Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Am Vorabend eines jeden Sabbats, am Freitagabend, kamen in unsere Kaserne die Leute aus den anderen Kasernen absichtlich, um zu sehen, wie Issai Fomitsch seinen Sabbat beging. Issai Fomitsch war von einer solchen unschuldigen Ruhmsucht, daß auch diese allgemeine Neugier ihm Vergnügen machte. Er deckte mit einer pedantischen, geheuchelten Wichtigkeit in einer Ecke sein kleines Tischchen, schlug ein Buch auf, entzündete zwei Kerzen und begann, irgendwelche geheime Worte murmelnd, sich in seinen Gebetmantel zu hüllen. Es war ein bunter Überwurf aus Wollstoff, den er sorgfältig in seinem Koffer verwahrte. Er band sich um beide Arme Riemen und befestigte am Kopfe, gerade an der Stirn mit einer Binde ein eigentümliches hölzernes Kästchen, so daß es aussah, als habe er ein seltsames Horn. Dann begann das Gebet. Er verrichtete es singend, schreiend, um sich spuckend, drehte sich dabei im Kreise und machte wilde, komische Gesten. Dies alles war natürlich vom Ritus vorgeschrieben und konnte daher auch nicht komisch oder sonderbar sein; komisch aber war, daß Issai Fomitsch vor uns wie absichtlich mit seinen Gebräuchen renommierte. Bald bedeckte er das Gesicht mit den Händen und begann zu schluchzen. Das Schluchzen wurde immer lauter, und et ließ seinen vom Kästchen bekrönten Kopf erschöpft und beinahe heulend auf das Buch sinken; bald fing er mitten im heftigsten Schluchzen laut zu lachen an und dabei etwas mit feierlicher, wie vor übergroßer Seligkeit geschwächter Stimme zu sprechen. »Wie es ihn packt!« pflegten die Arrestanten zu sagen. Einmal fragte ich Issai Fomitsch, was dieses Schluchzen und dann diese feierlichen Übergänge zur Glückseligkeit zu bedeuten hätten. Issai Fomitsch hatte es sehr gern, wenn ich ihn nach etwas fragte. Er erklärte mir unverzüglich, daß das Weinen und Schluchzen sich auf den Verlust Jerusalems bezögen, und daß das Gesetz es vorschreibe, bei diesem Gedanken so laut wie möglich zu schreien und sich vor die Brust zu schlagen. Aber mitten im heftigsten Schluchzen müsse sich Issai Fomitsch plötzlich, wie zufällig darauf besinnen (auch dieses »plötzlich« sei vom Gesetz vorgeschrieben), daß es eine Prophezeiung über die Rückkehr der Juden nach Jerusalem gebe. In diesem Augenblick müsse er sofort in Lachen, Freude und Jubel ausbrechen und die Gebete so sprechen, daß die Stimme selbst die höchste Seligkeit und das Gesicht die höchste Andacht und den größten Adel ausdrückten. Dieser plötzliche Übergang und die unbedingte Verpflichtung, diesen Übergang einzuhalten, gefielen Issai Fomitsch außerordentlich: er sah darin einen eigentümlichen klugen Trick und teilte mir stolz den komplizierten Sinn des Gesetzes mit. Einmal trat mitten in seinem Gebet der Platzmajor in Begleitung des Wachoffiziers und einiger Soldaten ins Zimmer. Alle Arrestanten machten Front vor ihren Pritschen, nur Issai Fomitsch fing noch lauter zu schreien an. Er wußte, daß das Beten erlaubt war und er es nicht unterbrechen durfte, daß er folglich, indem er vor dem Major schrie, nichts riskierte. Es war ihm aber äußerst angenehm, vor dem Major Komödie zu spielen und vor uns zu renommieren. Der Major ging auf ihn zu und blieb einen Schritt hinter ihm stehen. Issai Fomitsch wandte sich mit dem Rücken zu seinem Tischchen und begann seine feierliche Prophezeiung laut und mit den Händen fuchtelnd dem Major ins Gesicht zu schreien. Da es ihm vorgeschrieben war, in diesem Augenblick in seinem Gesicht recht viel Seligkeit und Adel zu zeigen, so tat er es unverzüglich, wobei er die Augen eigentümlich zusammenkniff, lachte und dem Major zunickte. Der Major war erstaunt; schließlich lachte er los, nannte ihn ins Gesicht einen Dummkopf und ging weg, während Issai Fomitsch sein Geschrei noch lauter ertönen ließ. Nach einer Stunde, als er sein Abendbrot aß, fragte ich ihn: »Wie, wenn der Platzmajor in seiner Dummheit auf Sie böse geworden wäre?«.
»Was für ein Platzmajor?«
»Was für einer? Haben Sie ihn denn nicht gesehen?«
»Nein.«
»Er stand ja nur eine Elle vor Ihnen, gerade vor Ihrem Gesicht.«
Aber Issai Fomitsch begann mir mit dem größten Ernst zu versichern, daß er keinen Major gesehen habe, daß er bei seinem Gebet in eine solche Ekstase gerate, daß er weder höre, noch sehe, was um ihn herum vorgehe.
Mir ist es, als sähe ich auch heute noch Issai Fomitsch vor mir, wie er sich am Sonnabend ohne Arbeit im ganzen Zuchthause herumtreibt und sich alle Mühe gibt, nichts zu tun, wie es vom Gesetz für den Sabbat vorgeschrieben ist. Was für unmögliche Anekdoten erzählte er mir, sooft er aus seiner Betstube zurückkehrte; was für unwahrscheinliche Nachrichten und Gerüchte aus Petersburg teilte er mir mit, mit der Behauptung, er hätte sie von seinen Glaubensgenossen und diese hätten sie aus erster Hand erhalten. Aber ich habe schon zu viel über Issai Fomitsch erzählt. Einem jeden, der den jüdischen Ritus einigermaßen kennt, muß es auffallen, daß Issai Fomitsch, in der Schilderung Dostojewskijs, das Freitagabendgebet auf eine höchst phantastische Weise beging. Entweder hatte den Dichter das Gedächtnis im Stich gelassen, oder aber dieser Issai Fomitsch war geisteskrank. Anm. d. Ü.
In der ganzen Stadt gab es nur zwei öffentliche Badeanstalten. Die erste gehörte einem Juden; sie hatte nur Einzelbäder, zu fünfzig Kopeken das Bad, und war für die höheren Stände eingerichtet. Die andere, vorwiegend fürs einfache Volk bestimmt, war halb verfallen, schmutzig, eng, und in diese Badeanstalt wurden nun die Insassen unseres Zuchthauses geführt. Der Tag war frostig und sonnig, und die Arrestanten freuten sich schon, einmal aus dem Zuchthause herauskommen und sich die Stadt anschauen zu können. Scherze und Lachen verstummten unterwegs für keinen Augenblick. Uns begleitete eine ganze Abteilung Soldaten mit geladenen Gewehren – ein Schauspiel für die ganze Stadt. In der Badeanstalt teilte man uns sofort in zwei Schichten: die zweite wartete im kalten Vorraum, während die erste badete; anders ging es in dem engen Bade nicht. Aber das Bad war dermaßen eng, daß man sich schwer vorstellen konnte, wie auch bloß die Hälfte von uns darin Platz finden könnte. Petrow ließ nicht von mir: ohne jede Aufforderung meinerseits drängte er mir seine Hilfe auf und schlug mir sogar vor, mich zu waschen. Neben Petrow bot mir auch Bakluschin seine Dienste an, ein Sträfling aus der Besonderen Abteilung, den man bei uns den »Pionier« nannte und den ich schon einmal als den lustigsten und nettesten von allen Arrestanten erwähnte, was er auch in der Tat war. Wir waren schon flüchtig bekannt. Petrow half mir sogar beim Auskleiden, was bei mir, da ich nicht die Übung hatte, sehr lange dauerte; im Vorraume war es aber fast so kalt wie im Freien. Das Auskleiden ist für den Sträfling übrigens sehr schwierig, solange er es noch nicht gelernt hat. Erstens muß man die Unterfesseln aufzuschnüren verstehen. Es sind Lederstücke von etwa vier Werschok Länge, die über der Wäsche, direkt unter dem Eisenringe getragen werden, der das Bein umfaßt. Ein Paar davon kostet nicht weniger als sechzig Kopeken, und doch schafft sich jeder Sträfling diese Unterfesseln an, selbstverständlich auf eigene Kosten, denn ohne sie ist es ganz unmöglich zu gehen. Der Eisenring umfaßt das Bein nicht vollkommen, und zwischen dem Ring und dem Bein bleibt ein Zwischenraum, durch den man einen Finger stecken kann; das Eisen schlägt daher gegen das Bein und reibt es so, daß der Sträfling ohne diese Vorrichtung sich schon am ersten Tage Wunden am Fleische zuzieht. Aber das Ablegen dieser Unterfesseln ist noch nicht das Schwerste. Viel schwerer ist es zu lernen, unter den Fesseln die Wäsche auszuziehen. Das ist ein schwieriges Kunststück. Nachdem man die Wäsche, sagen wir, vom linken Bein abgestreift hat, muß man sie erst zwischen dem Beine und dem Fesselring durchziehen, dann das Bein frei machen und die Wäsche wieder durch den gleichen Ring durchziehen; darauf muß man die ganze vom linken Beine abgezogene Wäsche durch den rechten Ring durchziehen, das rechte Bein befreien und die gleiche Operation am rechten Ringe wiederholen. Ein Neuling kann sogar schwerlich dahinterkommen, wie es zu machen ist. Zum ersten Male zeigte es mir in Tobolsk der Arrestant Korenew, ein ehemaliger Räuberhauptmann, der fünf Jahre an der Kette saß. Die Arrestanten sind es schon gewohnt und besorgen es ohne jede Schwierigkeit. Ich gab Petrow einige Kopeken, damit er Seife und einen Bastwisch kaufe; die Arrestanten bekamen allerdings auch von der Obrigkeit ein Stück Seife geliefert, so groß wie eine Zweikopekenmünze und so dick wie eine Käsescheibe, wie sie bei Leuten aus dem Mittelstande zum Abendessen verabreicht wird. Die Seife wurde im gleichen Vorraum zugleich mit Kräutertee, Semmeln und heißem Wasser feilgeboten. Jeder Arrestant bekam gemäß der Abmachung der Zuchthausverwaltung mit dem Besitzer der Badeanstalt nur einen Holzeimer heißes Wasser, der ihm durch ein zu diesem Zwecke eigens angebrachtes Fensterchen aus dem Vorraum in den eigentlichen Baderaum gereicht wurde. Petrow entkleidete mich und führte mich sogar am Arm, da er merkte, daß das Gehen in den Fesseln mir sehr schwer fiel. »Ziehen Sie sie hinauf, auf die Waden,« sagte er, mich wie ein Kinderwärter stützend; »Hier müssen Sie aber acht geben, hier ist eine Schwelle.« Ich genierte mich sogar ein wenig; ich wollte Petrow versichern, daß ich auch allein gehen könne, aber er würde es nicht glauben. Er behandelte mich ganz wie ein unmündiges, ungeschicktes Kind, dem jeder zu helfen verpflichtet ist. Petrow war dabei durchaus keine Dienernatur; hätte ich ihn irgendwie beleidigt, so hätte er schon gewußt, wie mit mir zu verfahren. Bezahlung für seine Hilfe hatte ich ihm gar nicht versprochen, auch hatte er um eine solche nicht gebeten. Was bewog ihn nun, sich meiner so anzunehmen?