Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Endlich brach dieser Morgen an. Ganz in der Frühe, gleich nach dem Trommelschlag wurden die Kasernen aufgeschlossen, und der wachhabende Unteroffizier, der die Arrestanten nachzuzählen hatte, beglückwünschte alle zum Feste. Man erwiderte seinen Glückwunsch freundlich und höflich. Nachdem Akim Akimytsch in aller Eile gebetet hatte, lief er gleich allen andern, die in der Küche ihre eigenen Gänse und Ferkel hatten, hin, um nachzuschauen, was mit ihnen geschähe, wie sie gebraten würden, wo sich jeder Braten befinde usw. In der Dunkelheit konnte man durch die kleinen schneeverwehten und eingefrorenen Fenster unserer Kaserne sehen, wie in den beiden Küchen, in allen sechs Öfen ein helles Feuer loderte, das schon vor Tagesanbruch angezündet worden war. Über den Hof huschten schon im Dunkeln viele Arrestanten in ihren Pelzröcken, die sie teils richtig angezogen und teils lose über die Schultern geworfen hatten, und alles drängte sich nach der Küche. Einige Arrestanten, übrigens sehr wenige, hatten schon Zeit gehabt, die Branntweinverkäufer aufzusuchen. Das waren die ungeduldigsten. Im allgemeinen benahmen sich aber alle anständig, ruhig und ungewöhnlich solid. Man hörte weder das gewohnte Geschimpfe, noch die gewohnten Streitigkeiten. Alle begriffen, daß es ein großer Tag und ein hohes Fest sei. Manche waren in die andern Kasernen gegangen, um ihre Bekannten zu beglückwünschen. Es zeigte sich sogar etwas wie Freundschaft. Hier will ich nebenbei bemerken: unter den Arrestanten ließ sich nichts von freundschaftlichen Beziehungen wahrnehmen; ich spreche schon gar nicht von einem freundschaftlichen Zusammenhalten aller, aber es kam auch nicht vor, daß sich ein Arrestant mit einem anderen befreundete. Das kam fast niemals vor, und diese Erscheinung ist höchst eigentümlich: in der Freiheit ist es anders. Bei uns waren überhaupt alle im Umgange miteinander, von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen, trocken und kühl, und dies war ein gleichsam offizieller, ein für allemal eingeführter Ton. Auch ich trat aus der Kaserne ins Freie; es fing kaum zu tagen an, die Sterne erloschen, ein feiner Dampf stieg in die frostige Luft. Aus den Schornsteinen der Küchen erhoben sich Rauchsäulen. Einige von den Arrestanten, denen ich begegnete, gratulierten mir freundlich und mit großer Lust zum Fest. Ich dankte und erwiderte ihre Glückwünsche. Unter diesen Arrestanten gab es auch solche, die mit mir bisher den ganzen Monat noch kein Wort gesprochen hatten.
Dicht vor der Küche holte mich ein Arrestant aus der Militärabteilung in einem lose um die Schultern geworfenen Schafpelz ein. Er hatte mich schon von weitem erkannt und rief mir zu: »Alexander Petrowitsch! Alexander Petrowitsch!« Er lief nach der Küche und hatte große Eile. Ich blieb stehen und wartete auf ihn. Es war ein junger Bursch mit rundem Gesicht und sanften Augen, der auch sonst mit keinem Menschen sprach, mit mir aber seit meinem Eintritte ins Zuchthaus kein Wort gewechselt und mir überhaupt nicht die geringste Beachtung geschenkt hatte; ich wußte nicht mal, wie er hieß. Er lief ganz atemlos auf mich zu, blieb dicht vor mir stehen und sah mich mit einem blöden und zugleich glückseligen Lächeln an.
»Was wünschen Sie?« fragte ich ihn nicht ohne Erstaunen, als ich sah, wie er vor mir stand, lächelte, mich anstarrte, aber kein Wort sagte.
»Heut ist ja Feiertag...« murmelte er. Da er nun selbst merkte, daß er mir sonst nichts zu sagen hatte, ließ er mich stehen und lief eilig in die Küche.
Ich will hier bemerken, daß ich mit ihm auch später nie wieder zusammenkam und bis zu meinem Austritt aus dem Zuchthause kein Wort mehr wechselte.
In der Küche herrschten bei den glühenden Öfen ein Getue und ein Gedränge. Ein jeder gab auf sein Eigentum acht; die »Köchinnen« machten sich eben daran, das amtliche Zuchthausessen zu kochen, da das Mittagessen an diesem Tage für eine frühere Stunde angesetzt war. Übrigens fing noch niemand zu essen an, obwohl manche große Lust dazu hatten, aber man mußte doch den Anstand den andern gegenüber wahren. Man wartete auf den Geistlichen, um erst nach seinem Besuch von den Fleischspeisen zu genießen. Indessen, es war noch nicht ganz Tag geworden, erklangen jeden Augenblick vom Tore des Zuchthauses her die Rufe des Gefreiten: »Die Köche her!« Diese Rufe ertönten jeden Augenblick, und so ging es an die zwei Stunden lang. Die Köche wurden aus der Küche herausgerufen, um die von allen Enden der Stadt ins Zuchthaus zusammenströmenden Gaben in Empfang zu nehmen. Man brachte eine außerordentliche Menge davon in Form von Semmeln, Broten, Käsekuchen, Fladen, Pfannkuchen und sonstigem Buttergebäck. Ich glaube, es gab in der ganzen Stadt, in keinem Kaufmanns- oder Kleinbürgershause auch nur eine Hausfrau, die uns nicht etwas von ihrem Gebäck geschickt hätte, um den »Unglücklichen« und Gefangenen zum hohen Feste Glück zu wünschen. Es waren darunter auch sehr üppige Gaben – feinstes Gebäck aus reinstem Mehl in größter Menge. Andere Gaben waren dagegen ärmlich: irgendeine Semmel im Werte von einer halben Kopeke oder zwei kaum mit Sahne bestrichene Fladen; das waren Gaben, die ein Armer aus seinem letzten Besitz einem andern Armen spendete. Alles wurde mit der gleichen Dankbarkeit ohne Ansehen der Gaben und der Person der Schenkenden angenommen. Die Arrestanten, die die Sachen in Empfang nahmen, zogen die Mützen, verbeugten sich, gratulierten zum Feste und trugen die Gaben in die Küche. Als sich dort ganze Berge von dem gespendeten Gebäck angesammelt hatten, wurden die Stubenältesten aus jeder Kaserne berufen, und diese verteilten alles gleichmäßig unter allen Kasernen. Dabei gab es weder Streit, noch Geschimpfe; man erledigte die Sache ehrlich und gerecht. Alles, was auf unsere Kaserne kam, wurde schon bei uns verteilt; die Verteilung besorgten Akim Akimytsch und noch ein anderer Arrestant; sie verteilten alles mit eigener Hand und gaben einem jeden mit eigener Hand seinen Teil. Es gab nicht die geringsten Zeichen von Unzufriedenheit oder Neid; alle waren befriedigt; ein Verdacht, daß eine Gabe unterschlagen oder ungerecht verteilt worden sei, konnte überhaupt nicht aufkommen. Nachdem Akim Akimytsch seine persönlichen Angelegenheiten in der Küche erledigt hatte, begann er sich anzuziehen und tat es mit allem Anstand und großer Feierlichkeit, so daß auch nicht ein einziges Häkchen übersehen wurde. Als er mit dem Ankleiden fertig war, begann er mit dem eigentlichen Gebet. Das Gebet dauerte ziemlich lange. Viele Arrestanten, zum größten Teil ältere Leute, beteten schon. Die Jüngeren beteten nicht zu vieclass="underline" sie bekreuzigten sich höchstens beim Aufstehen, sogar an einem Feiertag. Nachdem Akim Akimytsch sein Gebet verrichtet hatte, ging er auf mich zu und beglückwünschte mich mit einiger Feierlichkeit zum Fest. Ich lud ihn sofort zum Tee ein, was er mit einer Einladung zum Ferkel beantwortete. Bald darauf kam auch Petrow herbeigelaufen, um mir zu gratulieren. Er hatte wohl schon etwas getrunken, kam zwar mit großer Hast herbeigestürzt, sagte aber nicht viel, sondern stand nur wie in Erwartung eine kurze Weile vor mir da und begab sich bald darauf in die Küche. Indessen bereitete man sich in der Militärkaserne zum Empfang des Geistlichen vor. Diese Kaserne hatte eine andere Einrichtung als die andern: die Pritschen waren in ihr längs der Wände und nicht mitten im Raume angeordnet, wie es in den anderen Kasernen war; es war die einzige Kaserne, die in der Mitte einen freien Raum hatte. Wahrscheinlich war sie absichtlich so eingerichtet, damit man im Bedarfsfalle in ihr die Arrestanten versammeln könne. In der Mitte des Raumes stellte man ein Tischchen auf, bedeckte es mit einem sauberen Handtuch, stellte ein Heiligenbild darauf und entzündete davor ein Lämpchen. Endlich kam der Geistliche mit dem Kreuze und dem Weihwasser. Nachdem er vor dem Heiligenbilde gebetet und gesungen hatte, stellte er sich vor den Arrestanten hin, und alle gingen mit aufrichtiger Andacht auf ihn zu, um das Kreuz zu küssen. Der Geistliche machte darauf eine Runde durch sämtliche Kasernen und besprengte sie mit Weihwasser. In der Küche lobte er unser Zuchthausbrot, das wegen seiner Güte in der ganzen Stadt berühmt war, und die Arrestanten äußerten sofort den Wunsch, ihm zwei frischgebackene Brote zu schicken; mit der Überbringung dieser Brote wurde sofort einer der Invaliden betraut. Dem Kreuz gab man mit der gleichen Andacht das Geleite, mit der man es empfangen hatte, und fast gleich darauf kamen der Platzmajor und der Kommandant. Der Kommandant genoß bei uns Liebe und Achtung. Er ging in Begleitung des Platzmajors durch alle Kasernen, gratulierte allen zum Fest, begab sich in die Küche und kostete von unserer Kohlsuppe. Die Kohlsuppe war vorzüglich; man hatte uns diesem Tage zu Ehren für sie fast ein ganzes Pfund Fleisch pro Mann gegeben. Außerdem war noch ein Hirsebrei vorbereitet, zu dem man genügend Butter ausgefolgt hatte. Als der Kommandant gegangen war, gab der Platzmajor den Befehl, mit dem Mittagessen zu beginnen. Die Arrestanten bemühten sich, ihm möglichst wenig unter die Augen zu kommen. Wir liebten nicht seinen bösen Blick unter der Brille hervor, mit dem er nach rechts und nach links ausspähte, ob es nicht irgendwo eine Unordnung gäbe, und ob er nicht einen Schuldigen erwischen könne.