Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
»Es ist vorbei«, sagte er. »Sillmann hat die Formel für die Herstellung der Droge vernichtet, und sein Sohn war der letzte, der sie in sich trug.«
»Ich hatte nicht den Eindruck, daß es vorbei ist«, sagte Angela. »Jedenfalls nicht vor einer halben Stunde.«
Bremer schüttelte beharrlich den Kopf. »Das war kein Engel« sagte er. »Es war ein...« Ein Dämon? Der Gedanke kam ihm so grotesk vor, daß er es nicht wagte, das Wort auch nur laut auszusprechen. Er war auch nicht sicher, ob er das ... Ding, das er gesehen hatte, richtig beschrieben hatte. Er hatte es ja auch nur für den Bruchteil einer Sekunde wirklich gesehen: Ein riesiges, groteskes Geschöpf mit Krallen und Zähnen und gewaltigen zerfetzten Schwingen wie die ledrigen Flügel einer riesigen Fledermaus. Er wußte nicht, was er gesehen hatte. Im Grunde wußte er nicht einmal, ob er überhaupt etwas gesehen hatte.
»So oder so, es kann kein Zufall sein«, sagte Angela kopfschüttelnd. »Dafür sind sich die Ereignisse zu ähnlich.«
»Ähnlich?« krächzte Bremer. Angela nickte heftig. »Damals begann es mit diesem Artner, nicht wahr? Ein Arzt, der ein sexuelles Verhältnis zu einer seiner Patientinnen unterhielt. Ein Journalist, der Informationen gefälscht und Leute erpreßt hat. Der Arzt, der Sillmann geholfen hat, seine Frau in die Klapsmühle zu bringen...« Sie schüttelte ein paarmal den Kopf. »Das klingt nach biblischer Gerechtigkeit. Vielleicht auf eine ziemlich naive Art, aber trotzdem... Jemand hat den Racheengel geschickt. Und jetzt Belozky, Lachmann, Halbach und Rosen. Er ist wieder unterwegs.« Ihre Worte waren von einer so simplen und zugleich zwingenden Logik, daß er sich selbst lächerlich dabei vorkam, zu widersprechen. Trotzdem tat er es.
»Es ist unmöglich. Marc Sillmann ist tot. Ich war dabei, als er starb. Und die Azrael-Formel wurde vernichtet.«
»Was einmal entwickelt worden ist, kann auch ein zweites Mal entwickelt werden«, beharrte Angela. »Und was den Tod angeht...« Sie legte den Kopf schräg. »Warst du das nicht auch? Klinisch tot, meine ich?«
»Und?« Bremer machte eine wegwerfende Geste. »So etwas kommt alle Naselang vor. Die Ärzte holen andauernd Leute zurück ins Leben, die klinisch tot sind.« Das war die Übertreibung des Tages. Menschen, die nicht nur im Koma lagen, sondern tatsächlich klinisch tot waren, holte man nicht nach drei Tagen so einfach zurück. Nach allem, was er wußte, lag der Weltrekord bei etwas über einer Stunde, und alle außer ihm, die länger als zwanzig Minuten lang weg gewesen waren, waren als sabbernde Wracks wieder aufgewacht, atmende, essende und verdauende Fleischklumpen mit dem Intelligenzquotienten einer Bratkartoffel. Die man besser da gelassen hätte, wo sie waren. Trotzdem würde man seinen Fall vergebens im Guinness-Buch der Rekorde suchen.
»Du hast drei Kugeln aus einer Maschinenpistole abbekommen«, fuhr Angela fort. »Die Ärzte müssen mehr als ein Wunder vollbracht haben.«
»Der BKA-Computer ist wirklich nicht auf dem neuesten Stand«, antwortete Bremer. »Es waren fünf. Und ich habe persönlich schon Leute gesehen, die schlimmer zugerichtet waren und durchgekommen sind. Der menschliche Körper ist eine seltsame Maschine. Manchmal reicht eine Kleinigkeit, um sie anzuhalten, aber manchmal ist sie auch unglaublich zäh.«
»Wie ist das?« fragte Angela geradeheraus. »Tot zu sein?«
»Was ist denn das für eine Frage?«
»Wahrscheinlich die einzige, die sich jeder Mensch auf der Welt schon einmal gestellt hat«, antwortete Angela. In ihre Augen trat ein Ausdruck, der Bremer nicht gefiel. »Und jetzt sag nicht, du hättest es nicht auch getan. Vorher, meine ich.« Das Gespräch begann sich immer mehr in eine Richtung zu verschieben, die ihm nicht behagte. Trotzdem antwortete er.
»Natürlich habe ich das. Aber ich kann leider nicht mit einer Antwort auf die Frage nach der himmlischen Glückseligkeit dienen. Ich erinnere mich an nichts. Ich wurde angeschossen, verlor das Bewußtsein und wurde im Krankenhaus wieder wach, und das war alles.« Womit die Abteilung Lügen- und Fantasiegeschichten endgültig eröffnet war. Er hätte eine Menge darüber erzählen können, was danach kam, aber er wollte es nicht. Mit manchen Erinnerungen wurde man vielleicht fertig, wenn man sich ihnen stellte, aber manche ließ man besser, wo sie waren.
»Das ist ... schade«, sagte Angela. Sie klang ehrlich enttäuscht. »Ich dachte, ich könnte auf diese Weise vielleicht mehr darüber erfahren. Aus erster Hand, sozusagen.«
»Das kommt schon noch früh genug«, murmelte Bremer. »Ich für meinen Teil weiß noch viel zu wenig über das Leben, um mich für den Tod zu interessieren.«
»Wie philosophisch«, parierte Angela spöttisch. »Von wem ist dieser Satz?«
»Von mir«, antwortete Bremer. »Und jetzt schlage ich vor, daß wir das Thema wechseln.« Er wies mit einer Kopfbewegung zur Theke. »Und vor allem das Lokal. Der Wirt hat mir zu große Ohren.«
»Gute Idee«, sagte Angela. »Gehen wir zu dir oder zu mir?«
»Bitte nicht«, seufzte Bremer. »Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für solche Scherze.«
»Wer sagt, daß ich scherze?« fragte Angela. »Wir haben wirklich ein Problem. Wir können nicht in deine Wohnung. Selbst wenn es dort noch nicht von unseren Freunden wimmelt, beobachten sie garantiert den ganzen Block. Und dasselbe gilt wahrscheinlich für meine Wohnung. Vorausgesetzt, sie haben mich erkannt - aber wir gehen besser davon aus, daß sie es haben. Hast du irgendwelche Freunde, zu denen wir könnten?« Bremer schüttelte den Kopf. Er hatte eine Anzahl Bekannter, aber niemanden, den er wirklich als Freund bezeichnet hätte. Und hätte es einen solchen gegeben, hätte er den Teufel getan, und ihn in diese Geschichte hineingezogen.
»Kollegen?«
Darauf antwortete er gar nicht.
Angela seufzte. »Dann bleibt uns nur ein Hotel. Ich bin erst seit ein paar Tagen in der Stadt. Ich kenne hier noch niemanden.« Sie lachte. »Ist das nicht komisch? Noch vor ein paar Stunden wolltest du mich auf der Stelle zum Teufel jagen. Und jetzt verbringen wir schon unsere erste Nacht zusammen im Hotel.«
»Nein«, antwortete Bremer betont, »das ist nicht komisch Und wir werden es auch nicht tun. Ich verbringe die Nacht in einem Hotel (Er hatte nicht vor, das zu tun, aber je weniger sie wußte, desto sicherer war sie vermutlich), und du fährst nach Hause. Oder sonstwohin. Das hier geht nur mich etwas an.«
»Beeindruckend«, sagte Angela. »Dabei gibt es nur ein Problem: Ich habe die Autoschlüssel. Und ich verleihe meinen Wagen prinzipiell nicht.«
»Es gibt fünftausend Taxen in Berlin«, antwortete Bremer und stand auf. »Mit ein bißchen Glück werde ich vielleicht eine davon ergattern.«
»Aber...«
»Nichts aber.« Bremer hatte die Stimme weit genug erhoben, daß sowohl der Wirt als auch die beiden Gäste an der Theke, die trotz der angeblichen Sperrstunde noch dasaßen, und ihr Bier tranken, die Köpfe hoben und zu ihnen herübersahen. »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe, Frau West. Aber alles, was jetzt noch kommt, erledige ich besser allein.«
»Frau West?« Angela klang verletzt, und genau das sollte sie auch, gerade weil sie ihm nicht gleichgültig war. Ihre Worte hatten eine viel nachhaltigere Wirkung auf ihn ausgeübt, als ihr selbst klar sein mochte. So unterschiedlich die Voraussetzungen auch waren, die Ereignisse von damals und die von heute ähnelten sich in einem ganz bestimmten Punkt zu sehr, um es als bloßen Zufall abzutun. Es hatte wieder angefangen. Vor fünf Jahren hatte es mit dem Tod beinahe aller Beteiligten geendet, und allein das war mehr als Grund genug für ihn, sich von ihr zu trennen. »Das ist ... ein bißchen billig«, murmelte Angela, als er nicht antwortete.