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Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]

Электронная книга - «Schadrach im Feuerofen [Shadrach in the Furnace - de]». Краткое содержание книги:

Der 3. Weltkrieg wurde mit biologischen Waffen ausgetragen. Die Fäulnis, die Menschen bei lebendigem Leib verrotten lässt, grassiert auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende. Es gibt ein Serum, doch das ist teuer und nur den Privilegierten vorbehalten.
Die heutigen Machtblöcke der Erde sind zerstoben. Ein greiser Mongole regiert den Weltstaat, ein Tyrann, der sich für die Inkarnation Dschingis Khans und Maos zugleich hält. Sein erdumspannender Geheimdienstapparat ist allgegenwärtig; die Überwachung der Untertanen lückenlos. Er bestimmt, wer der Gnade teilhaftig wird, das Serum zu erhalten. Ein Entzug kommt dem Todesurteil gleich.
Schadrach Mordecai, ein junger Neger aus den ehemaligen USA, ist der Leibarzt des Tyrannen. Er ist persönlich für den Gesundheitszustand des Herrschers verantwortlich, dessen Körper zum größten Teil bereits aus Ersatzorganen besteht. Und Schadrach Mordecai weiß, daß bei den perfekten Sicherheitsmaßnahmen er der einzige Mensch auf der Welt ist, der Hand an das greise Monstrum legen könnte. Doch er ist auf besondere Weise mit dem Tyrannen verbunden: Die Schmerzen des Herrschers sind auch die seinen.
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Das hätte sie sehen müssen.

Eine Stunde nach der Begegnung mit Katja Lindman verfällt Schadrach auf eine weitere Möglichkeit. Katja Lindman hatte als die gute Schachspielerin, die sie ist, alle Konsequenzen ihres Tuns vorausgesehen. Erfährt Mangu die Wahrheit, so reagiert er, indem er seinen Körper auf diese oder jene Weise dem Zugriff des Vorsitzenden entzieht. Kein Mangu, und das Projekt Avatara erleidet einen schweren Rückschlag. Nicki Crowfoot, Katja Lindmans Rivalin, ist besiegt und entmutigt. Ihr Projekt, um viele Monate zurückgeworfen, verliert das Primat an Katja Lindmans Projekt Talos. Schadrach Mordechai, der sich auf unerklärliche Weise bereits von Nicki entfremdet hat, wird zwangsläufig ganz zu Katja hinübergezogen, deren Stern im Aufsteigen begriffen ist. Natürlich. Und der ganze Rest, Katjas vorbildliches Mitgefühl mit den glücklosen Opfern der Massenverhaftungen, Katjas Schaustellung von Kummer um den armen, betrogenen Mangu — alles Teil des Spiels. Schadrach schaudert. Selbst im rauen und unberechenbaren Klima, das in der Umgebung des Vorsitzenden herrscht, scheint ihm dies monströs, und Katja Lindman steht als eine verderbenbringende und fremdartige Gestalt vor seinem inneren Auge, hinreichend bösartig und verschlagen, um eine geeignete Partnerin für Dschingis Khan II. Mao abzugeben. Oder, wenn nicht eine Partnerin, dann jedenfalls ein passendes Gehäuse für den fintenreichen und brutalen Verstand des alten Ungeheuers. Ja! Einen Augenblick lang spielt Schadrach ernstlich mit dem Gedanken, dem Vorsitzenden Katja Lindmans Körper als Ersatz vorzuschlagen. Doch ein noch immer dunkles Motiv bereitet ihm weiter Kopfzerbrechen: Warum hat Katja Lindman ihm alles das enthüllt? Wenn sie ein so berechnendes Ungeheuer ist, würde sie dann nicht die Wahrscheinlichkeit einkalkuliert haben, daß er sie früher oder später als das erkennen würde, was sie ist? Könnte das am Ende ihr Ziel gewesen sein? Aber warum? Die Vielfalt der Spekulationen macht ihn schwindeln.

Er möchte sich Nicki zuwenden, aber sie zeigt sich weiterhin abweisend, und er hat seit zwei oder drei Tagen nicht mit ihr telefoniert. Nun ruft er sie unter dem Vorwand an, daß er sich über die Fortschritte des Projekts Avatara ins Bild setzen lassen möchte, aber auf der Mattscheibe der Sprechanlage erscheint einer ihrer Assistenten, ein Doktor Eis aus Frankfurt. Eis, ein klassischer Teutone mit blaßblauen Augen und weichem, goldblondem Haar, zeigt bei Schadrachs Anblick eine seltsame kleine Reaktion von Überraschung, Schrecken oder Abneigung, erholt sich aber rasch und begrüßt ihn mit kühler Höflichkeit.

»Kann ich Doktor Crowfoot sprechen?« fragt Schadrach.

»Ich bedaure, Doktor Crowfoot ist nicht hier. Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

»Wird sie am Nachmittag erreichbar sein?«

»Doktor Crowfoot kommt heute nicht mehr ins Labor, Doktor Mordechai.«

»Ich muß sie dringend sprechen.«

»Sie ist in ihrer Wohnung, Doktor. Eine Unpäßlichkeit. Sie hat darum gebeten, daß man sie nicht stört.«

»Sie ist krank? Was fehlt ihr denn?«

»Möglicherweise eine leichte Grippe. Fieber, Kopfschmerzen. Sie beauftragte mich, Ihnen zu sagen, wenn Sie anriefen, daß wir noch immer das Problem der Rekalibrierung studieren, und daß es darüber hinaus gegenwärtig nichts zu melden gibt.«

»Danke, Doktor Eis.«

»Bitte, Doktor Mordechai«, erwidert Eis knapp.

Schadrach unterbricht die Verbindung und wählt die Nummer von Nickis Wohnung. Nein. Er hat genug von Ausflüchten, Entschuldigungen und Verzögerungen. Er wird einfach zu ihr gehen und uneingeladen läuten.

Sie läßt ihn lange im Korridor stehen, bevor sie reagiert, obwohl sie wissen muß, wer draußen steht. Dann sagt sie: »Was willst du, Schadrach?«

»Eis sagte mir, du seist krank.«

»Es ist nichts Ernstes. Nur eine kleine Grippe oder eine Erkältung.«

»Darf ich hereinkommen?«

»Ich versuche ein bißchen zu schlafen, Schadrach.«

»Ich werde nicht lange bleiben.«

»Aber ich fühle mich wirklich nicht gut. Ich möchte lieber keine Besucher.«

Er ist im Begriff, sich von der Tür abzuwenden, doch obwohl er weiß, daß seine dickköpfige Beharrlichkeit ihm bei Nicki nicht weiterhilft, findet er es allzu schmerzlich, wieder fortzugehen, ohne sie gesehen zu haben. Er hört sich in die Türsprechanlage sagen: »Laß mich wenigstens sehen, ob ich dir was verschreiben kann, Nicki. Schließlich bin ich Arzt.«

Eine lange Stille folgt auf seine Worte. Er hofft verzweifelt, daß niemand vorbeikommen wird, der ihn kennt, damit sich nicht herumspricht, daß er wie ein liebeskranker Romeo draußen auf dem Korridor gestanden und um Einlaß gebettelt hat.

Endlich ertönt der Summer, und die Tür läßt sich aufdrücken.

Nicki liegt im Bett und sieht wirklich krank aus. Das Gesicht ist gerötet und fiebrig, die Augen sind trübe. Die Luft im Schlafzimmer ist muffig und verbraucht, eine typische Krankenzimmeratmosphäre. Er geht sofort zum Fenster, um es zu öffnen. Nicki zieht fröstelnd die Decke bis ans Kinn und bittet ihn, es nicht zu tun, aber er beachtet sie nicht. Als sie sich auf einen Ellbogen stützt, sieht er, daß sie unter der Decke nackt ist. »Ich werde dir einen Schlafanzug heraussuchen, wenn dich friert«, sagt er.

»Nein. Ich trage nicht gern Schlafanzüge.«

»Darf ich dich untersuchen?«

»Ich bin nicht so krank, Schadrach.«

»Trotzdem, ich würde mich gern vergewissern.«

»Denkst du vielleicht, ich hätte Organzersetzung?«

»Es kann nicht schaden, eine Diagnose zu stellen, Nicki. Das dauert nicht lange.«

»Ein Jammer, daß du meine Leiden nicht so diagnostizieren kannst, wie du es bei jenen des Vorsitzenden tust, indem du deine inneren Signalgeber abliest. Ohne mich stören zu müssen.«

»Das kann ich leider nicht«, sagt er. »Aber es dauert nur eine Minute.«

»Also gut.« Während dieses Gesprächs hat sie ihm nicht ein einziges Mal in die Augen gesehen, und das beunruhigt ihn. »Mach schon. Spiel Doktor mit mir, wenn du mußt.«

Er schlägt die Decke zurück und findet, daß es ihm seltsam peinlich ist, ihren Körper bloßzulegen, als habe ihre jüngste Entfremdung ihn irgendwie des traditionellen ärztlichen Vorrechts beraubt. Aber er hatte nie eine eigene Praxis; vom Krankenhausdienst trat er direkt in den Dienst des Vorsitzenden, so daß sich mit einigem Recht sagen läßt, daß er in seiner Karriere nur einen einzigen Patienten gehabt hat. Die Stellung eines Leibarztes bekam er seinerzeit durch den Umstand, daß er sich von Anfang an auf Gerontologie spezialisiert hatte. So ist es gekommen, daß er nie die professionelle Gleichgültigkeit des praktischen Arztes gegenüber menschlichem Fleisch entwickelt hat. Dies ist keine anonyme Patientin, dies ist Nicki Crowfoot, die er liebt, und ihr nackter Körper ist ihm mehr als ein Studienobjekt. Trotzdem gelingt es ihm, eine gewisse Unpersönlichkeit zu gewinnen, während er ihr den Puls fühlt, sie abhört, den Bauch abtastet und die übrigen Verrichtungen macht, die zur Routineuntersuchung gehören. Ihre Selbstdiagnose erweist sich als richtig: nur eine kleine Infektionsgrippe mit Fieber, nichts Besonderes. Viel Flüssigkeit, Ruhe, ein paar Pillen, und in einem oder zwei Tagen wird sie es überstanden haben.

»Zufrieden?« fragt sie spöttisch.

»Fällt es dir so schwer, dich mit der Tatsache abzufinden, daß ich mir Sorgen um dich mache, Nikki?«

»Ich sagte dir, daß mir nichts weiter fehlt.«

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