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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Die Wirkung war jedoch genau anders herum als sonst. Normalerweise war Mecklenburg um jede Sekunde froh, die er den Stahlsarg nicht ansehen mußte. Sein Anblick beunruhigte ihn, denn er erfüllte ihn nicht nur mit unerfreulichen Assoziationen und düsteren Vorahnungen, sondern erinnerte ihn auch daran, was sie getan hatten. Jetzt war es genau anders herum. Es war die Dunkelheit auf der anderen Seite der Barriere, die ihn erschreckte. Sie hatte eine neue, beunruhigende Qualität, war zu einem Versteck für etwas geworden, etwas, das bisher in dem stählernen Sarkophag gefangen gewesen war und nun hinaus wollte. Alles, was er sah, waren sein eigenes und Brauns Spiegelbild, aber durch diese vertrauten Gesichter hindurch schien sie noch etwas anzugrinsen; uralt, höhnisch, böse und durch und durch gnadenlos. Das Gefühl war so intensiv, daß er nicht anders konnte, als mit zwei schnellen Schritten an Braun vorbeizugehen und den Schalter an der Wand zu berühren, der das Licht aktivierte. Aus dem farbenfressenden Spiegel wurde wieder eine Glasscheibe, die den Blick in den dahinter liegenden Raum freigab. Zwei oder drei Sekunden lang sog Mecklenburg jedes Detail der Kammer fast gierig in sich auf, erst dann gestattete er sich ein Gefühl - vorsichtiger - Erleichterung. Der stählerne Sarg war nicht mehr als eben ein stählerner Sarg, ein technisches Wunderwerk, der tatsächlich ein wenig an die goldenen Sarkophage erinnerte, wie man sie in ägyptischen Pharaonengräbern gefunden hatte. Aber auch nicht mehr. Der Raum enthielt nichts, wovor er sich hätte fürchten müssen. Nicht mehr. Das Licht hatte die Schatten vertrieben, und mit ihnen auch alles, was sich darin verborgen gehalten hatte.

Aber es würde wiederkommen, sobald das Licht gegangen war.

Mecklenburg wußte es, und als er den Kopf drehte und in Brauns Gesicht sah, da begriff er, daß Braun es genauso wußte.

12

»Hier. Trink!« Bremer hatte noch nie viel davon gehalten, Alkohol zu trinken, um sich zu beruhigen, oder überhaupt mit irgendeinem Problem fertig zu werden. Er wußte, daß es nicht funktionierte. Aber er hatte einfach nicht die Energie, Angela zu widersprechen, oder gar eine end- und sinnlose Diskussion über den Nutzen oder Schaden von Alkohol zu beginnen. Außerdem brauchte er irgend etwas, um seine Hände zu beschäftigen. So griff er nach dem Glas, das sie ihm über den Tisch hinweg zugeschoben hatte, setzte es an und leerte es mit einem einzigen Zug. Er wußte selbst hinterher nicht, was er getrunken hatte. Es schmeckte wie etwas mit einer Konzentration jenseits von Salzsäure, das brennend seinen Hals hinablief. Als es seinen Magen erreichte, verwandelte sich das Brennen in intensive Wärme, die sich rasch in seinem Leib ausbreitete. Das Zittern seiner Hände beruhigte es nicht.

»Noch einen?« fragte Angela. Sie setzte schon dazu an, aufzustehen und zur Theke zu gehen, um ein zweites Glas Was-auch-immer zu holen, aber Bremer schüttelte den Kopf, und sie ließ sich wieder zurücksinken. »Ist vielleicht auch besser so«, sagte sie. »Wir beide müssen uns unterhalten. So etwas geht besser mit einem klaren Kopf.«

»Unterhalten?« Bremer hob mit einiger Mühe den Kopf und versuchte, Angela mit Blicken zu fixieren. Es mißlang. Sein Inneres war so sehr in Aufruhr, daß es ihm nicht möglich schien, seine Gedanken länger als eine Sekunde auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren. Geschweige denn seinen Blick. Mit noch mehr Mühe schüttelte er den Kopf und fügte schleppend hinzu: »Ich wüßte nicht, worüber.«

Angelas Blick machte sehr deutlich, was sie von dieser Antwort hielt. Hätten sie sich an irgendeinem anderen Ort aufgehalten, wäre ihre Reaktion vermutlich auch etwas lautstarker ausgefallen. Zu Bremers Glück waren sie das aber nicht. Angela hatte irgendwann - vielleicht nach zehn Minuten, vielleicht nach einer Stunde, er hatte nicht die geringste Ahnung - angehalten und ihn fast gewaltsam aus dem Wagen gezerrt. Jetzt befanden sie sich in einer ziemlich kleinen, ziemlich heruntergekommenen und vor allem beinahe leeren Kneipe. Es gab nur ein halbes Dutzend Tische, die allesamt leer waren. Außer Angela und ihm selbst befanden sich nur noch der Wirt und zwei weitere Gäste hier, die an der Bar saßen und sich mit gesenkten Stimmen unterhielten. Bremer war klar, daß sie für ein gewisses Aufsehen sorgten. Er hatte keine Ahnung, wo sie waren, und Angela wahrscheinlich auch nicht. Er war ziemlich sicher, daß sie diese Kneipe nur deshalb ausgewählt hatte, weil sie trotz der vorgerückten Stunde noch auf war. Aber es war weder eine Gegend noch die Art von Gastwirtschaft, in der er normalerweise verkehrte. Und Angela schon gar nicht.

Als sie antwortete, tat sie es jedenfalls leise, mit einem Achselzucken und in einem Ton, der zumindest beiläufig klingen sollte, ohne es wirklich zu tun. »Oh, zum Beispiel über die Frage, warum ich plötzlich von Typen gejagt werde, die ich bis gestern nur aus amerikanischen Agentenfilmen kannte. Oder warum ich vorhin geglaubt habe, etwas zu sehen, von dem ich ganz sicher bin, daß ich es gar nicht gesehen haben kann... Und was es mit Azrael auf sich hat.« Wäre die winzige Pause zwischen den beiden Sätzen nicht gewesen, dann hätte ihre Frage vielleicht wirklich so beiläufig geklungen, wie sie sollte. So machte sie Bremer endgültig klar, daß sie sehr viel mehr über die ganze Sache wußte, als sie eigentlich konnte.

Bremer schwieg. Angela starrte ihn herausfordernd an, aber Bremer schwieg beharrlich weiter. Es blieb dabei: Er wollte sie nicht mit in die Sache hineinziehen - für seinen Geschmack steckte sie schon viel zu tief drin -, aber der hauptsächliche Grund für seine momentane Schweigsamkeit war ein durch und durch alberner: Er wußte nicht, wie er sie ansprechen sollte. Bremer hatte sich stets schwer damit getan, Menschen zu duzen, und andere ihn duzen zu lassen; nicht aus Überheblichkeit oder gar Arroganz - beides traf in keinster Weise auf ihn zu -, sondern weil das förmliche Sie ihm immer noch eine gewisse Distanz zu seinem Gegenüber verschaffte, die für ihn sehr wichtig war. Bremer war alles andere als kontaktscheu. Er mochte Menschen, und er liebte es, in Gesellschaft ganze Nächte durchzureden oder auch einfach nur herumzualbern. Trotzdem hatte er eine genau definierte Fluchtdistanz festgelegt, die niemand unterschreiten durfte, weder körperlich noch mit Worten, ohne daß er in Panik geriet. Angela mit ihrer schon fast aufdringlichkumpelhaften Art hatte diese Fluchtdistanz eindeutig unterschritten, aber er wußte nicht, wie er es ihr beibringen sollte, ohne sich lächerlich zu machen. Nicht nach dem, was sie gerade gemeinsam erlebt hatten. Also zog er es vor, gar nichts zu sagen.

»Also gut«, sagte sie, als das Schweigen weiter anhielt und ihr klar wurde, daß er es von sich aus auch nicht brechen würde; wenn auch bestimmt nicht, warum. »Dann fange ich eben an. Irgendeiner muß den ersten Schritt machen. Ich weiß, daß...«

»Nein«, unterbrach sie Bremer.

Angela blinzelte. »Nein? Aber du weißt doch noch gar nicht, was ich sagen wollte.«

»Das ist auch überhaupt nicht nötig«, sagte Bremer. »Diese ganze Geschichte geht nur mich etwas an, und im Grunde nicht einmal das. Nur, daß mich leider niemand gefragt hat.«

»Genauso wenig wie mich«, antwortete Angela. Sie klang ein bißchen verärgert, aber Bremer war nicht sicher, ob dieser Eindruck echt oder beabsichtigt war, um Punkte zu sammeln. »Mich nicht mit hineinziehen zu wollen, ist ja vielleicht eine noble Idee, aber sie kommt ein bißchen zu spät. Ich stecke nämlich schon drin. Ich hätte nur gerne gewußt, worin eigentlich. Ich dachte, Sendig und seine ganze Bagage wären damals endgültig aus dem Verkehr gezogen worden.« Jetzt war Bremer an der Reihe, ehrlich überrascht zu sein.

»Wie?«

»Ich sagte doch, daß ich damit anfange, mit offenen Karten zu spielen.« Angela gab sich keine besondere Mühe, ihren Triumph zu verhehlen. »Ich weiß nicht alles, aber doch so ziemlich alles über die Geschichte von damals. Und bevor du fragst: Es ist kein Zufall, daß Nördlinger mich dir zugeteilt hat. Ich habe dafür gesorgt.«

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Главный герой
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