Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
Erstmals präsentiert sich hier Bestsellerautorin Elizabeth George,»die Meisterin des englischen Kriminalromans «als Herausgeberin: 26 spannende und raffinierte Kriminalgeschichten von den besten Autorinnen der Welt, wie Dorothy L. Sayers, Ruth Rendell, Sara Paretsky, Minette Walters, Marcia Muller, Nadine Gordimer, Joyce Carol Oates und vielen anderen. Mit einer Einführung von Elizabeth George!
Haben Sie je einen Menschen Geld anzünden sehen?
Echtes Geld — das er als Fidibus zum Anzünden einer Zigarette benutzte, aus purer Angeberei? Ich schon. Und deshalb war mir, als Sie eben das Wort» Psychologe« verwendeten, als ob ein kleiner Fisch in meinem Magen hochhüpfte, und die Kehle wurde mir plötzlich eng.
Vielleicht halten Sie mich jetzt für übertrieben zimperlich.
Also, ich weiß nicht.
Ich bin in dieser Straße geboren. Als Mädchen ging ich hier gleich um die Ecke zur Schule, und später, nach Abschluss meiner Lehre in den großen Bekleidungshäusern hier und in Frankreich, übernahm ich den Pachtvertrag für dieses alte Haus und machte daraus das schicke, kleine Modegeschäft, das Sie nun sehen. Und als ich zurückkehrte, um mich selbstständig zu machen, fiel mir die Veränderung auf, die mit Louise vor sich gegangen war.
Als wir zusammen zur Schule gegangen waren, war sie eine rechte Schönheit gewesen, mit fließendem strohblondem Haar und dem wilden, schlauen Grinsen der Cockney-Gören. Die anderen Kinder hänselten sie immer, weil sie besser aussah als wir. Damals war die Straße ganz genauso wie heute. Die Adelaide Street in Soho: heruntergekommen und schmutzig und doch romantisch, und über den gesamten unordentlichen Verlauf führte jede zweite Tür in irgendeine Art von Restaurant. Hier kann man in jeder Sprache der Welt essen. Einige Lokale sind so teuer wie das Ritz, andere so billig wie Le Coq au Vin von Louises Papa mit der einen Gaststube und der einsamen Palme im weiß getünchten Kübel draußen vor der Tür.
Louise hatte ein kleines Schwesterchen und einen Vater, der kaum Englisch konnte, der einen unter seinen geschwungenen Brauen hervor aber aus stolzen, fremdländischen Augen musterte. Ich war mir kaum bewusst, dass sie auch eine Mutter hatte, bis jene graue Frau eines Tages aus dem Keller unter dem Restaurant heraufkam, um ein Machtwort zu sprechen und Louise, statt mit mir den Zauber der Werkstätten kennen zu lernen, in die Küchenräume des Le Coq au Vin abtauchen musste.
Lange Zeit tauschten wir noch Geburtstagskarten aus, dann schlief auch dieser Kontakt ein. Trotzdem habe ich Louise nie ganz vergessen, und als ich in die Straße zurückkehrte, freute ich mich, den Namen Frosné immer noch unter dem Schild des Coq au Vin zu sehen. Das Lokal wirkte viel heller und freundlicher als in meiner Erinnerung und schien recht gut zu gehen. Jedenfalls litt es nicht länger unter dem Vergleich mit dem teuren Glass Mountain gegenüber, das von Adelbert betrieben wurde.
Ein Restaurant dieses Namens existiert in dieser Straße nicht mehr, und es gibt auch keinen Restaurantbesitzer namens Adelbert, doch erinnern sich die Essensgäste von damals vielleicht noch an ihn — wenn nicht wegen seines Essens, so doch wenigstens wegen seiner Selbstgefälligkeit und der beiden weißen Fettwülste, die seine Augenlider bildeten.
Sobald ich einen Augenblick erübrigen konnte, ging ich Louise besuchen. Es war ein Schock, denn ich erkannte sie kaum wieder, sie jedoch wusste sofort, wer ich war, und kam hinter dem Kassiertischchen hervor, um mich gebührend zu begrüßen. Es war ein Bild des Jammers. Auf ihrem Gesicht schien eine dünne Schicht Eis aufzubrechen — als hätte ich durch mein unerwartetes Auftauchen eine Barriere niedergerissen.
Innerhalb der ersten zehn Minuten erfuhr ich sämtliche Neuigkeiten. Die beiden alten Leutchen waren tot. Die Mutter war zuerst gestorben, doch der Alte war ihr erst ein paar Jahre später gefolgt, und in der Zwischenzeit hatte Louise die ganze Last und dazu seine Grillen und Launen auf ihren Schultern getragen. Doch sie beklagte sich nicht.
Inzwischen hatte sie es ein wenig leichter. Violetta, die kleine Schwester, ging mit einem jungen Mann, der seinen Wert bewies, indem er für einen Hungerlohn arbeitete und das Gastgewerbe erlernte.
In gewissem Sinn war es eine Erfolgsgeschichte, und doch fand ich, dass Louise ziemlich teuer dafür gezahlt hatte. Obwohl sie ein Jahr jünger war als ich, sah sie aus, als hätte das Leben sie bereits ausgebrannt und sie hart und blank gerieben wie einen Knochen in der Sonne liegen lassen. Die goldene Farbe war aus ihrem Haar gewichen, und sogar die dichten Wimpern wirkten ausgebleicht und mattbraun wie Packleinwand. Und noch etwas: Sie hatte so etwas Gehetztes an sich, das ich überhaupt nicht begreifen konnte.
Mit der Zeit gewöhnte ich mir an, einmal wöchentlich bei ihr zu Abend zu essen, und bei diesen kleinen Mahlzeiten erzählte sie. Es war offenkundig, dass sie nie den Mund aufmachte, um mit anderen Leuten über etwas Persönliches zu reden, mir jedoch vertraute sie irgendwie.
Trotzdem dauerte es Monate, bis ich herausbekam, was mit ihr los war. Als es herauskam, war mir alles klar.
Auf dem Coq au Vin lag eine schwere Schuldenlast. Zu Mama Frosnés Zeit hatte die Familie nie einen Penny geschuldet, doch in den paar Jahren zwischen ihrem Tod und seinem eigenen hatte Papa Frosné es fertig gebracht, sich nicht nur an die viertausend Pfund von Adelbert vom Glass Mountain zu leihen, sondern auch jeden müden Penny davon bei irgendwelchen blödsinnigen senilen Transaktionen zu verlieren.
Louise zahlte es in Raten zu je fünfhundert Pfund zurück. Als sie mir davon erzählte, sah ich ihr zufällig gerade in die Augen und erblickte darin das blanke Grausen. Es hat wohl immer Menschen gegeben, die Schulden auf die gleiche Weise ertragen können wie manche die Trunksucht. Es mag ihre Konstitution schwächen, schäbig aussehen lässt es sie aber nicht.
Anderen dagegen fügt Schuldnerschaft Unaussprechliches zu. Bei Louise kam der Teufel ganz sicher auf seine Kosten.
Ich widersprach ihr natürlich nicht. Das stand mir nicht zu. Ich saß da und zeigte mich mitfühlend, bis sie mich plötzlich mit der folgenden Bemerkung überraschte:»Es ist nicht so sehr die Arbeit und die vielen Sorgen, ja nicht mal das sparsame Knausern, was ich so sehr hasse.
Sondern diese schreckliche Zeremonie, wenn ich es ihm zahlen muss. Davor graut mir wirklich.« «Du bist zu sensibel«, sagte ich zu ihr.»Sobald du das Geld auf dem Konto hast, steckst du den Scheck in einen Umschlag, schickst ihm den und vergisst das Ganze!« Sie warf mir einen seltsamen Blick zu; ihre Augen zwischen den ausgebleichten Wimpern waren fast bleigrau.
«Da kennst du Adelbert nicht«, sagte sie.»Der ist ein ziemlich kranker Typ. Ich muss ihm Bargeld geben, und er macht eine richtige kleine Vorführung daraus. Er kommt zum vereinbarten Termin hierher, trinkt etwas und will Violetta als Publikum und Zeugin dabei haben. Wenn ich mir keine Aufregung anmerken lasse, redet er so lange weiter, bis ich’s tue. Nennt sich einen Psychologen — und behauptet, er weiß genau, was ich denke.« «So würde ich ihn nicht nennen«, sagte ich. Ich war entrüstet. So etwas hasse ich.
Louise zögerte.»Ich habe ihn das meiste Geld verbrennen sehen, einfach so, um Eindruck zu schinden«, gab sie zu.»Direkt vor mir.« Ich spürte, wie sich meine Augenbrauen bis zum Haaransatz hoben.»Das kann doch nicht dein Ernst sein!«, rief ich aus.»Der Kerl ist ja wohl nicht bei Trost.« Als sie aufseufzte, blickte ich sie scharf an.
«Aber Louise, der ist doch zwanzig Jahre älter als du«, begann ich.»Zwischen euch kann doch nie was gewesen sein, oder? Du weißt schon … so etwas?« «Nein. Nein, da war auch nichts, Ellie, ehrlich. «Ich glaubte ihr — sie war da sehr offen und sichtlich ebenso verwirrt wie ich.»Er hat mit Papa aber einmal wegen mir gesprochen, als ich noch ein junges Mädchen war. Hat in aller Form um mich angehalten, weißt du, so wie es damals hier üblich war. Ich habe nie erfahren, was mein alter Herr sagte, aber der nahm ja nie ein Blatt vor den Mund, stimmt’s? Ich weiß nur noch, dass ich eine Weile außer Sichtweite unten im Keller bleiben musste und Mama mich danach behandelte, als hätte ich was ausgefressen. Ich hatte mit dem Mann aber gar nie gesprochen — so einer wie der wäre einem jungen Mädchen doch nicht aufgefallen, oder? Das ist allerdings schon Jahre her. Kann sein, dass sich Adelbert nach all dieser Zeit noch daran erinnert — aber das ist doch unvernünftig, nicht?« «Auf jeden Fall«, erwiderte ich.»Nächstes Mal bin ich Zeugin.« «Das würde Adelbert gefallen«, sagte Louise verdrossen.