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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Lutschka hatte zwar sechs Menschen ermordet, aber im Zuchthause fürchtete ihn niemand, obwohl er vielleicht vom ganzen Herzen wünschte, als ein schrecklicher Mensch zu gelten.

IX

Issai Fomitsch – Das Dampfbad Bakluschins

Erzählung

Das Weihnachtsfest stand vor der Tür. Die Arrestanten erwarteten es in einer eigentümlichen feierlichen Stimmung, und wenn ich sie sah, erwartete auch ich etwas Außergewöhnliches. Vier Tage vor dem Fest führte man uns ins Bad. Zu meiner Zeit, besonders in den ersten Jahren, wurden die Arrestanten nur selten ins Bad geführt. Alle freuten sich darüber und machten ihre Vorbereitungen. Es wurde dafür der Nachmittag bestimmt, und an diesem Nachmittag wurde nicht mehr gearbeitet. In unserer Kaserne freute sich am meisten und zeigte die größte Aufregung der jüdische Zuchthäusler, Issai Fomitsch Bumstein, den ich schon im vierten Kapitel meiner Erzählung erwähnt habe. Er liebte es, im Dampfbade bis zur Stumpfsinnigkeit, bis zur Bewußtlosigkeit zu schwitzen, und sooft ich jetzt, die alten Erinnerungen durchnehmend, an unser Dampfbad (welches Wohl verdient, nicht vergessen zu werden) zurückdenke, so tritt in den Vordergrund des Bildes sofort das Gesicht des glückseligsten und unvergeßlichen Issai Fomitsch, meines Zuchthausgenossen und des Mitbewohners der gleichen Kaserne. Mein Gott, was war er doch für ein spaßiger und drolliger Mensch! Über sein Äußeres habe ich schon einige Worte gesagt: er war an die fünfzig Jahre alt, schwächlich, voller Runzeln, mit schrecklichen Brandmalen an der Stirn und an den Wangen, schmächtig, mager, mit der weißen Hautfarbe eines Hühnchens. Sein Gesichtsausdruck zeigte eine ständige, unerschütterliche Selbstzufriedenheit und Seligkeit. Er schien gar nicht zu bedauern, ins Zuchthaus geraten zu sein. Da er von Beruf Juwelier war und es in der Stadt keinen Juwelier gab, arbeitete er ununterbrochen für die städtischen Herrschaften und die Beamten, ausschließlich in seinem Beruf. Dafür bekam er doch irgendeine Bezahlung. Er litt keine Not, lebte sogar reich, legte aber das Geld zurück und verlieh es gegen Pfand und Zinsen im ganzen Zuchthause. Er besaß einen eigenen Samowar, eine gute Matratze, Tassen und ein vollständiges Eßgeschirr. Die Juden in der Stadt versagten ihm nicht ihren Schutz und ihre Freundschaft. An Sonnabenden ging er unter Bewachung in die städtische Betstube (was vom Gesetz gestattet ist) und lebte vergnügt und munter, übrigens mit Ungeduld auf die Absolvierung seiner zwölfjährigen Strafzeit wartend, um »heiraten« zu können. In ihm war ein komisches Gemisch von Naivität, Dummheit, Verschlagenheit, Frechheit, Einfalt, Schüchternheit, Prahlsucht und Unverschämtheit. Ich wunderte mich sehr darüber, daß die Zuchthäusler über ihn gar nicht lachten und sich nur ab und zu ein Späßchen erlaubten. Issai Fomitsch diente offenbar allen zum Zeitvertreib und zur Unterhaltung. »Er ist unser Einziger, rührt Issai Fomitsch nicht an,« pflegten die Arrestanten zu sagen. Issai Fomitsch selbst begriff zwar den Sachverhalt, war aber auf seine Bedeutung sichtlich stolz, was den Arrestanten viel Spaß machte. Seine Ankunft im Zuchthause spielte sich auf eine höchst komische Weise ab (er war vor meiner Zeit gekommen, aber man berichtete es mir). An einem Spätnachmittag, nach Feierabend verbreitete sich plötzlich im Zuchthause das Gerücht, daß soeben ein Jude eingetroffen sei; er werde eben in der Hauptwache rasiert und müsse jeden Augenblick erscheinen. Im Zuchthause gab es damals noch keinen einzigen Juden. Die Arrestanten erwarteten ihn mit Ungeduld und umdrängten ihn sofort, als er durchs Tor hereintrat. Der Unteroffizier führte ihn in die Zivilabteilung und zeigte ihm seinen Platz auf der Pritsche. Issai Fomitsch hielt in den Händen einen Sack mit den ihm ausgefolgten ärarischen sowie seinen eigenen Sachen. Er legte den Sack hin, stieg auf die Pritsche und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen, ohne es zu wagen, jemand anzuschauen. Rings um ihn herum ertönte Lachen und wurden Zuchthauswitze gemacht, die sich auf seine jüdische Abstammung bezogen. Plötzlich drängte sich durch die Menge ein junger Arrestant mit seiner ältesten, schmutzigen und zerrissenen Sommerhose und einem Paar ärarischer Fußlappen in der Hand. Er setzte, sich neben Issai Fomitsch und klopfte ihn auf die Schulter.

»Na, lieber Freund, ich warte hier schon auf dich das sechste Jahr. Da, schau, was gibst du mir dafür?«

Und er breitete vor ihm die mitgebrachten Lumpen aus.

Als Issai Fomitsch, der bei seinem Eintritt ins Zuchthaus dermaßen verängstigt war, daß er nicht mal wagte, die Augen zu dieser Menge spöttischer, verunstalteter und schrecklicher Gesichter, die ihn umdrängten, aufzuheben und vor Angst noch kein Wort gesprochen hatte, das Pfand erblickte, fuhr er plötzlich zusammen und begann die Lumpen schnell mit den Fingern zu betasten. Er hielt sie sogar gegen das Licht. Alle warteten, was er wohl sagen würde.

»Nun, einen Silberrubel wirst du mir dafür Wohl nicht geben? Aber sie sind es wahrhaftig wert!« fuhr der Pfandgeber fort, indem er Issai Fomitsch zublinzelte.

»Einen Silberrubel kann ich nicht geben, aber sieben Kopeken.«

Das waren die ersten Worte, die Issai Fomitsch im Zuchthause sprach. Alle kugelten sich vor Lachen.

»Sieben! Gut, gib wenigstens sieben her; es ist dein Glück! Paß auf, heb das Pfand gut auf, du haftest mir dafür mit deinem Kopf.«

»Die Zinsen machen drei Kopeken, im ganzen sind es also zehn Kopeken,« fuhr der Jude mit stockender und zitternder Stimme fort, indem er die Hand in die Tasche steckte und die Arrestanten ängstlich musterte. Er hatte furchtbare Ängste wollte aber zugleich auch das Geschäft machen.

»Drei Kopeken Zinsen fürs Jahr?«

»Nein, nicht fürs Jahr, sondern für den Monat.«

»Hart bist du, Jude. Wie heißt du?« »Issai Fomitsch.«

»Na, Issai Fomitsch, du wirst es bei uns weit bringen! Leb wohl.«

Issai Fomitsch sah sich das Pfund noch einmal an, legte es zusammen und steckte es vorsichtig in seinen Sack, unter dem anhaltenden Gelächter der Arrestanten.

Alle schienen ihn wirklich gerne zu mögen, und niemand tat ihm was zu Leide, obwohl fast alle bei ihm verschuldet waren. Er selbst war harmlos wie eine Henne, und als er sah, daß alle ihm geneigt waren, erlaubte er sich sogar manche Frechheit, tat es aber so komisch und einfältig, daß man ihm immer verzieh. Lutschka, der in seinem Leben viel mit Juden zusammengekommen war, neckte ihn oft, doch nicht aus Haß, sondern nur zur Unterhaltung, wie man sich mit einem Hündchen, einem Papagei, einem zahmen Tierchen usw. unterhält. Issai Fomitsch wußte es sehr gut, nahm nichts übel und parierte die Witze sehr geschickt mit ähnlichen.

»Paß auf, Jud, ich verprügele dich noch!«

»Schlägst du mich einmal, so schlage ich dich zehnmal,« antwortete Issai Fomitsch tapfer.

»Verfluchter Grindkopf!«

»Von mir aus Grindkopf.«

»Krätziger Jud!«

»Von mir aus auch das. Bin zwar krätzig, aber reich; habe Geld.«

»Hast Christus verkauft.«

»Von mir aus auch das.«

»Bravo, Issai Fomitsch, bist ein tapferer Kerl! Rührt ihn nicht an, er ist ja unser Einziger!« schrien die Arrestanten lachend.

»Du, Jud, wirst die Knute bekommen und nach Sibirien gehen.«

»Ich bin auch so schon in Sibirien.«

»Man wird dich noch weiter verschicken.« »Gibt es dort den lieben Gott?«

»Den lieben Gott gibt es dort wohl.«

»Dann ist's mir gleich. Wenn es nur den lieben Gott gibt und man Geld hat, so ist es überall gut.«

»Ein tapferer Kerl, Issai Fomitsch, bravo!« schrien alle ringsum. Issai Fomitsch sah zwar, daß man sich über ihn lustig machte, fühlte sich aber ermutigt.

Das allgemeine Lob machte ihm offenbar Vergnügen, und er begann dann mit seiner dünnen Diskantstimme, so daß man es in der ganzen Kaserne hörte, zu singen: La-la-la-la-la! Es war eine komische Melodie, das einzige Lied ohne Worte, das er während seiner ganzen Zuchthauszeit sang. Als er mich später näher kennenlernte, schwor er mir, daß es dasselbe Lied und dieselbe Melodie sei, die alle die sechshunderttausend Juden groß und klein beim Durchzuge durch das Rote Meer gesungen hätten, und daß es jedem Juden befohlen sei, dieses Lied im Augenblicke des Triumphes und des Sieges über seine Feinde zu singen.

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