Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Er fragte sich, wieso er eigentlich überrascht war. Er hatte kein Recht dazu. Offensichtlich hatte er eine der Grundregeln der Polizeiarbeit vergessen: prinzipiell davon auszugehen, daß die andere Seite mindestens genau so gut informiert war wie man selbst, und im Zweifelsfall nicht dümmer, sondern schlauer agierte.
Der Taxifahrer hatte bereits Tempo weggenommen und einen Gang heruntergeschaltet, aber ihm mußte Bremers Reaktion wohl aufgefallen sein, denn er fragte: »Kollegen von Ihnen?« Ohne seine Antwort abzuwarten, bremste er weiter ab und machte Anstalten, unmittelbar hinter dem BMW anzuhalten.
»Nein«, antwortete Bremer. »Nicht unbedingt. Halten Sie auf der anderen Seite. Direkt vor dem Tor.« Das Taxi beschleunigte wieder und passierte den anderen Wagen so dicht, daß wahrscheinlich nicht einmal mehr der berühmte Bierdeckel dazwischen gepaßt hätte. Als sie auf gleicher Höhe waren, drehte Brenner den Kopf zur Seite und versuchte, einen Blick in das andere Fahrzeug zu erhaschen; allerdings ohne Erfolg. Die getönten Scheiben machten es unmöglich, irgend etwas dahinter zu erkennen.
Sie fuhren ein kleines Stück weiter, wendeten und hielten vor einem überdimensionalen geschmiedeten Metalltor an. Das Gebäude dahinter war nur als Schemen zu erkennen, wirkte aber vielleicht gerade deshalb unheimlich, auf eine schwer in Worte zu fassende Weise fast lebendig. Die Kirche war nicht beleuchtet - was erwartete er, um zwei Uhr nachts? - und eine Sekunde lang fragte er sich, was zum Teufel, er hier eigentlich tat. Er wußte noch nicht einmal, ob dieser sonderbare Geistliche tatsächlich hier wohnte. Das Pfarrhaus konnte ebenso gut einen Block entfernt sein, oder auch zehn.
»Soll ich auf Sie warten?« fragte der Taxifahrer. Bremer zog seine Brieftasche hervor und zählte den Fahrpreis ab, den das Taxameter angab, einschließlich eines wirklich großzügig bemessenen Trinkgeldes. Seine impulsive Antwort auf die Frage des Mannes wäre ein klares Ja gewesen - es war gut möglich, daß er an eine verschlossene Tür klopfte, und in dieser Gegend ein neues Taxi zu bekommen, war so gut wie ausgeschlossen. Aber dann sah er hoch und blickte wieder den Wagen auf der anderen Straßenseite an, und das erleichterte ihm die Entscheidung.
»Nein«, sagte er. »Fahren Sie ruhig. Und ... noch etwas. Sind Sie verheiratet?«
»Wie?«
»Wenn Sie es sind, dann nehmen Sie Ihre Familie und fahren ein paar Tage weg.« Bremer griff erneut in die Brieftasche, nahm einen Hunderter und nach kurzem Zögern noch einen zweiten heraus und gab sie dem Fahrer. Damit war er so gut wie pleite, aber das machte nichts. Geld war vermutlich das letzte, was er in den nächsten Tagen brauchte.
»Sie ziehen mich doch da nicht in eine krumme Geschichte hinein?«
»Machen Sie sich einfach ein paar schöne Tage«, sagte Bremer. Angesichts der Summe, die er dem Mann gegeben hatte, ein lächerlicher Vorschlag, aber mehr hatte er nicht. »Falls jemand kommt und sich nach mir erkundigt, sagen Sie die Wahrheit.«
»Was für eine Wahrheit?« fragte der Fahrer. »Ich weiß doch gar nichts.«
»Eben.« Bremer stieg aus, warf die Tür sehr viel heftiger ins Schloß, als nötig gewesen wäre, und wartete, bis der Wagen abgefahren war. Dabei hielt er den BMW auf der anderen Straßenseite aufmerksam im Auge. Nichts rührte sich. Zumindest fuhren sie nicht gleich hinterher, um den armen Kerl aus dem Verkehr zu ziehen.
Wahrscheinlich sah er zu schwarz, versuchte er sich zu beruhigen. Seine Verfolger hatten anderes zu tun, als einen harmlosen Taxifahrer zu jagen. Sie würden ihm maximal ein paar Fragen stellen und es damit gut sein lassen. Sie wären dämlich, mehr zu tun. Einen Menschen einfach verschwinden zu lassen, wirbelte viel zuviel Staub auf. Trotzdem blieb er reglos stehen und wartete, bis der Wagen hinter der nächsten Biegung verschwunden war. Erst dann drehte er sich herum, öffnete das Tor und trat hindurch. Augenblicklich vergaß er den Taxifahrer, die Männer im blauen BMW und auch alles andere. Die Szenerie, die sich vor ihm ausbreitete, war durch und durch gespenstisch. Sie hätte aus einem Hammer-Film aus den Fünfzigern stammen können, abgesehen davon vielleicht, daß ihr die rührende Naivität jener Szenarien fehlte. Trotzdem wirkte sie genau so unwirklich - und auf eine ganz und gar nicht schwer in Worte zu fassende Weise furchteinflößend.
Die Kirche war überraschend groß und wirkte dadurch, daß sie vollkommen allein auf dem weitläufigen Grundstück stand, noch größer; ein gotischer Prachtbau, der zu DDR-Zeiten bewußt dem Verfall anheim gegeben worden war und sich diesem mit der Beharrlichkeit wirklich alter Gebäude widersetzt hatte. Auf der linken Seite des Grundstückes erstreckte sich das, was einmal ein Friedhof gewesen war: Einige zum Teil vollständig umgestürzte Grabsteine, und zwei oder drei lebensgroße Statuen, die vielleicht Engel darstellen mochten. Bremer hütete sich, genau hinzusehen. Es gab Dinge, die man schon durch Blicke wecken konnte - vor allem solche, die in einem selbst waren. Sehr viel hätte er ohnehin nicht erkennen können. Trotz des noch immer anhaltenden leichten Nieselregens war Nebel aufgekommen, der nicht sehr dicht war, trotzdem aber alles ineinanderfließen ließ, was weiter als zwanzig oder dreißig Schritte entfernt lag. Außerdem hatte er die unangenehme Eigenschaft, den Eindruck von Bewegung zu erwecken, wo keine war. Und in dem Zustand, in dem sich Bremer befand, tat er vielleicht gut daran, seiner Fantasie nicht noch mehr Nahrung zu geben.
Er beschleunigte seine Schritte, eilte die breite Treppe zum Kirchenportal hoch und vermied es dabei ganz bewußt, das Gebäude zu genau zu betrachten. Rechts und links, aber auch über dem Portal, starrten ihn dämonenköpfige Wasserspeier und verschnörkelte Gargoylen an; noch mehr Futter für seine Fantasie, das er in Moment nun wirklich nicht gebrauchen konnte.
Trotzdem blieb er noch einmal stehen und sah sich um, ehe er die Hand nach dem Türgriff ausstreckte. Wenn es so etwas wie ein Pfarrhaus gab, dann lag es entweder genau auf der anderen Seite oder war hinter den immer dichter werdenden Nebelschwaden verborgen. Höchstwahrscheinlich gab es keines.
Bremer gestand sich ein, daß er alles andere als professionell vorging. Von dem Moment an, in dem er Angela in seine Wohnung gelassen hatte, hatte er so ziemlich alles falschgemacht, was man nur falsch machen konnte. Aber schließlich hatte ihn auch niemand auf eine solche Situation vorbereitet.
Er verscheuchte den Gedanken, streckte die Hand aus und drückte die schwere Klinke nach unten. Wenn er Vater Thomas nicht antraf, dann hatte er wenigstens ein trockenes Plätzchen, an dem er den Rest der Nacht zubringen konnte. Vielleicht fand er sogar ein paar Stunden Schlaf. Er war sehr müde. Die Zeiten, in denen er ganze Nächte durchmachen und am nächsten Morgen unbeeindruckt weitermachen konnte, als wäre nichts geschehen, waren schon lange vorbei.
Die Tür war sehr schwer, aber nicht verschlossen, und als Bremer sich mit immer noch höllisch schmerzender Schulter dagegen stemmte und sie aufschob, sah er, daß dahinter noch Licht brannte, auch wenn es sich nur um einen blassen, rötlich gelben Schimmer handelte. Er trat nicht gerade durch die Tür, sondern schraubte sich mit einer Dreihundertsechzig-Grad-Drehung hindurch, um noch einen letzten Blick auf den Wagen auf der anderen Straßenseite zu werfen. Hinter den getönten Scheiben rührte sich immer noch nichts, aber für einen kurzen Moment, vielleicht nur den hundertsten Teil einer Sekunde, glaubte er einen hektischen Tanz der Schatten zu beobachten, als hätten sich tausende rauchiger Nebelfalter aus ihrem Versteck jenseits der Wirklichkeit gelöst und umkreisten das Fahrzeug.