Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Wo ist er? Da vorne rennt er! Er darf nicht entkommen! Elender Dieb!«
Scapa keuchte, und doch stahl sich ein triumphierendes Lächeln auf seine Lippen, als er hörte, wie die Soldatenstimmen in der Ferne zurückblieben. Er schlitterte um eine Straßenecke, taumelte und musste sich mit der Hand auf dem Boden abstützen, um nicht der Länge nach hinzufallen.
Einen Augenblick später lief er schon weiter. Nun war es fast still um ihn herum. Das Blut, das ihm in den Ohren rauschte, übertönte bald schon die letzten Stimmen und Rufe. Fest drückte er seinen Leinenbeutel an die Brust. Er stolperte über ein paar lose Steine, die von einer Hausmauer abgebröckelt waren. Unsichtbarer Staub wirbelte auf und ließ Scapa husten. Ängstlich drehte er sich noch einmal um, ob jemand ihn gehört hatte – aber er entdeckte nichts außer den gewohnten Häusern, die wie schlummernd in der Dunkelheit lagen; nichts außer den Laternen und den engen Gässchen. Eine Rattenschar tummelte sich quiekend unter der nächsten Straßenlampe.
Scapa drehte sich um und schlich nun geduckt an den Hauswänden entlang. Die Straße war so schmal, dass er mit ausgestreckten Armen die gegenüberliegenden Mauern hätte berühren können. Hauseingänge öffneten sich links und rechts neben ihm wie gähnende Mäuler. Manche waren mit Vorhängen überspannt, durch die der matte Schein einer Öllampe drang. Das Klappern von Töpfen drang aus verriegelten Fensterchen, obwohl es schon spät war, und aus anderen Häusern ertönte das Schnarchen ihrer Bewohner. Scapa riss sich das schwarze Tuch vom Hals, das zuvor sein Gesicht zur Hälfte verdeckt hatte, und wagte es endlich selbst, geräuschvoll nach Luft zu schnappen. Er war lange durch die Gassenlabyrinthe von Kesselstadt gerannt. Immer wieder warf er einen Blick zurück, doch außer einer fauchenden Katze begegnete er niemandem mehr.
Schließlich machte er vor einem Häuschen Halt, das sich nicht besonders von den anderen unterschied. Ein dunkelrotes Stofftuch war über dem Hauseingang festgenagelt. Durch die Mottenlöcher blinzelte Licht und malte ein Mosaik auf die gegenüberliegende Mauer. Scapa trat vor den Hauseingang. Er hielt den Atem an, obgleich sein Herz noch heftig pochte, und spähte durch die Löcher des Stoffes. Er sah einen Raum mit Schlafmatten auf dem Boden, einem Holztisch und einem Stuhl. Auf dem Tisch stand eine Öllampe, die die Zimmerwände in ranziges Gelb tauchte.
Ein Mädchen ging im Zimmer auf und ab. Ihr ausgefranster Rock reichte kaum bis zu den schmutzigen Knien und tanzte mit jedem Schritt um ihre Beine.
Kinnlange blonde Locken verbargen das Gesicht.
Scapa schob den Vorhang auf. Das Mädchen fuhr herum und starrte ihn an.
»Arane.«
»Scapa!« Ein Lächeln huschte über ihren spitzen Mund, dann kam sie auf ihn zu, fiel ihm um den Hals und zog ihn ins Zimmer. Der Vorhang schloss sich hinter ihnen.
»Hast du die Speere?«, fragte Arane. Ihr Blick war so wach und durchdringend, dass kaum jemand es je wagte, sie offen anzulügen. Arane war schön und auch das kalte Glühen in ihren Augen konnte diese Schönheit nicht mindern.
Scapa fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn und strich sich das Haar zurück. »Nein. Wir wurden zu früh entdeckt.« Er spürte, wie ihm Blut ins Gesicht schoss vor Scham und Wut. Es hätte alles gut gehen können. Sie hatten den Einbruch in die Soldatenwache perfekt geplant: Zu zwölft waren sie losgehuscht, waren unbemerkt über die hohe Mauer geklettert, hatten sich durch den Hof geschlichen und in das dunkle Gebäude – aber die Speere, Knüppel und Kurzschwerter, die sie erbeuten wollten, waren nicht da gewesen. Offensichtlich befand sich die Waffenkammer der Soldaten in einem der verborgenen Kellerzimmer. Dabei waren sie sich so sicher gewesen, dass alles klappen würde!
»Entdeckt?«, wiederholte Arane ungläubig. »Wegen wem?«
»Ach.« Scapa ging an ihr vorbei und legte den Leinenbeutel auf den Tisch. »Jonve mit den kurzen Haaren, weißt du, hat eine Schüssel umgestoßen. Da ist der Wachmann aufgewacht, ist hochgesprungen wie eine Katze. Eine ziemlich fette Katze – aber schneller, als ich dachte.«
»Verdammter Dummkopf«, knurrte Arane. »Ich wusste doch, dass der Bengel alles verpatzt.« Dann trat sie hinter Scapa und blickte ihm über die Schulter. Weil sie fast einen halben Kopf kleiner war, musste sie sich dazu auf die Zehenspitzen stellen.
»Was hast du mitgebracht?«
Scapa öffnete den Beutel und schüttete vorsichtig den Inhalt auf den Tisch. Im Lampenlicht kamen ein klirrender, übergroßer Schlüsselbund und eine Hand voll Münzen zum Vorschein.
»Das ist alles?« Arane strich um Scapa herum, nahm den Schlüsselbund in die Hand und hielt ihn sich vors Gesicht. Mindestens drei Dutzend Schlüssel klimperten daran, sie wogen so viel wie eine Eisenkugel. Arane legte den Bund unbeeindruckt zurück und zählte rasch die Münzen ab – sie konnte gut rechnen für ein Straßenkind. Gut genug, um zu erkennen, dass die Beute ausgesprochen mager war und – vor allem – den Aufwand des Einbruchs nicht wert.
»Sieben Kröten? Die hätte ich auch beim Slatof an der Straßenecke besorgen können.«
Slatof war ein Bettler und hatte mehr Schnaps im Blut als Münzen in der Hand.
»Das Geld und die Schlüssel habe ich doch nur aus Rache mitgenommen! Besser wir haben den Kram als der Wachmann, oder? Wenigstens ist er schön wütend.« Scapas Knie waren jetzt noch ganz weich vor Schreck – für einen Augenblick hatte er sogar gefürchtet, die Soldaten würden ihn fassen.
Aber wirklich nur für einen Augenblick, denn Scapa konnte sich in den dunklen Gassen von Kesselstadt unsichtbar machen wie ein Schatten. Die Soldaten hingegen machten mehr Lärm als ein Haufen raufender Köter. »Wir bekommen die Waffen noch zusammen«, murmelte Scapa, ohne selbst recht daran zu glauben. »Oder schlimmstenfalls kämpfen wir mit Ziegelsteinen.«
Arane hatte wieder den Schlüsselbund zur Hand genommen. »Das kannst du vergessen. Mit Ziegelsteinen bekommen wir nicht den Fuchsbau, sondern eingeschlagene Köpfe. – Sag mal, ist das der Schlüsselbund vom Gefängniswärter?«
»Ich glaube schon. Er hing an der Wand, hinter der Gittertür, die zu den Kerkern runterführt. Ich wäre fast im Gitter stecken geblieben, als der Wachmann kam. Guck hier, ich habe mir die Haut aufgeschürft.« Scapa hielt ihr den Arm entgegen. Über seine Hand zogen sich hellrote Striemen.
Arane nahm die Verletzung behutsam in Augenschein, dann blickte sie spitzbübisch wieder zu ihm auf. »Da hast du genau das Richtige mitgenommen, Scapa«, flüsterte sie. Ihre leicht schiefen Zähne wurden sichtbar, als sie lächelte. »Wenn wir die Schlüssel vom Gefängnis haben ...«
Scapa verstand sofort. Er fasste sich an die Stirn.
»Natürlich, mit den Schlüsseln ist es ganz leicht, ins Gefängnis zu kommen. Dann könnte man die Gefangenen befreien, zum Beispiel einen eingekerkerten Freund – und dafür zahlt uns jeder Hehler in Kesselstadt ein Vermögen. Und damit wiederum beschaffen wir uns Waffen und der Fuchsbau gehört uns!«
Arane lächelte. Es war ein zufriedenes Lächeln, das sich immer nur dann zeigte, wenn sie ihren Kopf leicht nach unten neigte. Beinahe schien es, als berge dieses Lächeln ein Geheimnis, das ganz zu zeigen sie nicht wagte. »Weißt du schon, wer uns die Schlüssel abkaufen könnte?«
Scapa rieb sich über die Wangen. Wichtig war nun, welcher Händler ihnen das meiste Geld zahlte.
Und welcher Händler überhaupt Geschäfte mit ihnen, den Straßenkindern, machen würde. Davon waren nicht viele übrig geblieben. Denn fast jeder Händler, dessen Geschäft auf gestohlener Ware beruhte, steckte mit Vio Torron und seinen Männern unter einer Decke. Torron beherrschte Kesselstadt – mehr als der Fürst, der hoch oben in seiner Burg lebte, fernab der Straßen und Marktplätze. Die Diebe, die Händler, die Schmuggler, die Mörder – sie alle zahlten Torron seinen Anteil an ihrem Lohn, und vor nicht langer Zeit hatten es auch die Straßenkinder getan. Jetzt nicht mehr. Scapa und Arane hatten damit begonnen, sich zu verweigern, und hatten die anderen Kinder überzeugt, dass niemand ihr Herr sein sollte – auch Torron mit seinen dreißig finsteren Halsabschneidern nicht. Was Scapa und Arane wollten, schon solange sie sich erinnern konnten, war wirkliche Freiheit – und Macht. Die Macht über das wahre Leben Kesselstadts, das sich in den heruntergekommenen Häusern verbarg und erst nachts zum Vorschein kam, lautlos und vorsichtig, wenn die Soldaten des Fürsten in ihren Wachstuben dösten.