Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Man begann zu essen. Das Ferkel Akim Akimytschs war vorzüglich durchgebraten. Nun kam etwas, was ich unmöglich erklären kann: sofort nach dem Weggange des Platzmajors, höchstens fünf Minuten darauf, machte sich eine außerordentliche Anzahl von Betrunkenen bemerkbar, wahrend fünf Minuten vorher alle nüchtern waren. Man sah auf einmal viele rote und strahlende Gesichter und hörte Balalaikas. Der kleine Pole mit der Geige ging schon hinter einem Bummelnden her, der ihn für den ganzen Tag gemietet hatte, um lustige Tänze aufzuspielen. Die Gespräche wurden immer lauter und trunkener. Aber man beendete das Mittagessen ohne besondere Zwischenfälle. Alle waren satt. Viele von den Älteren und Solideren legten sich sofort schlafen; unter diesen war auch Akim Akimytsch, der es anscheinend für eine Vorschrift hielt, an einem großen Feiertage ein Nachmittagsschläfchen zu halten. Der Greis von den Staroduber Altgläubigen stieg, nachdem er eine Weile geschlafen hatte, auf den Ofen, schlug sein Buch auf und betete ununterbrochen bis tief in die Nacht hinein. Es war ihm schwer, diese »Schande«, wie er den allgemeinen lustigen Zeitvertreib der Arrestanten nannte, mitanzusehen. Alle Kaukasier saßen auf den Stufen vor dem Flur und beobachteten mit Interesse, zugleich auch mit einem gewissen Abscheu unsere Betrunkenen. Ich begegnete Nurra. »Jaman, nicht schön!« sagte er, den Kopf schüttelnd, mit frommer Entrüstung: »Ach, jaman! Allah wird böse sein!« Issai Fomitsch zündete trotzig und hochmütig in seinem Winkelchen ein Licht an und begann zu arbeiten, wohl um uns zu zeigen, daß er diesen Feiertag für nichts achte. An verschiedenen Stellen taten sich die Maidans auf. Vor den Invaliden hatte man keine Angst, und für den Fall des Erscheinens des Unteroffiziers, der sich übrigens selbst Mühe gab, nichts zu sehen, stellte man Wachen aus. Der Wachoffizier sah an diesem Tage an die drei Mal ins Zuchthaus hinein. Aber bei seinem Erscheinen versteckten sich die Betrunkenen und verschwanden die Maidans; auch er selbst schien wohl an diesem Tage kleinere Vergehen nicht beachten zu wollen. Betrunkenheit galt an diesem Tage als ein kleines Vergehen. Die Leute kamen allmählich in Stimmung. Es begannen Streitigkeiten. Die Nüchternen waren immer noch in der Mehrheit, also gab es genug Leute, um auf die Betrunkenen aufzupassen. Dafür tranken die anderen ohne jedes Maß. Gasin triumphierte. Er spazierte mit selbstzufriedener Miene vor seinem Platz auf der Pritsche auf und ab, unter die er ganz frech den Branntwein geschafft hatte, der bis dahin in einem geheimen Ort, irgendwo im Schnee hinter der Kaserne versteckt gewesen war, und lächelte schlau, die an ihn herantretenden Kunden musternd. Er selbst war nüchtern und hatte keinen Tropfen getrunken. Er hatte die Absicht, mit dem Bummeln erst am Ende des Festes zu beginnen, nachdem er sich das Geld aller Sträflinge angeeignet haben würde. In den Kasernen tönten Lieder. Die Trunkenheit ging schon in Katzenjammer über, und die Lieder waren nahe daran, in Weinen überzugehen. Viele gingen mit ihren eigenen Balalaikas, die Pelze lose über die Schultern geworfen, umher und klimperten mit herausfordernder Miene. In der Besonderen Abteilung hatte sich sogar ein Chor aus acht Mann gebildet. Sie sangen schön mit der Begleitung von Balalaikas und Gitarren. Echte Volkslieder wurden nur wenig gesungen. Ich kann mich nur auf eines besinnen, das mit schönem Schwung vorgetragen wurde:
Abends gab's zu Haus
Einen großen Schmaus.
Hier hörte ich eine neue Variante dieses Liedes, die ich vorher nicht gekannt hatte. Am Ende des Liedes wurden noch einige Verse hinzugefügt:
Denn ich, junge Frau,
Nehm' es sehr genau:
Wusch die Löffel aus,
Machte Suppe draus,
Schabte den Türstock ab,
Was Pasteten gab.
Sonst sang man zum größten Teil die sogenannten Arrestantenlieder, übrigens lauter bekannte. Das eine von ihnen, betitelt »Es war einmal«, war humoristisch und handelte davon, wie der Mensch sich früher als großer Herr in der Freiheit vergnügt hatte und dann ins Zuchthaus geraten war. Es wurde darin geschildert, wie er vorher sein »Blancmanger mit Champagner« zu versüßen pflegte, aber jetzt:
Eß ich auch Kohl mit kaltem Wasser
Mit allergrößtem Appetit.
Verbreitet war auch folgendes allzu bekannte Lied:
Vormals lebt' ich junger Bursche selig,
Hatte ja ein Sümmchen noch.
Doch das Kapital verschwand allmählich,
Und so kam ich denn ins Loch.
Nur wurde bei uns das Wort »Kapital« – »Kopital« ausgesprochen, da man es von »kopitj« (sparen) ableitete. Man hörte auch traurige Lieder. Eines davon war ein echtes Arrestantenlied, das, wie ich glaube, ebenfalls bekannt ist:
Wenn sich färbt die Himmelsweite
Und die Trommel wirbelt grell,
Sperrt die Tür auf der Gefreite,
Ruft der Schreiber zum Appell.
Freilich, man erblickt uns nimmer
Hinter Mauern starr und breit.
Aber Gott, der Herr der Himmel,
Sorgt auch hier für uns allzeit!
Ein anderes Lied war noch trauriger, hatte übrigens eine sehr schöne Melodie und war wohl von irgendeinem Verschickten verfaßt worden; der Text war süßlich und stümperhaft gemacht. Mir sind davon einige Verse in Erinnerung geblieben:
Nie schaut mein Blick die Heimat mehr,
Nie komm ich mehr dahin;