich nach R. schickte, sah ich mir die Stadt an: sie ist hübsch und groß, aber es gibt zu viele Deutsche da. Nun, ich bin natürlich noch ein junger Mann, bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, gehe herum, die Mütze auf ein Ohr geschoben, und suche mir die Zeit zu vertreiben. Blinzele den deutschen Mädchen zu. Und da gefiel mir so eine junge Deutsche. Alle beide waren Wäscherinnen, für die allerfeinste Wäsche, sie und ihre Tante. Die Tante ist alt und aufgeblasen, aber sie leben im Wohlstande. Zuerst promenierte ich immer vor ihren Fenstern und freundete mich dann richtig an. Luise sprach auch anständig russisch, nur das ›R‹ wollte ihr nicht recht geraten, war ein so liebes Mädchen, wie ich ein solches noch nie getroffen hatte. Ich versuchte anfangs das eine und das andere, aber sie sagte mir: ›Nein, das darfst du nicht, Sascha, denn ich will meine ganze Unschuld für dich bewahren, um dir eine würdige Frau zu sein!‹ Und sie schmeichelt mir und lacht so hell... So sauber war sie, ich sah nie wieder eine solche wie sie. Sie selbst lockte mich, sie zu heiraten. Wie soll man sie auch nicht heiraten, sagen Sie mir bitte! Ich will also schon mit dem Gesuch zum Oberstleutnant gehen... Plötzlich sehe ich: Luise ist einmal nicht zum Stelldichein gekommen, ist das zweitemal nicht gekommen, auch nicht das drittemal... Ich schreibe ihr einen Brief; auf den Brief kommt keine Antwort. Ich denke mir: was ist denn das? Das heißt, hätte sie mich betrogen, so würde sie schon irgendwelche Finten machen, würde den Brief beantwortet haben und auch zum Stelldichein gekommen sein. Sie verstand aber nicht zu lügen, hatte ganz einfach mit mir gebrochen. Da steckt die Tante dahinter, denke ich mir. Zur Tante wage ich nicht zu gehen; sie wußte zwar alles, aber wir machten es doch heimlich, d. h. mit leisen Schritten. Ich gehe wie verrückt herum, schreibe ihr den letzten Brief und sage ihr: ›Wenn du jetzt nicht kommst, so gehe ich selbst zu deiner Tante.‹ Sie erschrak und kam. Sie weint und erzählt: ein Deutscher, namens Schulz, ein entfernter Verwandter von ihnen, ein reicher, nicht mehr junger Uhrmacher hat den Wunsch geäußert, sie zu heiraten – ›um mich,‹ erzählt sie, ›glücklich zu machen und um auch selbst im Alter nicht ohne Frau zu sein; er liebt mich auch, sagt er, und hat schon längst diese Absicht gehabt, aber immer geschwiegen und sich darauf vorbereitet. Er ist reich, Sascha‹, sagt sie, ›und das ist für mich ein Glück; willst du mir denn mein Glück rauben?‹ Ich sehe: sie weint und umarmt mich .. Ach, denke ich mir, es ist vernünftig, was sie da sagt! Was für einen Sinn hat es für sie, einen Soldaten zu heiraten, und wenn ich auch Unteroffizier bin? – ›Nun, leb wohl, Luise,‹ sage ich ihr, ›Gott sei mit dir; ich will dir nicht dein Glück rauben. Und wie ist er, ist er nett?‹ – ›Nein,‹ sagt sie, ›ist schon bejahrt, hat eine so lange Nase...‹ Sie lacht sogar. Ich gehe von ihr und denke mir: nun, so will es halt mein Schicksal! Am nächsten Morgen ging ich zu seinem Laden, die Straße hatte sie mir gesagt. Ich sehe durch die Fensterscheibe: da sitzt der Deutsche, arbeitet an einer Uhr, ist so an die fünfundvierzig Jahre alt, hat eine krumme Nase und Glotzaugen, trägt einen Frack und einen sehr hohen Stehkragen, sieht so wichtig aus. Ich spie sogar aus; ich wollte ihm die Fensterscheibe einschlagen... aber was soll ich mich mit ihm einlassen, sage ich mir, hin ist hin! Ich kam gegen Abend in die Kaserne, legte mich aufs Bett und fing, glauben Sie es mir, Alexander Petrowitsch, zu weinen an...