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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Es vergeht ein Tag, ein zweiter, ein dritter. Mit Luise komme ich nicht mehr zusammen. Indessen höre ich von einer Gevatterin (es war ein altes Weib, auch eine Wäscherin, zu der Luise zuweilen kam), daß der Deutsche von unserer Liebe wisse und sich darum beeilt habe, seinen Antrag zu machen. Sonst hätte er aber noch an die zwei Jahre gewartet. Der Luise hätte er aber den Eid abgenommen, daß sie mich nicht mehr kennen werde; vorläufig behandele er die beiden, die Tante und die Luise, noch gar nicht gut; vielleicht werde er sich die Sache noch überlegen, jedenfalls sei er noch nicht endgültig entschlossen. Sie sagte mir auch, er habe die beiden für übermorgen, Sonntag zu sich zum Morgenkaffee geladen, es werde auch noch ein alter Verwandter dabei sein, der einst Kaufmann gewesen, nun aber bettelarm sei und in irgendeinem Warenlager als Aufseher diene. Als ich erfuhr, daß sie am Sonntag vielleicht die Sache endgültig abmachen würden, packte mich die Wut, so daß ich mich gar nicht beherrschen konnte. Diesen ganzen Tag und auch den folgenden tat ich nichts anderes, als daran denken. Ich hätte wohl diesen Deutschen auffressen können.

»Sonntag früh wußte ich noch nichts, als aber der Gottesdienst zu Ende war, sprang ich auf, zog meinen Mantel an und ging zu dem Deutschen. Ich glaubte, sie alle dort anzutreffen. Warum ich zu dem Deutschen gegangen bin und was ich dort alles habe sagen wollen, weiß ich selbst nicht. Für jeden Fall steckte ich mir aber eine Pistole in die Tasche. Ich hatte eine alte, schlechte Pistole mit einem veralteten Hahn; als kleiner Junge hatte ich schon aus ihr geschossen. Richtig schießen konnte man mit ihr eigentlich nicht mehr. Ich lud sie aber dennoch mit einer Kugel; ich dachte mir, wenn sie grob werden und mich hinauszuwerfen versuchen, hole ich die Pistole aus der Tasche und erschrecke sie alle. Ich komme hin. In der Werkstatt ist kein Mensch, alle sitzen im Hinterzimmer. Außer ihnen ist kein Mensch da, auch kein Dienstbote. Er hielt sich nur eine einzige deutsche Dienstmagd, die zugleich auch Köchin war. Ich gehe durch den Laden und sehe: die Tür zum Hinterzimmer ist zugemacht, es ist eine alte Tür, mit einem Haken. Mein Herz klopft, ich bleibe stehen und horche: sie sprechen deutsch. Nun stoße ich aus aller Kraft mit dem Fuß, und die Tür geht sofort auf. Ich sehe: der Tisch ist gedeckt. Auf dem Tisch steht eine große Kaffeekanne, und der Kaffee kocht über einer Spiritusflamme. Auch Zwieback steht da; auf einem anderen Tablett eine Karaffe mit Branntwein, Hering, Wurst und noch eine Flasche mit irgendeinem Wein. Luise und die Tante, beide schön geputzt, sitzen auf dem Sofa. Ihnen gegenüber auf dem Stuhle sitzt der Deutsche selbst, der Bräutigam, schön frisiert, in Frack und Stehkragen, der ganz steil in die Höhe ragt. Zu seiner Seite sitzt auf einem Stuhle der andere Deutsche, schon alt, grau und dick, und schweigt. Als ich eintrat, wurde Luise blaß. Die Tante sprang erst auf und setzte sich gleich wieder, der Deutsche aber machte ein finsteres Gesicht. So böse stand er auf und trat mir entgegen.

›Was wünschen Sie?‹ fragte er mich.

Ich war etwas verwirrt, aber die Wut packte mich.

›Was ich wünsche?‹ sage ich: ›Empfange den Gast und bewirte ihn mit Branntwein. Ich bin als Gast zu dir gekommen.‹

Der Deutsche überlegt und sagt: ›Nehmen Sie Platz.‹

Ich setze mich. ›Nun, gib Branntwein her!‹ sage ich ihm.

›Hier ist Branntwein,‹ sagt er, ›trinken Sie, bitte.‹

›Du sollst mir aber guten Branntwein geben,‹ sage ich ihm. Die Wut packt mich immer mehr.

›Dieser Branntwein ist gut.‹

Es kränkte mich, daß er mich so von oben herab behandelte. Noch mehr aber, daß Luise es sah. Ich trank und sagte:

›Was bist du so grob, Deutscher? Du sollst mich wie einen Freund behandeln. Ich bin in Freundschaft zu dir gekommen.‹

›Ich kann nicht Ihr Freund sein,‹ sagt er, ›Sie sind ein einfacher Soldat.‹

Nun wurde ich ganz toll.

›Ach du Vogelscheuche, du Wurstmacher!‹ sage ich ihm. ›Weißt du denn auch, daß ich von dieser Minute an mit dir alles machen kann? Willst du, daß ich dich mit der Pistole erschieße?‹

Ich holte die Pistole aus der Tasche, stellte mich vor ihn hin und richtete den Lauf gerade auf seinen Kopf. Die anderen sitzen mehr tot als lebendig da und wagen nicht, einen Ton von sich zu geben; der Alte aber zittert wie ein Espenblatt, schweigt und ist ganz blaß geworden.

Der Deutsche war erst verblüfft, besann sich aber bald.

›Ich fürchte Sie nicht,‹ sagt er, ›und bitte Sie als einen anständigen Menschen, Ihre Scherze sofort zu unterlassen, ich fürchte Sie gar nicht.‹

›Ei, du lügst,‹ sage ich ihm, ›du fürchtest mich wohl!‹ Er wagt nicht, den Kopf vor der Pistole zu rühren, sitzt ganz starr da.

›Nein,‹ sagt er, ›Sie werden sich nicht unterstehen!‹

›Warum,‹ sage ich, ›sollte ich mich nicht unterstehen?‹

›Weil es Ihnen strengstens verboten ist,‹ sagt er, ›und Sie dafür streng bestraft werden.‹

Mag sich der Teufel in so einem Deutschen auskennen! Hätte er mich nicht selbst gereizt, so wäre er auch heute noch am Leben; das Ganze kam nur, weil er mit mir stritt.

›Du meinst also, daß ich mich nicht unterstehe?‹

›Nein!‹

›Ich unterstehe mich nicht?‹

›Sie unterstehen sich nicht, mir etwas zu tun...‹

›Nun, da hast du es, du Wurst!‹ Ich drücke ab, und er rollt vom Stuhl. Die anderen schrien auf.

»Ich steckte die Pistole in die Tasche und ging fort; wie ich aber in die Festung trat, warf ich die Pistole vor dem Festungstore in die Brennesseln.

»Ich kam heim, legte mich aufs Bett und dachte mir: gleich werden sie mich holen. Es vergeht aber eine Stunde, eine zweite, – sie holen mich nicht. Gegen Abend aber überkam mich eine solche Herzensunruhe, daß ich wieder ausging: ich wollte unbedingt Luise sehen. Ich komme am Uhrmachergeschäft vorbei und sehe: viele Leute stehen da, auch die Polizei ist dabei. Ich gehe zur Gevatterin und sage: ›Ruf mir Luise!‹ Ich hatte nicht lange zu warten, Luise kam gleich herbeigelaufen; sie stiegt mir um den Hals und weint: ›Ich selbst bin an allem Schuld,‹ sagt sie, ›weil ich auf die Tante gehört habe.‹ Sie sagte mir auch, daß die Tante gleich nach dem Geschehenen heimgekehrt sei und solche Angst hätte, daß sie daran erkrankt sei und über die Sache schweige; sie habe keinem Menschen etwas davon gesagt und auch ihr verboten, davon zu sprechen, so erschrocken sei sie: ›Sollen sie machen, was sie wollen.‹ – ›Uns hat vorhin niemand gesehen,‹ sagt Luise. Er hatte seine Dienstmagd weggeschickt, weil er sie fürchtete. Sie hätte ihm wohl die Augen ausgekratzt, wenn sie gehört hatte, daß er heiraten wolle. Auch von den Gesellen war niemand im Hause, – alle hatte er fortgeschickt. Er hatte selbst den Kaffee gekocht und den Imbiß hergerichtet. Der Verwandte aber hatte auch schon vorher sein ganzes Leben geschwiegen; auch jetzt sagte er nichts, nahm seine Mütze und ging als erster aus dem Hause. ›Auch er wird sicher schweigen,‹ sagte Luise. Und so geschah es auch. Zwei Wochen lang geschah mir nichts, und es lag auch kein Verdacht gegen mich vor. In diesen zwei Wochen – Sie können es mir glauben, Alexander Petrowitsch, oder auch nicht glauben, – habe ich mein ganzes Glück erfahren. Jeden Tag kam ich mit Luise zusammen, und wie hat sie an mir gehangen! Sie weint und sagt: ›Ich werde dir folgen, wohin man dich auch verschickt, alles will ich deinetwegen verlassen!‹ Ich glaubte, ich müßte vor Mitleid sterben: so sehr hatte sie mich gerührt. Nun, nach zwei Wochen wurde ich aber doch geholt. Der Alte und die Tante hatten sich beraten und mich angezeigt...«

»Warten Sie,« unterbrach ich Bakluschin, »deswegen konnte man Sie doch nur für zehn, höchstens für zwölf Jahre in die Zivilabteilung verschicken, Sie sind aber in der Besonderen Abteilung. Wie ist das möglich?«

»Das ist schon eine andere Sache,« antwortete Bakluschin. »Wie man mich vor die Gerichtskommission brachte, beschimpfte mich der Hauptmann vor Gericht mit gemeinen Worten. Ich beherrschte mich nicht und sagte ihm: ›Was schimpfst du? Siehst du denn nicht, Schuft, daß du vor den Gesetzbüchern sitzt?‹ Nun wurde die Sache ganz anders, und es begann ein neues Gerichtsverfahren; für alles zusammen bekam ich viertausend Spießruten und wurde hierher, in die Besondere Abteilung verschickt. Aber in derselben Stunde, als man mich zur Strafe führte, führte man auch den Hauptmann hinaus: ich kam unter die Spießruten, er aber wurde degradiert und als gemeiner Soldat in den Kaukasus verschickt. Auf Wiedersehen, Alexander Petrowitsch. Kommen Sie also zu unserer Vorstellung.«

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Сюжет
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