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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte

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Momo oderDie seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte
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Diesen Entschluss hatte er in einer jener Nächte gefasst, in denen er sich nach seinen alten Freunden sehnte. Und als die Morgendämmerung kam, saß er bereits an seinem großen Schreibtisch, um sich Notizen zu seinem Plan zu machen. Doch ehe er noch das erste Wort niedergeschrieben hatte, schrillte das Telefon. Er hob ab, horchte und erstarrte vor Entsetzen.

Eine seltsam tonlose, sozusagen aschengraue Stimme sprach zu ihm und er fühlte gleichzeitig eine Kälte in sich aufsteigen, die aus dem Mark seiner Knochen zu kommen schien.

»Lass das sein!«, sprach die Stimme.»Wir raten es dir im Guten.«

»Wer ist da?«, fragte Gigi.

»Das weißt du ganz gut«, antwortete die Stimme.»Wir brauchen uns wohl nicht vorzustellen. Du hast zwar bisher noch nicht persönlich das Vergnügen mit uns gehabt, aber du gehörst uns schon längst mit Haut und Haar. Sag nur, du wüsstest das nicht!«

»Was wollt ihr von mir?«

»Was du dir da vorgenommen hast, das gefällt uns nicht. Sei brav und lass es bleiben, ja?«

Gigi nahm all seinen Mut zusammen.

»Nein«, sagte er,»ich lasse es nicht bleiben. Ich bin nicht mehr der kleine, unbekannte Gigi Fremdenführer. Ich bin jetzt ein großer Mann. Wir werden ja sehen, ob ihr es mit mir aufnehmen könnt.«

Die Stimme lachte tonlos und Gigi begannen plötzlich die Zähne aufeinander zu schlagen.

»Du bist niemand«, sagte die Stimme.»Wir haben dich gemacht. Du bist eine Gummipuppe. Wir haben dich aufgeblasen. Aber wenn du uns Ärger machst, dann lassen wir die Luft wieder aus dir heraus. Oder glaubst du im Ernst, dass du es dir und deinem unbedeutenden Talent zu verdanken hast, was du jetzt bist?«

»Ja, das glaube ich«, erwiderte Gigi heiser.

»Armer kleiner Gigi«, sagte die Stimme,»du bist und bleibst ein Phantast. Früher warst du Prinz Girolamo in der Maske des armen Schluckers Gigi. Und was bist du nun? Der arme Schlucker Gigi in der Maske des Prinzen Girolamo.

Trotzdem, du solltest uns dankbar sein, denn schließlich waren wir es doch, die dir alle deine Träume erfüllt haben.«

»Das ist nicht wahr!«, stammelte Gigi.»Das ist Lüge!«

»Du liebe Zeit!«, antwortete die Stimme und lachte wieder tonlos.»Ausgerechnet du willst uns mit der Wahrheit kommen? Du hattest doch früher immer so viele schöne Sprüche von wegen wahr und nicht wahr. Ach nein, armer Gigi, es wird dir nicht gut bekommen, wenn du versuchst, dich auf die Wahrheit zu berufen. Berühmt bist du mit unserer Hilfe für deine Flunkereien. Für die Wahrheit bist du nicht zuständig. Darum lass es sein!«

»Was habt ihr mit Momo gemacht?«, flüsterte Gigi.

»Darüber zerbrich dir nicht deinen niedlichen Wirrkopf! Ihr kannst du nicht mehr helfen - schon gar nicht, indem du nun diese Geschichte über uns erzählst. Das Einzige, was du damit erreichen wirst, ist, dass dein schöner Erfolg genau so schnell vorbei sein wird, wie er gekommen ist. Natürlich musst du das selbst entscheiden. Wir wollen dich nicht abhalten, den Helden zu spielen und dich zu ruinieren, wenn dir so viel daran liegt. Aber du kannst nicht von uns erwarten, dass wir weiterhin unsere schützende Hand über dich halten, wenn du so undankbar bist. Ist es denn nicht viel angenehmer, reich und berühmt zu sein?«

»Doch«, antwortete Gigi mit erstickter Stimme.

»Na, siehst du! Also - lass uns aus dem Spiel, ja? Erzähle den Leuten lieber weiterhin das, was sie von dir hören wollen!«

»Wie soll ich das machen?«, brachte Gigi mit Anstrengung hervor.»Jetzt, wo ich das alles weiß.«

»Ich gebe dir einen guten Rat: Nimm dich selbst nicht so ernst. Es kommt wirklich nicht auf dich an. So betrachtet, kannst du doch sehr schön weitermachen wie bisher!«

»Ja«, flüsterte Gigi und starrte vor sich hin,»so betrachtet…«

Dann klickte es im Hörer und auch Gigi hängte ein. Er fiel vornüber auf die Platte seines großen Schreibtisches und verbarg das Gesicht in seinen Armen. Ein lautloses Schluchzen schüttelte ihn. Von diesem Tag an hatte Gigi alle Selbstachtung verloren. Er gab seinen Plan auf und machte weiter wie bisher, aber er fühlte sich dabei wie ein Betrüger. Und das war er ja auch. Früher hatte ihn seine Phantasie ihre schwebenden Wege geführt und er war ihr unbekümmert gefolgt.

Aber nun log er!

Er machte sich zum Hanswurst, zum Hampelmann seines Publikums und er wusste es. Er begann seine Tätigkeit zu hassen. Und so wurden seine Geschichten immer alberner oder rührseliger.

Aber das tat seinem Erfolg nicht etwa Abbruch, im Gegenteil, man nannte es einen neuen Stil und viele versuchten ihn nachzuahmen. Er wurde große Mode. Aber Gigi hatte keine Freude daran. Er wusste ja nun, wem er das alles verdankte. Er hatte nichts gewonnen. Er hatte alles verloren.

Aber er raste weiter mit dem Auto von Termin zu Termin, er flog mit den schnellsten Flugzeugen und er diktierte unaufhörlich, wo er ging und stand, den Sekretärinnen seine alten Geschichten im neuen Gewand. Er war - wie in allen Zeitungen stand -»erstaunlich fruchtbar«. So war aus dem Träumer Gigi der Lügner Girolamo geworden.

Viel schwerer war es den grauen Herren geworden mit dem alten Beppo Straßenkehrer fertig zu werden.

Nach jener Nacht, in der Momo verschwunden war, saß er, wann immer seine Arbeit es ihm erlaubte, im alten Amphitheater und wartete. Seine Sorge und Unruhe wuchs von Tag zu Tag. Und als er es schließlich nicht mehr aushalten konnte, beschloss er trotz aller berechtigten Einwände, die Gigi vorgebracht hatte, zur Polizei zu gehen.

»Immer noch besser«, sagte er sich,»sie stecken Momo wieder in solch ein Heim mit Gittern vor den Fenstern, als dass die Grauen sie gefangen halten. Falls sie überhaupt noch am Leben ist. Aus so einem Heim ist sie schon mal ausgerissen und kann es wieder tun. Vielleicht kann ich auch dafür sorgen, dass sie gar nicht erst reinkommt. Aber erst muss man sie jetzt finden.«

Er ging also zur nächsten Polizeiwache, die am Stadtrand lag. Eine Weile stand er noch vor der Tür herum und drehte seinen Hut in den Händen, dann fasste er sich ein Herz und ging hinein.

»Sie wünschen?«, fragte der Polizist, der gerade damit beschäftigt war, ein langes und schwieriges Formular auszufüllen. Beppo brauchte eine Weile, ehe er hervorbrachte:»Es muss da nämlich etwas Schreckliches geschehen sein.«

»So?«, fragte der Polizist, der immer noch weiterschrieb.»Worum handelt es sich denn?«

»Es handelt sich«, antwortete Beppo,»um unsere Momo.«

»Ein Kind?«

»Ja, ein kleines Mädchen.«

»Ist es Ihr Kind?«

»Nein«, sagte Beppo verwirrt,»das heißt, ja, aber der Vater bin ich nicht.«

»Nein, das heißt ja!«, sagte der Polizist ärgerlich.»Wessen Kind ist es denn? Wer sind seine Eltern?«

»Das weiß niemand«, antwortete Beppo.

»Wo ist das Kind denn gemeldet?«

»Gemeldet?«, fragte Beppo.»Na, ich denke, bei uns. Wir kennen es alle.«

»Also nicht gemeldet«, stellte der Polizist seufzend fest.»Wissen Sie, dass so was verboten ist? Wo kämen wir denn da hin! Bei wem wohnt das Kind?«

»Bei sich«, erwiderte Beppo,»das heißt, im alten Ampitheater. Aber da wohnt sie ja nun nicht mehr. Sie ist weg.«

»Augenblick mal«, sagte der Polizist,»wenn ich richtig verstehe, dann wohnte bis jetzt in der Ruine da draußen ein vagabundierendes kleines Mädchen namens… wie sagten Sie?«

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