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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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»Was genau soll das heißen: Plötzlich angestiegen?« Braun sah sich kampflustig um, konzentrierte seine Aufmerksamkeit aber praktisch sofort wieder auf Grinner. »Nur damit wir uns richtig verstehen: Der Mann da drinnen hat vor anderthalb Jahren den letzten Atemzug aus eigener Kraft getan. Medizinisch gesehen ist er tot.« Er ging mit schnellen Schritten auf die Trennscheibe zu, blieb in einem guten Meter Abstand davor stehen und ließ zwei oder drei weitere Sekunden verstreichen, ehe er fortfuhr: »Jedenfalls haben Sie mir das gesagt, Doktor Mecklenburg.«

»Ich habe nichts dergleichen gesagt«, murmelte Mecklenburg. Jedenfalls wollte er es murmeln.

Offensichtlich hatte er aber doch laut genug gesprochen, um verstanden zu werden, denn Braun antwortete: »Ich darf zitieren, Doktor? Ein lebender Leichnam, Herr Braun - wobei ich das lebend nicht unbedingt unterschreiben würde. Strenggenommen sind es zweihundert Pfund biologischer Abfall, die nur von unserer Technik vor dem Verfall bewahrt werden.« Mecklenburg war verblüfft. Das war nicht nur sinngemäß, sondern wortwörtlich das, was er zu Braun gesagt hatte; und das vor etlichen Monaten. Braun mußte entweder über ein fotografisches Gedächtnis verfügen, oder seine Worte hatten ihn mehr beeindruckt, als Mecklenburg seinerzeit klar gewesen war. Er hatte sie eigentlich nur so daher gesagt, ohne sich viel dabei zu denken. Sie waren nicht einmal hundertprozentig korrekt gewesen.

»Nun, Doktor?« fuhr Braun fort, als Mecklenburg auch nach einigen Sekunden noch nicht antwortete.

»Das ist nicht so einfach zu erklären«, sagte Mecklenburg. »Ich weiß nicht, was passiert ist. Noch nicht. Vielleicht hat es gar nichts zu bedeuten.«

»Gar nichts?« Braun fuhr mit einer so abrupten Bewegung herum, daß Mecklenburg erschrocken zusammenzuckte und nur noch mit Mühe den Impuls unterdrücken konnte, einen Schritt vor ihm zurückzuweichen. Braun sagte nichts weiter. Er erklärte seinen plötzlichen Ausbruch nicht, und er hatte sich in der nächsten Sekunde auch schon wieder in der Gewalt. Aber die Art, auf die er auf Mecklenburgs einfach so dahingeworfene Bemerkung reagiert hatte, machte diesem zweifelsfrei eines klar: Irgend etwas war passiert. Braun war nicht nur so wütend gewesen, weil sie ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt hatten. Ja, er war plötzlich sicher, daß sein nächtlicher Anruf nicht einmal der Grund für Brauns Gereiztheit war. Irgend etwas war passiert. Etwas, von dem Mecklenburg keine Ahnung hatte - und das Braun bis ins Mark erschüttert haben mußte und ihn fast wahnsinnig vor Angst werden ließ.

Braun sprach nichts davon aus. Er gab sich sogar mit Erfolg Mühe, sich nichts von seinen Gefühlen anmerken zu lassen. Aber Mecklenburg begriff das alles in der einzigen Sekunde, in der sich ihre Blicke begegneten. Dann hatte sich Braun auch mit den Dingen, die er nicht aussprach, wieder vollkommen unter Kontrolle, und der verräterische Ausdruck in seinen Augen erlosch. Was in Mecklenburg zurückblieb, war tiefe Verunsicherung. Ein sehr unangenehmes Gefühl. Er war nicht wirklich erschrocken, aber er ahnte, daß er jeden Grund gehabt hätte, erschrocken zu sein, wenn er nur die ganze Wahrheit gewußt hätte.

Die Stille begann unangenehm zu werden. Mecklenburg räusperte sich und setzte dazu an, etwas zu sagen, und der übereifrige Grinner ergriff die Gelegenheit beim Schopf, sich wieder in den Vordergrund zu spielen - diesmal sogar in ganz körperlichem Sinne: Er trat mit einem schnellen Schritt zwischen Braun und Mecklenburg, so daß er den Blickkontakt zwischen ihnen unterbrach, und sagte: »Was Professor Mecklenburg sagen will, ist, daß wir noch nicht genau wissen, was dieser Zwischenfall zu bedeuten hat. Vielleicht nichts, vielleicht eine Menge. Vergleichen Sie ihn mit einem Menschen, der sehr tief schläft. Die meiste Zeit liegt er vollkommen ruhig da. Man muß schon sehr genau hinsehen, um festzustellen, daß er überhaupt noch am Leben ist. Aber manchmal regt er sich eben. Wahrscheinlich hat er nur einen Alptraum gehabt. Die ersten Male war es nicht so schlimm wie heute, aber...«

»Die ersten Male?« Braun zog die linke Augenbraue hoch. »Soll das heißen, das ist schon einmal passiert?« Grinner tauschte einen verwirrten Blick mit Mecklenburg, erntete aber nur einen stoischen Gesichtsausdruck. Mecklenburg würde den Teufel tun und sich einmischen. Er hatte in seinem Leben genug Erfahrungen mit hoffnungsvollen jungen Wissenschaftlern gemacht, deren Ehrgeiz in keinem guten Verhältnis mit ihren Fähigkeiten stand, um zu wissen, was jetzt in Grinner vorging. Er nahm es ihm nicht übel. Er war ein wenig enttäuscht, aber nicht wütend. Grinner hatte ja keine Ahnung, worauf er sich da einließ.

»Also?« fragte Braun ungeduldig.

»Es ist ... zwei- oder dreimal passiert«, sagte Grinner, und Braun unterbrach ihn sofort und in hörbar schärferem Ton:

»Was denn nun? Zweimal oder dreimal?«

»Dreimal«, antwortete Grinner. »Glaube ich.«

»So, glauben Sie«, sagte Braun. »Ich bezahle Sie nicht dafür, Dinge zu glauben, Herr...?«

»Ich habe nicht immer Dienst!« verteidigte sich Grinner, wobei er Brauns unausgesprochene Frage nach seinem Namen vorsichtshalber überging. Mecklenburg konnte zusehen, wie seine Nervosität wuchs, was ihn eigentlich mit einer gewissen Schadenfreude hätte erfüllen müssen, es aber nicht tat. Grinner machte in diesem Moment eine wichtige Erfahrung, und Mecklenburg hoffte nur, daß er auch wirklich etwas daraus lernte.

»Während ich hier war, ist es dreimal passiert. Aber es war noch nie so schlimm wie heute.«

»Es?« Grinner sah weg, und Braun wandte sich wieder an Mecklenburg: »Wieso weiß ich nichts davon?«

»Keine Ahnung«, antwortete Mecklenburg kühl. »Es waren vier solcher Zwischenfälle, um genau zu sein. Vielleicht sogar fünf. Bei einer Gelegenheit ... waren wir nicht ganz sicher. Und es steht alles in den Berichten, die ich Ihnen täglich per E-Mail zukommen lasse. Sie sollten Ihren Computer ab und zu auch einmal einschalten.« Es hätte Brauns ärgerlichen Stirnrunzelns nicht bedurft, um ihm klarzumachen, daß er mit der letzten Bemerkung einen Schritt zu weit gegangen war. Sie war vor allem nicht nötig gewesen. Irgend etwas ging hier vor. Etwas, das nicht gut war. Sie taten besser daran, ihre Kräfte aufzusparen, statt sie in sinnlosen Grabenkämpfen untereinander zu vergeuden.

Braun kam wohl zu demselben Schluß, denn er ging nicht auf seinen herausfordernden Ton ein, sondern starrte ihn nur an und drehte sich nach einer oder zwei Sekunden wieder zu der Glasscheibe um. Der stählerne Sarkophag auf der anderen Seite war nur als unsicherer Schemen zu erkennen, und vermutlich nicht einmal das; Mecklenburg sah ihn wahrscheinlich nur, weil er wußte, daß er da war. Das Licht in dem Raum auf der anderen Seite war ausgeschaltet, und die Scheibe hatte sich in einen Spiegel verwandelt.

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Главный герой
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