Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
- Автор: Энде Михаэль Андреас Гельмут
- Язык: немецкий
- Жанр: Сказки народов мира
Электронная книга - «Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte». Краткое содержание книги:
Das also hatte Meister Hora gemeint, als er gesagt hatte, die Worte müssten erst in ihr wachsen!
Oder war am Ende alles nur ein Traum gewesen? War das alles gar nicht wirklich geschehen?
Aber während Momo noch überlegte, sah sie unten auf dem runden Platz in der Mitte etwas krabbeln. Es war eine Schildkröte, die da ganz gemächlich nach essbaren Kräutern suchte!
Rasch kletterte Momo zu ihr hinunter und hockte sich neben sie auf den Boden. Die Schildkröte hob nur kurz den Kopf, musterte das Kind mit ihren uralten, schwarzen Augen und fraß dann geruhsam weiter.
»Guten Morgen, Schildkröte«, sagte Momo. Keine Antwort erschien auf dem Rückenpanzer.
»Warst du es«, fragte Momo,»die mich heute Nacht zu Meister Hora geführt hat?«
Wieder keine Antwort. Momo seufzte enttäuscht.»Schade«, murmelte sie,»also bist du nur eine gewöhnliche Schildkröte und nicht die… ach, ich hab den Namen vergessen. Es war ein schöner Name, aber lang und seltsam. Ich hab ihn noch nie vorher gehört.«
»kassiopeia!«, stand plötzlich in schwach leuchtenden Buchstaben auf dem Panzer der Schildkröte. Momo entzifferte es entzückt.
»Ja!«, rief sie und klatschte in die Hände.»Das war der Name! Dann bist du's ja doch? Du bist Meister Horas Schildkröte, nicht war?«
»WER DENN SONST?«
»Aber warum hast du mir denn zuerst nicht geantwortet?«
»ich frühstücke«, war auf dem Panzer zu lesen.
»Entschuldige!«, erwiderte Momo.»Ich wollte dich ja nicht stören. Ich möchte nur gern wissen, wie es kommt, dass ich auf einmal wieder hier bin?«
»dein wunsch!«, erschien als Antwort.
»Sonderbar«, murmelte Momo,»daran kann ich mich gar nicht erinnern. Und du, Kassiopeia? Warum bist du nicht bei Meister Hora geblieben, sondern mit mir gekommen?«
»mein wunsch!«, stand auf dem Rückenpanzer.
»Vielen Dank«, sagte Momo,»das ist lieb von dir.«
»bitte«, war die Antwort. Damit schien für die Schildkröte die Unterhaltung zunächst beendet, denn sie stapfte weiter um ihr unterbrochenes Frühstück fortzusetzen.
Momo setzte sich auf die steinernen Stufen und freute sich auf Beppo, Gigi und die Kinder. Sie lauschte wieder auf die Musik, die nicht aufhörte in ihrem Inneren zu klingen. Und obwohl sie ganz allein war und kein Mensch ihr zuhörte, sang sie immer lauter und beherzter die Melodien und die Worte mit, geradewegs in die aufgehende Sonne hinein. Und es schien ihr, als ob die Vögel und die Grillen und die Bäume und sogar die alten Steine diesmal ihr zuhörten.
Sie konnte nicht wissen, dass sie für lange Zeit keine anderen Zuhörer mehr finden würde. Sie konnte nicht wissen, dass sie ganz vergeblich auf ihre Freunde wartete, dass sie sehr lange fort gewesen war und dass die Welt sich inzwischen verändert hatte. -
Mit Gigi Fremdenführer hatten die grauen Herren es vergleichsweise leicht gehabt.
Es hatte damit begonnen, dass etwa vor einem Jahr, kurz nach dem Tag, an dem Momo plötzlich spurlos verschwunden war, ein längerer Artikel über Gigi in der Zeitung erschien.»Der letzte wirkliche Geschichtenerzähler«, stand da. Außerdem wurde berichtet, wo und wann man ihn treffen könne und er sei eine Attraktion, die man nicht versäumen dürfe.
Daraufhin kamen immer häufiger Leute zu dem alten Amphitheater, die Gigi sehen und hören wollten. Gigi hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden.
Er erzählte wie immer, was ihm gerade einfiel und ging anschließend mit seiner Mütze herum, die jedes Mal voller von Münzen und Geldscheinen war. Bald wurde er von einem Reiseunternehmen angestellt, das ihm zusätzlich noch eine feste Summe bezahlte für das Recht, ihn selbst als Sehenswürdigkeit zu präsentieren. Die Reisenden wurden in Autobussen herbeigeschafft und schon nach kurzer Zeit musste Gigi einen regelrechten Stundenplan einhalten, damit auch wirklich alle, die dafür bezahlt hatten, Gelegenheit fanden, ihn zu hören.
Schon damals begann Momo ihm sehr zu fehlen, denn seine Geschichten hatten keine Flügel mehr, obgleich er sich noch immer standhaft weigerte, die gleiche Geschichte zweimal zu erzählen, selbst als ihm das doppelte Geld dafür geboten wurde.
Nach wenigen Monaten hatte er es nicht mehr nötig beim alten Amphitheater aufzutreten und mit der Mütze herumzugehen. Der Rundfunk holte ihn und wenig später sogar das Fernsehen. Dort erzählte er nun dreimal wöchentlich vor Millionen von Zuhörern seine Geschichten und er verdiente eine Menge Geld.
Inzwischen wohnte er auch nicht mehr in der Nähe des alten Amphitheaters, sondern in einem ganz anderen Stadtteil, dort wo alle reichen und berühmten Leute wohnten. Er hatte ein großes modernes Haus gemietet, das mitten in einem gepflegten Park lag. Er nannte sich auch nicht mehr Gigi, sondern Girolamo.
Natürlich hatte er längst aufgehört, wie früher immer neue Geschichten zu erfinden. Er hatte gar keine Zeit mehr dazu.
Er begann haushälterisch mit seinen Einfallen umzugehen. Aus einem einzigen machte er jetzt manchmal fünf verschiedene Geschichten.
Und als auch das nicht mehr genügte, um der immer noch zunehmenden Nachfrage gerecht zu werden, tat er eines Tages etwas, das er nicht hätte tun dürfen: Er erzählte eine der Geschichten, die Momo ganz allein gehörte.
Sie wurde ebenso hastig verschlungen wie alle anderen und war sofort wieder vergessen. Man forderte weitere Geschichten von ihm.
Gigi war so benommen von diesem Tempo, dass er, ohne sich zu besinnen, hintereinanderweg alle Geschichten preisgab, die nur für Momo bestimmt gewesen waren. Und als er die letzte erzählt hatte, fühlte er plötzlich, dass er leer und ausgehöhlt war und nichts mehr erfinden konnte.
In seiner Angst, der Erfolg könne ihn wieder verlassen, begann er alle seine Geschichten noch einmal zu erzählen, nur mit neuen Namen und ein bisschen verändert. Und das Erstaunliche war, dass niemand es zu bemerken schien. Jedenfalls beeinträchtigte es die Nachfrage nicht. Daran hielt Gigi sich fest wie ein Ertrinkender an einer Holzplanke. Denn nun war er doch reich und berühmt - und war es nicht das gewesen, wovon er immer geträumt hatte?
Aber manchmal des Nachts, wenn er in seinem Bett mit der seidenen Steppdecke lag, sehnte er sich zurück nach dem anderen Leben, wo er mit Momo und dem alten Beppo und den Kindern hatte zusammen sein können und wo er wirklich noch zu erzählen verstanden hatte.
Aber dorthin führte kein Weg zurück, denn Momo war und blieb verschwunden. Anfangs hatte Gigi einige ernstliche Versuche gemacht sie wiederzufinden, später war ihm dazu keine Zeit mehr geblieben. Er hatte nun drei tüchtige Sekretärinnen, die für ihn Verträge abschlossen, denen er seine Geschichten diktierte, die Reklame für ihn machten und seine Termine regelten. Aber ein Termin für die Suche nach Momo ließ sich niemals mehr einschieben.
Von dem alten Gigi war nur noch wenig übrig geblieben. Aber eines Tages raffte er dieses wenige zusammen und beschloss sich auf sich selbst zu besinnen. Er war doch nun jemand, so sagte er sich, dessen Stimme Gewicht hatte und auf den Millionen hörten. Wer, wenn nicht er, konnte den Menschen die Wahrheit sagen! Er wollte ihnen von den grauen Herren erzählen! Und er wollte dazu sagen, dass dies keine erfundene Geschichte sei und dass er alle seine Zuhörer bitte, ihm bei der Suche nach Momo zu helfen.