Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
»Wohl bei einer Gevatterin.«
»Wie war es nun mit dem Major?« fragte der ganz vergessene Kobylin.
Lutschka hatte nur darauf gewartet. Aber er fuhr in seiner Erzählung nicht sogleich fort und schenkte Kobylin scheinbar keine Beachtung. Er ordnete ruhig den Faden, wechselte ruhig und träge die Beinstellung und begann endlich zu sprechen:
»Schließlich brachte ich meine Kleinrussen doch in Aufruhr, sie verlangten nach dem Major. Ich hatte mir aber schon des Morgens von meinem Nachbarn ein Messer geben lassen und es für jeden Fall versteckt. Der Major ist in Wut geraten und kommt gefahren. ›Jetzt,‹ sage ich, ›nur nicht feig sein, ihr Kleinrussen!‹ Ihnen ist aber schon das Herz in die Hosen gefallen, sie zittern nur so! der Major kommt hereingestürzt, ist ganz betrunken. ›Wer will was?! Was ist los?! Ich bin euer Zar und Gott!‹
»Wie er das sagt: ›Ich bin euer Zar und Gott,‹ da trete ich vor,« fuhr Lutschka fort, »dabei habe ich das Messer im Ärmel.
›Nein‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren,‹ rücke aber dabei immer näher heran, ›wie ist es bloß möglich,‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren, daß Sie unser Zar und Gott seien?‹
›Ach so, du bist also der Aufrührer!‹ schrie der Major auf.
›Nein,‹ sage ich (rücke aber dabei immer näher heran), ›nein,‹ sage ich, ›Euer Hochwohlgeboren, es gibt, wie es Ihnen selbst vielleicht bekannt ist, nur einen allmächtigen und allgegenwärtigen Gott,‹ sage ich. ›Auch haben wir nur einen Zaren, den Gott selbst über alle gesetzt hat. Er ist, Euer Hochwohlgeboren,‹ sage ich ihm, ›Monarch. Sie aber, Euer Hochwohlgeboren,‹ sage ich ihm, ›sind erst Major, unser Vorgesetzter, Euer Hochwohlgeboren, durch die Gnade des Zaren,‹ sage ich, ›und wegen Ihrer Verdienste.‹
›Wie, wie, wie, wie!‹ gackert er; er kann gar nicht reden, er kocht nur so. So erstaunt war er.
›Ja, es ist so,‹ sage ich ihm und stürze mich plötzlich auf ihn und stoße ihm das ganze Messer in den Bauch. Ich hatte gut gezielt. Er rollte zu Boden und zappelte mit den Beinen. Ich warf das Messer weg.
›Paßt auf,‹ sage ich, ›ihr Kleinrussen, hebt ihn jetzt auf!‹ «
Hier muß ich eine Bemerkung einschalten. Leider waren solche Ausdrücke wie »Ich bin Zar und Gott« und viele ähnliche in früheren Zeiten bei vielen Vorgesetzten in großem Gebrauch. Ich muß bemerken, daß von diesen Vorgesetzten nur sehr wenige übriggeblieben sind, vielleicht gibt es sie überhaupt nicht mehr. Ich muß ferner sagen, daß mit derartigen Ausdrücken vorwiegend solche Offiziere zu prahlen liebten, die sich von dem niedersten Range hinaufgedient hatten. Der Offiziersrang drehte gleichsam ihr ganzes Inneres um und zugleich den Kopf. Nachdem sie selbst lange genug gedient und alle Stufen der Abhängigkeit durchgemacht hatten, sahen sie sich plötzlich als Offiziere, Vorgesetzte und Adlige und übertrieben daher im ersten Rausche jede Vorstellung von ihrer Gewalt und Bedeutung; natürlich nur im Verkehr mit den ihnen Untergebenen. Den Höheren gegenüber benahmen sie sich aber nach wie vor unterwürfig, was vollkommen überflüssig und vielen Vorgesetzten sogar widerlich war. Manche von diesen Unterwürfigen erklärten sogar ihren höheren Vorgesetzten mit besonderer Rührung, daß sie ehemalige Gemeine seien; nun seien sie zwar Offiziere, würden aber »immer an die ihnen gebührende Stellung denken«. Aber gegen die Untergebenen benahmen sie sich wie unbeschränkte Herrscher. Natürlich wird man jetzt kaum noch einen finden, der schrie: »Ich bin Zar und Gott.« Ich muß aber trotzdem bemerken, daß die Arrestanten wie überhaupt die Niedrigstehenden durch nichts so sehr aufgebracht werden wie durch solche Ausdrücke aus dem Munde der Vorgesetzten. Diese freche Selbstüberhebung, diese übertriebene Vorstellung von seiner Straflosigkeit erzeugt selbst im gehorsamsten Menschen Haß und bringt seine Geduld zum Reißen. Glücklicherweise wurde dieses Benehmen, das heute nicht mehr vorkommt, selbst in alten Zeiten von der Obrigkeit streng geahndet. Ich weiß einige Beispiele dafür.
Überhaupt werden die Untergebenen durch jede hochmütige Nachlässigkeit im Benehmen gegen sie gereizt. Viele glauben z. B., daß es genüge, den Arrestanten gut zu verpflegen und alle diesbezüglichen Vorschriften zu erfüllen. Diese Ansichten sind irrig. Ein jeder, wer und wie tief erniedrigt er auch sei, verlangt, wenn auch instinktiv und unbewußt, Achtung vor seiner Menschenwürde. Der Arrestant weiß ja selbst, daß er ein Arrestant und ein Ausgestoßener ist, und kennt seine Stellung den Vorgesetzten gegenüber; man kann ihn aber durch keinerlei Brandmale, durch keinerlei Ketten zwingen, zu vergessen, daß er ein Mensch ist. Da er aber wirklich ein Mensch ist, so soll man ihn auch menschlich behandeln. Mein Gott! Die menschliche Behandlung kann sogar einen solchen zum Menschen machen, in dem das Ebenbild Gottes schon längst getrübt ist. Diese »Unglücklichen« soll man eben am menschlichsten behandeln. Das ist für sie eine Freude und eine Rettung. Ich traf schon solche gutherzigen, edlen Vorgesetzten. Ich sah auch den Einfluß, den sie auf diese Erniedrigten hatten. Es genügten einige freundliche Worte, um die Arrestanten moralisch zu einem neuen Leben zu erwecken. Sie freuten sich dann wie die Kinder und begannen wie Kinder zu lieben. Ich will noch eine Eigentümlichkeit erwähnen: die Arrestanten selbst mögen keine allzu familiäre und allzu gutmütige Behandlung durch die Vorgesetzten. Sie wollen vor dem Vorgesetzten Respekt haben, so hört aber jeder Respekt auf. Der Arrestant sieht es z. B. gern, wenn sein Vorgesetzter Orden hat, wenn er stattlich ausschaut und sich der Gunst eines höheren Vorgesetzten erfreut; er muß streng, wichtig und gerecht sein und seine Würde wahren. Solche Vorgesetzten werden von den Arrestanten bevorzugt; so einer wahrt seine eigene Würde, tut dabei ihnen nichts zu Leide, also ist alles schön und gut.
»Dafür hat man dir wohl ordentlich eingeheizt?« fragte Kobylin ruhig.
»Hm, eingeheizt hat man mir wohl gehörig. Alej, gib mal die Schere her! Warum gibt es heute keinen Maidan, Brüder?«
»Wir haben neulich alles vertrunken,« erwiderte Wassja. »Hätten wir nicht alles vertrunken, so gäbe es wohl den Maidan.«
»Wenn! Für das Wenn zahlt man in Moskau hundert Rubel,« bemerkte Lutschka.
»Was hast du nun für das Ganze gekriegt?« fragte Kobylin wieder.
»Hundertundfünf, lieber Freund. Aber das will ich euch sagen, Brüder: um ein Haar hätten sie mich totgeschlagen,« antwortete Lutschka, sich wieder von Kobylin an alle wegwendend. »Als sie mir diese hundertundfünf zudiktiert hatten, führte man mich in voller Parade hinaus. Ich hatte aber bis dahin noch nie die Knute gekostet. Eine Menge Volk lief zusammen, die ganze Stadt war dabei: es hieß, man werde einen schweren Verbrecher, einen Mörder knuten. So dumm ist dieses Volk, daß ich es gar nicht sagen kann. Der Henker zog mich aus, legte mich hin und sagte: ›Obacht, es brennt!‹ Ich warte, was wohl kommen wird. Wie er mir den ersten Hieb gab, schrie ich nicht mal, ich riß wohl den Mund auf, konnte aber nicht schreien. Die Stimme versagte mir eben. Beim zweiten Hieb, ob ihr es mir glaubt oder nicht, hörte ich nicht mal, wie er ›zwei‹ zählte. Wie ich zu mir kam, hörte ich ihn ›siebzehn‹ zählen. Vier mal nahmen sie mich vom Bock, ließen mich eine halbe Stunde verschnaufen und begossen mich mit Wasser. Ich glotze alle an und denke mir: ›Gleich sterbe ich!‹ «
»Bist aber nicht gestorben?« fragte Kobylin naiv.
Lutschka musterte ihn mit einem äußerst verächtlichen Blick. Alle lachten.
»Ist das ein Klotz!«
»Bei ihm ist's im Oberstübchen nicht richtig,« bemerkte Lutschka, als bereute er, daß er sich mit einem solchen Menschen ins Gespräch eingelassen hatte.
»Es fehlt ihm eben an Verstand,« bestätigte Wassja.