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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Wieso?«

»Weil du mich fasziniert hast.« Angela lächelte. »Nicht du. Deine Geschichte. Das, was damals passiert ist. Ich weiß fast alles darüber.«

»Diese Informationen sind streng geheim«, sagte Bremer. Das war untertrieben. Selbst Nördlinger wußte nicht, was damals wirklich geschehen war. Es ging ihn auch nichts an.

Angelas Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Ein Hoch auf die moderne Technik«, sagte sie. »Gottlob gehen selbst die Behörden manchmal mit der Zeit. Alles, was über die Geschichte damals bekannt ist, ist in der einen oder anderen Datenbank gespeichert. Und es gibt fast keinen Computer, der mir widerstehen kann. Ich gebe zu, ich habe ein bißchen Datenklau betrieben.«

»Das ist strafbar«, sagte Bremer.

»Leute gegen ihren Willen als Versuchskaninchen zu benutzen auch«, sagte Angela achselzuckend. »Und sie umzubringen erst recht. Du kannst mich ja anzeigen, wenn du willst.«

Bremer schwieg ein paar Sekunden. Dann sagte er, sehr leise und sehr ernst: »Vielleicht sollte ich das tun. Eine Gefängniszelle ist im Moment wahrscheinlich ein sehr viel sichererer Ort als meine Nähe.«

Angela wollte antworten, aber in diesem Moment trat der Wirt an ihren Tisch und sagte: »Feierabend, Leute, Sperrstunde.« Angela seufzte, griff in die Tasche, zog ihren Dienstausweis hervor und reichte ihn dem Wirt. »Nicht für uns.« Der Mann nahm den Ausweis entgegen, begutachtete ihn ausgiebig und unterzog seine Besitzerin anschließend einer noch ausgiebigeren Inspektion, bevor er ihn zurückgab.

»Das ist wirklich beeindruckend«, sagte er, »aber es bleibt dabei. Ich mache Schluß.« Angela wollte auffahren, doch diesmal war Bremer schneller.

»Schon gut«, sagte er. »Sie ist neu und kennt die Spielregeln noch nicht. Bringen Sie uns noch zwei Kaffee, und wir räumen friedlich das Feld, einverstanden?« Der Mann sah ganz und gar nicht einverstanden aus, aber die Art, auf die Bremer das Wort friedlich ausgesprochen hatte, schien ihn wohl überzeugt zu haben, daß es besser war, nicht herauszufinden, was im anderen Fall geschehen würde.

»Also gut«, brummelte er. »Ich muß noch Kasse machen. Das dauert zehn Minuten. Aber danach verschwindet ihr.« Er ging. Angela blickte ihm zornig nach und wandte sich dann mit nicht weniger verärgertem Gesicht an Bremer.

»Vielen Dank für die Anfängerin.«

»Das hat er sowieso gemerkt«, sagte Bremer. »Niemand benimmt sich so, außer vielleicht im Fernsehen. Bringt man euch auf der Polizeischule heutzutage nicht mehr bei, daß man seinen Dienstausweis nicht benutzt, um Leute einzuschüchtern?«

»Mein Hauptfach war Informatik«, sagte Angela ärgerlich.

»Ich dachte, Öffentlichkeitsarbeit?«

»Das eine funktioniert nicht ohne das andere«, antwortete Angela. »Lenk nicht ab. Wir waren bei der Azrael-Geschichte. Ich dachte, nach Sillmanns Tod hätte der Spuk ein Ende gehabt. Jedenfalls steht es so im Computer.«

»Das dachte ich auch, bis vor ein paar Stunden«, sagte Bremer. »Verdammt, ich weiß nicht, was los ist! Mark Sillmann war das letzte, in dessen Blut dieses Scheißzeug war. Nach seinem Tod hätte es aufhören müssen.«

»Azrael«, erklärte Angela, »ist die Abkürzung von Amphetamin Z 7 Reciprocal Ascarin Ethylmescalin Lophophinderivat.« Bremer war ein wenig überrascht, wie leicht ihr dieses komplizierte Wortungeheuer von den Lippen ging, und Angela grinste erneut. »Ich habe meine Hausaufgaben gemacht«, sagte sie. »Die Datenbanken des BKA sind wirklich sehr ergiebig.«

»Aber offenbar nicht unbedingt auf dem letzten Stand«, fügte Bremer hinzu. »Jedenfalls nicht, wenn die Kerle von vorhin wirklich die sind, für die ich sie halte.«

»Wofür hältst du sie denn?« wollte Angela wissen.

Statt zu antworten, reagierte Bremer mit einer Gegenfrage: »Was sagt der Computer, wer sie sind?«

»Aber Herr Bremer!« Angela drohte ihm spöttisch mit dem Finger. »Ich muß mich doch sehr wundern! Diese Informationen sind streng geheim. Allein diese Frage zu stellen, ist schon illegal. Sie wollen mich doch nicht etwa zu einer Straftat anstiften?« Bremer schwieg, und nach ein paar Augenblicken erlosch Angelas Grinsen. Sie zuckte mit den Schultern. »In diese Dateien konnte ich nicht eindringen.«

»Ach? Und ich dachte, es gäbe keinen Computer, der der Königin der Hacker standhält.«

»Ich hätte ihn knacken können«, antwortete Angela beleidigt. »Aber ich war nicht ganz sicher, daß ich keine Spuren hinterlassen würde. Das Risiko wollte ich nicht eingehen.« Der Wirt kam und brachte den bestellten Kaffee. Sie schwiegen, bis er wieder außer Hörweite war, dann fuhr Angela fort: »Eins habe ich nicht verstanden... Wieso ein Engel?«

»Es war nicht irgendein Engel«, antwortete Bremer. »Azrael war der Todesengel des alten Testaments. Der himmlische Sendbote, der geschickt wurde, um Dinge zu Ende zu bringen. Marc hat ein Bild dieses Engels in einer alten Bibel gesehen, als er ein Kind war. Später, unter dem Einfluß der Droge, hat sein Unterbewußtsein dann genau dieses Bild heraufbeschworen. So einfach war das.«

»Einfach?« Angela nippte an ihrem Kaffee und schüttelte sich. »Es klingt eher fantastisch. Im Sinne von wenig glaubwürdig.«

»Ich würde es auch nicht glauben«, bestätigte Bremer. »Aber ich habe es selbst gesehen. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich verstehe nicht einmal etwas von Drogen. Soweit ich die Sache damals verstanden habe, bewirkte die Azrael-Droge eine Art kollektiver Halluzination.«

»Das heißt, eine ganze Gruppe nimmt gemeinsam die Droge...«

»...und erlebt den gleichen Trip, ja«, bestätigte Bremer. »Das war jedenfalls die Grundidee. Was Sillmann und Löbach nicht ahnten, das war, daß ihr kleiner Drogencocktail noch viel weiter ging. Offensichtlich verursachte er nicht nur eine Kollektivhalluzination, sondern sorgte auch für eine Art telepathischer Verbindung zwischen allen Teilnehmern des Trips, wobei die stärkste Persönlichkeit sozusagen die Führung übernahm.«

»Sillmanns Sohn.«

»Marc, ja.« Bremer trank ebenfalls einen Schluck Kaffee und kam zu dem Schluß, daß Angelas Schütteln gerade nicht auf seine Worte zurückzuführen war, sondern auf das Gebräu, das der Wirt ihnen gebracht hatte. Der Kaffee war nur noch lauwarm und schmeckte, als hätte er mindestens zwei oder drei Stunden auf der Warmhalteplatte gestanden. Er stellte ihn zurück, ohne mehr als ein paar Tropfen getrunken zu haben. »Er konnte nicht wissen, daß der Junge ein ausgewachsener Psychopath war.«

»Marc Sillmann? Der Computer sagt etwas anderes.«

»Der Computer war nicht dabei«, antwortete Bremer heftig. Er spürte die Gefahr, in die er sich selbst hineinmanövrierte. Seine Worte beschworen Bilder und Erinnerungen herauf, die besser da bleiben sollten, wo sie waren. Er hatte sich nicht umsonst jahrelang große Mühe gegeben, jene schrecklichen Stunden zu vergessen. Aber er spürte auch zugleich, daß er jetzt gar nicht mehr aufhören konnte. Einmal geweckt, begann seine Erinnerung rasch ein Eigenleben zu entwickeln, gegen das er machtlos war. »Der arme Junge konnte wahrscheinlich gar nichts dafür. Sein Vater hat zuerst seine Mutter ins Irrenhaus gebracht und dann seinen eigenen Sohn als Versuchskaninchen mißbraucht. Die Sache konnte nicht gutgehen. Marcs ... Halluzination hat erst alle anderen umgebracht und am Schluß ihn selbst.«

»Und wenn es mehr war als nur eine Halluzination?« Bremer sah sie einen Moment lang verständnislos an. Es war mehr gewesen als eine Halluzination. Er hatte das Ding gesehen, das die Droge ins Marcs Blut hatte entstehen lassen. Trotzdem schüttelte er nach einigen Augenblicken den Kopf und griff wieder nach seiner Kaffeetasse. Allerdings nicht, um zu trinken, sondern nur, um etwas zu haben, womit er seine Hände beschäftigen konnte.

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