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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Es wäre mir ein gar zu schmerzlicher Gedanke«, schrieb sie, »daß ich die Ursache des Kummers oder der Zwietracht in einer Familie sein sollte, von der ich so viele Wohltaten genossen habe, und meine Liebe kennt kein anderes Ziel als zu dem Glück der Menschen, die ich liebe, beizutragen. Darum bitte ich Sie inständig, Nikolai, sich für frei anzusehen und überzeugt zu sein, daß Sie trotz alledem niemand stärker und aufrichtiger lieben kann als Ihre Sonja.«

Beide Briefe waren aus Troiza. Der andere Brief war von der Gräfin. Sie schilderte darin die letzten Tage in Moskau, die Abreise, die Feuersbrunst und den Verlust der ganzen Habe. In diesem Brief schrieb die Gräfin unter anderm auch, daß unter den Verwundeten, die mit ihnen gefahren seien, sich auch Fürst Andrei befinde. Sein Zustand sei sehr gefährlich gewesen; aber jetzt sage der Arzt, es sei etwas mehr Hoffnung. Sonja und Natascha seien seine Pflegerinnen und gäben darin keiner Krankenwärterin etwas nach.

Mit diesem Brief begab sich Nikolai am andern Tag zu Prinzessin Marja. Weder Nikolai noch Prinzessin Marja sagten auch nur ein Wort darüber, welche Bedeutung wohl der Ausdruck »Natascha ist seine Pflegerin« haben könne; aber dank diesem Brief war Nikolai der Prinzessin Marja auf einmal viel nähergerückt und gewissermaßen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu ihr getreten.

Am andern Tag gab Rostow der Prinzessin Marja, die nach Jaroslawl reiste, eine Strecke weit das Geleit und reiste einige Tage darauf selbst zu seinem Regiment ab.

VIII

Sonjas Brief an Nikolai, der ihm die Erfüllung seines Gebetes brachte, war in Troiza geschrieben. Die Veranlassung dazu war folgende. Der Gedanke, daß Nikolai ein reiches Mädchen heiraten müsse, beschäftigte die alte Gräfin immer mehr und mehr. Sie wußte, daß Sonja das Haupthindernis für diesen Plan war. Und so war denn Sonjas Leben im Haus der Gräfin in der letzten Zeit, namentlich nach jenem Brief Nikolais, in welchem er seine Begegnung mit Prinzessin Marja in Bogutscharowo geschildert hatte, immer schwerer und schwerer geworden. Die Gräfin ließ keine Gelegenheit unbenutzt, Anspielungen zu machen, die für Sonja kränkend und verletzend waren.

Aber einige Tage vor der Abreise aus Moskau hatte die Gräfin, durch alles Vorgefallene aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht und in Aufregung versetzt, Sonja zu sich gerufen und diesmal, statt ihr Vorwürfe zu machen und Forderungen zu stellen, sie unter Tränen gebeten, sie möchte doch ein Opfer bringen und alles, was für sie getan sei, dadurch vergelten, daß sie ihr Verhältnis zu Nikolai löse.

»Ich werde nicht eher Ruhe haben, ehe du mir das nicht versprochen hast«, sagte sie.

Sonja brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus und antwortete unter strömenden Tränen, sie werde alles tun und sei zu allem bereit; aber ein bestimmtes Versprechen gab sie nicht und konnte sich in ihrem Herzen nicht entschließen, das zu tun, was von ihr verlangt wurde. Daß es ihre Pflicht war, Opfer zu bringen für das Glück der Familie, von der sie Unterhalt und Erziehung erhalten hatte, das wußte sie. Für das Glück anderer Menschen Opfer zu bringen, daran war Sonja gewöhnt. Ihre Stellung in diesem Haus war eine derartige, daß sie nur durch Opfer, die sie brachte, zeigen konnte, was an ihr Gutes war, und so hatte sie sich denn daran gewöhnt, Opfer zu bringen, und tat es gern. Aber bisher war sie stets, wenn sie Opfer brachte, sich mit freudiger Genugtuung bewußt gewesen, daß sie eben durch diese Handlungsweise ihren Wert in ihren eigenen Augen und in den Augen anderer Menschen erhöhte und Nikolais würdiger wurde, den sie über alles in der Welt liebte; jetzt jedoch sollte ihr Opfer gerade darin bestehen, daß sie auf das verzichtete, was für sie den ganzen Lohn der gebrachten Opfer, den gesamten Inhalt ihres Lebens bildete. Und zum erstenmal in ihrem Leben empfand sie ein bitteres Gefühl gegen diese Menschen, die ihr nur darum so viel Wohltaten erwiesen hatten, um sie nun um so grausamer zu peinigen; zum erstenmal empfand sie Neid gegen Natascha, die nie etwas Ähnliches durchzumachen hatte, nie Opfer zu bringen brauchte, sondern immer nur andere Menschen um ihretwillen Opfer bringen ließ und doch von allen geliebt wurde. Und zum erstenmal fühlte Sonja, wie aus ihrer stillen, reinen Liebe zu Nikolai plötzlich eine leidenschaftliche Empfindung heranwuchs, eine Empfindung, welche mächtiger wurde als alle Grundsätze und alle Tugend und alle Religiosität; und unter der Einwirkung dieser Empfindung antwortete Sonja, die durch ihre abhängige Lebensstellung unwillkürlich sich ein verstecktes Wesen zu eigen gemacht hatte, der Gräfin in allgemeinen, unbestimmten Ausdrücken, ging in der nächsten Zeit Gesprächen mit ihr aus dem Weg und entschied sich dafür, ein Wiedersehen mit Nikolai abzuwarten, um ihn bei diesem Wiedersehen nicht etwa freizugeben, sondern ihn im Gegenteil für immer an sich zu ketten.

Die Sorgen und Schrecken der letzten Tage des Aufenthalts der Familie Rostow in Moskau hatten in Sonjas Seele die traurigen Gedanken, die sie bedrückten, übertäubt. Sie hatte sich gefreut, daß sie sich durch praktische Tätigkeit vor ihnen retten konnte. Als sie aber von der Anwesenheit des Fürsten Andrei in ihrem Haus erfuhr, da überkam sie trotz alles aufrichtigen Mitleides, das sie für ihn und für Natascha empfand, doch ein freudiges Gefühl bei dem abergläubischen Gedanken, Gott wolle nicht, daß sie von Nikolai getrennt werde. Sie wußte, daß Natascha nur den Fürsten Andrei geliebt hatte und ihn noch immer liebte. Sie wußte, daß diese beiden jetzt, wo das Schicksal sie unter so furchtbaren Verhältnissen wieder zusammengeführt hatte, einander wieder von neuem liebgewinnen würden, und daß dann Nikolai die Prinzessin Marja wegen der Verwandtschaft, die dann zwischen ihnen bestehen werde, nicht werde heiraten können. Trotz alles Schreckens über die Ereignisse der letzten Tage in Moskau und der ersten Reisetage machte dieses Gefühl, dieses Bewußtsein, daß die Vorsehung in ihre persönlichen Angelegenheiten eingriff, Sonja froh und heiter.

Im Troiza-Kloster machten Rostows auf ihrer Reise den ersten Rasttag.

In dem Hospiz des Klosters waren ihnen drei große Zimmer angewiesen, von denen eines Fürst Andrei innehatte. Es ging dem Verwundeten an diesem Tag bedeutend besser. Natascha saß bei ihm. In dem anstoßenden Zimmer saßen der Graf und die Gräfin und unterhielten sich respektvoll mit dem Prior, der ihnen als seinen alten Bekannten und als freigebigen Gönnern des Klosters einen Besuch machte. Auch Sonja saß in diesem Zimmer, und es quälte sie die Neugier, was wohl Fürst Andrei und Natascha miteinander reden mochten. Sie hörte durch die Tür ihre Stimmen. Da öffnete sich die Tür zu dem Zimmer des Fürsten Andrei. Natascha kam mit erregter Miene von dort herein; ohne den Mönch zu bemerken, der sich zu ihrer Begrüßung erhob und den weiten Ärmel an seinem rechten Arm zurückschlug, um ihr den Segen zu erteilen, trat sie auf Sonja zu und ergriff sie bei der Hand.

»Was hast du, Natascha? Komm her«, sagte die Gräfin.

Natascha trat herzu, um den Segen zu empfangen, und der Prior ermahnte sie, sich im Gebet um Hilfe an Gott und den Schutzheiligen des Klosters zu wenden.

Sowie der Prior hinausgegangen war, faßte Natascha ihre Freundin bei der Hand und ging mit ihr in das leere Zimmer.

»Sonja, ja? Wird er am Leben bleiben?« sagte sie. »Sonja, wie glücklich ich bin! Und wie unglücklich ich bin! Sonja, mein Täubchen, es ist alles wieder wie ehemals. Wenn er nur am Leben bliebe! Aber er kann nicht am Leben bleiben … weil … weil …« Natascha brach in Tränen aus.

»Ja, ja, das habe ich gewußt! Gott sei Dank!« rief Sonja. »Er wird am Leben bleiben!«

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